Autor Gerhard Matzig rechnet mit dem Wutbürger ab

Wilhelm Klümper
Forum der Sueddeutschen Zeitung zu "3. Startbahn - bauen oder stoppen?"
Forum der Sueddeutschen Zeitung zu "3. Startbahn - bauen oder stoppen?"
In seinem Buch „Einfach nur dagegen“ legt sich der Architekt und Redakteur der Süddeutschen Zeitung mit rückwärtsgewandten und selbstgerechten Protestlern an.

Essen. Der Wutbürger ist angesagt in Deutschland. Die Wut richtet sich gegen Stuttgart 21, die Hamburger Elbphilharmonie, gegen Olympia 2018, gegen den Ausbau von Flughäfen und des Zugverkehrs, Stromtrassen, Wasserkraftwerke, Autobahnen und vieles mehr. Für Gerhard Matzig, Architekt und Redakteur der Süddeutschen Zeitung, sind die Wutbürger Teil einer rückwärtsgewandten, technikfeindlichen, immer seniler werdenden Protestgesellschaft.

Der Endvierziger, der sich selbst zur Basis der grünen Bewegung zählt, rechnet in seinem Buch „Einfach nur dagegen“ heftig mit den derzeit aus dem Boden sprießenden Bürgerbewegungen ab. Die auffallend vielen ergrauten Protestler seien von den Erfahrungen der 68er geprägt. Damals sei es um Veränderung gegangen, jetzt werde gegen Veränderungen Widerstand geleistet. „Deutschland ist heute ein Ort der Angst, nicht der Zukunftslust, ein Ort der Nörgelei, nicht der Zuversicht“, schreibt Matzig.

"Die Nostalgiker beschwören das Alte. Wir brauchen dringend das Neue."

Als europäischer Sorgenmeister schlage sich der Deutsche statistisch zeitgleich mit 3,7 Problemen herum, während es der Franzose nur auf 2,6 und der Schwede auf ein einziges Problem bringe. Es sei auch bemerkenswert, dass nicht Hunger, Blutvergießen, Diktatur oder Folter, sondern der Konflikt um den Erhalt eines Bahnhofs am Beginn der aufgebrachten Wutgesellschaft stand. „Die Wutbürger, die Empörten, die Nostalgiker, sie beschwören: das Alte. Dabei brauchen wir dringend das Neue. Denn sonst verbauen wir uns und unseren Kindern die Zukunft.“

Den urgrünen Autor ärgert es, dass die selbstgefällige Sattheit der Protestler auch noch als Beweis demokratischer Teilhabe gefeiert werde. Vielmehr sei es erschreckend, mit welcher Wucht die Wutbürger Andersdenkende diffamieren und niederbrüllen würden. Die Geschichte habe gezeigt, dass Misstrauen dem eigenen Volk gegenüber durchaus volkserhaltend sein könne. Daher dürften Bürgerentscheide die Politik keinesfalls ersetzen, sondern lediglich eine Zutat, ein Korrektiv der Politik sein.

Den Fortschritt kann auf Dauer nichts aufhalten

Der Vater von drei Kindern schmeißt am Ende seiner locker und amüsant geschriebenen Streitschrift die technik- und fortschrittsfeindlichen Wutbürger schon jetzt auf den Müll der Geschichte. Denn nichts könne auf Dauer den Fortschritt aufhalten. „So muss es auch sein. Denn wenn wir auch nur einen Funken Verantwortungsbewusstsein haben, dann kümmern uns die, die nach uns kommen.“

Gerhard Matzig: Einfach nur dagegen. Wie wir unseren Kindern die Zukunft verbauen. Goldmann Verlag, 224 Seiten, 17,99 Euro