Elefantenrunde: Martin Schulz flippt aus - und attackiert Angela Merkel

So, 24.09.2017, 19.13 Uhr

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat die große Koalition für beendet erklärt. "Mit dem heutigen Abend endet die Zusammenarbeit mit der CDU/CSU", sagte Schulz in Berlin.

Ein aufgekratzter Martin Schulz hat in der „Berliner Runde“ einen bemerkenswerten Auftritt. Kanzlerin Angela Merkel stört es wenig.

Berlin.  Gerade hat Martin Schulz das schlechteste Ergebnis der SPD bei einer Bundestagswahl eingefahren – doch in Sack und Asche gehen ist seine Sache nicht. Da knöpft er sich in der „Berliner Runde“ von ARD und ZDF lieber die Kanzlerin vor.

Angela Merkel habe „einen skandalösen Wahlkampf geführt“ und durch ihre „systematische Verweigerung von Politik“ die AfD stark gemacht, so Schulz. Merkel müsse eine „verdiente Niederlage“ einstecken. Und nun? „Frau Merkel wird, um das Kanzleramt zu verteidigen, jede Konzession machen“, poltert der gescheiterte Kanzlerkandidat der SPD. Er gehe von einer „Jamaika“-Koalition von Union, FDP und Grünen aus.

Ein bisschen wie bei Schröder 2005

Es ist an diesem besonderen Wahlabend ein bisschen so wie am Wahlabend 2005. Damals hatte der Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) mit einem ähnlich Testosteron-geladenen Auftritt für Furore gesorgt. Die SPD hatte besser abgeschnitten, lag aber hinter der CDU, für Rot-Grün reichte es nicht mehr. Trotzdem verkündete in sichtlich aufgekratzter Kanzler: „Niemand außer mir“ sei in der Lage eine stabile Regierung anzuführen, „niemand“. Schröder weiter: „Verglichen mit dem, was in diesem Land geschrieben und gesendet worden ist, gibt es doch einen eindeutigen Verlierer – und das ist ja nun wirklich Frau Merkel.“ Wie es ausging, ist bekannt: Merkel wurde doch Kanzlerin, Schröder Lobbyist.

Und nun macht Martin Schulz den Schröder – jedenfalls ein bisschen. „Sie machen jetzt das, was Sie im Wahlkampf hätten machen sollen, nämlich die harte Auseinandersetzung“, kommentiert Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt den Wutausbruch des SPD-Mannes.

Schulz: „Das ist ein starkes Stück“

Doch der ist nicht gar zu bremsen. „Das ist ein starkes Stück, was Sie hier sagen“, fährt er Merkel an, als die an die demokratische Verantwortung der SPD appelliert. Und in Richtung der beiden Moderatoren und Chefredakteure Rainald Becker (ARD) und Peter Frey (ZDF) bellt Schulz, es reiche ihm, „immer eine Lektion erteilt zu bekommen“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Jetzt rede er mal.

Angela Merkel geht auf die Anwürfe des Noch-Koalitionspartners nicht groß ein. Wie schon 2005 bei Schröder lässt sie die Wutrede ihres sozialdemokratischen Kontrahenten weitgehend abtropfen – und redet sich das satte Minus der Union von mehr als acht Prozent schön: „Wir sind klar stärkste Kraft geworden, gegen uns kann keine Regierung gebildet werden. Es ist ein Ergebnis, auf dem sich aufbauen lässt.“ Und Jamaika? Sie werde sich an diesem Abend „nicht mit irgendwelchen Schachereien beschäftigen“, so die Kanzlerin. In der Ruhe liege die Kraft.

Meuthen: AfD wird „harte Opposition“ machen

Erstmals sitzt ein Vertreter der AfD mit in dieser „Elefantenrunde“ am Wahlabend. Der Co-Parteivorsitzende Jörg Meuthen kündigt „eine harte Opposition“ im neuen Bundestag an. Egal wer demnächst regiert, er werde „sich warm anziehen müssen“. Krawall sei für die AfD „keine Kategorie“. Aber: „Ein Parlament ohne Provokation kann es nicht geben.“

Die anderen in der Runde tun das, was sie schon während des Wahlkampf gemacht haben: Sie arbeiten sich weitgehend ander AfD ab. Die Partei pflege „völkische Reinheitsgedanken“, sagt FDP-Chef Christian Lindner. Linke-Frontfrau Katja Kipping diagnostiziert „eine gesellschaftliche Rechtsverschiebung“ und spricht von „Nazis und Rassisten“. Und auch Merkel kritisiert die AfD für den Satz von Parteivize Alexander Gauland, die Staatssekretärin Aydan Özoguz „in Anatolien zu entsorgen“.

Joachim Herrmann attackiert Moderatoren

Und dann ist da noch ein Wutredner: Joachim Herrmann von der CSU, dessen Partei bei der Wahl ebenfalls eine herbe Schlappe kassieren musste. Er fühlt sich jetzt bei der Gesprächszeit benachteiligt. Und überhaupt: „Jetzt wird schon wieder die Hälfte der Sendezeit über die AfD gesprochen“, meckert der CSU-Spitzenkandidat. Und dann geht auch Herrmann die Moderatoren an. ARD und ZDF hätten „durch ihre Berichterstattung dazu beigetragen, die AfD groß zu machen“.

Vielleicht erwaretet Herrmann in diesem Moment die Unterstützung von Martin Schulz. Doch der hat sich zu diesem Zeitpunkt schon wieder abgeregt.

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