Auma Obama im Interview: „Vielfalt ist eine Chance“

Auma Obama setzt sich für die Bildung von Kindern und Jugendlichen ein. Zu diesem Zweck gründete sie die Stiftung „Sauti Kuu – Starke Stimmen“. Foto: handout
Auma Obama setzt sich für die Bildung von Kindern und Jugendlichen ein. Zu diesem Zweck gründete sie die Stiftung „Sauti Kuu – Starke Stimmen“. Foto: handout
Auma Obama kritisiert die emotionale Debatte in der Flüchtlingskrise. Die Halbschwester des US-Präsidenten spricht vor Schulleitern in Düsseldorf.

Essen.. Auma Obama, die Halbschwester des US-Präsidenten, ist Soziologin, Vortragsrednerin, Autorin und Stiftungsgründerin. Sie setzt sich weltweit für benachteiligte Kinder und Jugendliche ein. Vor rund 2000 Lehrern spricht sie auf dem heute beginnenden Schulleiterkongress in Düsseldorf darüber, wie man auch benachteiligten jungen Menschen eine Perspektive bieten kann. Wir sprachen mit ihr im Vorfeld des Kongresses.

Wie nehmen Sie die deutsche Politik in der Flüchtlingskrise wahr?

Dr. Auma Obama: Ich nehme vor allem wahr, dass die so genannte Flüchtlingskrise zurzeit das übermächtige Thema in Deutschland ist. Stets das erste, auf das ich angesprochen werde; dieses Thema überschattet alles. Sie wird in Teilen der Politik und der Presse nicht als eine Krise behandelt, bei der es um Menschen in Not geht, sondern als eine Krise – einen Ansturm – vor dem man sich schützen und abschotten muss.

Gerade bezüglich der Kriegsflüchtlinge, die die Mehrheit der aufgenommen Flüchtlinge darstellt, ist das paradox. Man will sich vor Menschen schützen, die selbst Schutz vor Krieg suchen. In diesem Klima gedeihen eher fremdenfeindliche Exzesse. Es gibt natürlich auch in Deutschland viele Menschen, die Flüchtlinge willkommen heißen – die Mehrheit der Deutschen sogar. Das wird aber überschattet von der überwiegend negativen Berichterstattung.

Wird die Diskussion zu emotional geführt?

Obama: Die fast ausschließliche Fokussierung auf zwei polarisierte Positionen – einerseits für die Aufnahme von Flüchtlingen, andererseits dagegen – führt dazu, dass die Debatte auf einer sehr emotionalen Ebene stattfindet. So kann man zu keiner vernünftigen Lösung kommen. Die Diskussion muss aufklärend und realistisch sein. Das heißt, sie muss auch auf der gesetzlichen Grundlage aufsetzen. Nur auf dieser Basis kann eine echte Aufklärung der Deutschen wie auch der Flüchtlinge stattfinden und dazu führen, dass einerseits Ängste und andererseits falsche Hoffnungen abgebaut werden. Das nämlich ist die eigentliche Herausforderung.

Viele Bürger in den Städten sehen sich offenbar durch die große Zahl der Flüchtlinge überfordert...

Obama: Ich würde sagen, viele Deutsche sehen sich offenbar durch die große Zahl der Flüchtlinge weniger überfordert als überrumpelt. Der Grund ist nicht so sehr die große Zahl der Flüchtlinge, als vielmehr die geringe Menge an sachlicher Information. Die meisten sind nicht gut informiert: Sie sind zu wenig mit belastbaren Fakten ausgerüstet, um sich an der Diskussion über gangbare Lösungen zu beteiligen. Es muss viel mehr Aufklärungsarbeit von der Politik und auch den Medien geleistet werden, insbesondere den Asylprozess betreffend. Weniger Bauchgefühl, mehr Information – dann gibt es auch weniger Angst.

Das Asylverfahren ist kein beliebiges Instrument, es gibt Kriterien, klare Regelungen für die Asylgewährung: „Die Menschen, die kommen, dürfen bleiben, wenn sie jene Kriterien erfüllen. Da ist man verpflichtet, zu schützen und zu helfen – wer die Kriterien nicht erfüllt, muss wieder gehen.“ Das müssen die Deutschen und die Flüchtlinge verstehen. Auf dieser Grundlage erst kann der gesellschaftliche Diskurs wachsen – auch der um die Frage nach der Gerechtigkeit bestehender Gesetze.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Ursachen für Fremdenhass?

Obama: Angst und Ignoranz. Unwissenheit über das Fremde und über das Potenzial des fremden Menschen in Bezug auf seinen Beitrag zur kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bereicherung des Landes.

Wie können Schulen und Lehrer bei der Integration helfen?

Obama: Als erstes: Die Kinder müssen die deutsche Sprache lernen – das führt auch zum besseren Verständnis der deutschen Kultur. Sie müssen integriert werden, aber das heißt nicht, dass sie jetzt „deutsch“ werden sollen. Schulen müssen die Vielfalt der Kulturen feiern! In ihrem Anderssein müssen sie bestehen dürfen und nicht stigmatisiert werden. Zur Normalität in Deutschland gehört eine Mischkultur. Das ist die Realität. Das müssen auch schon die Schulen vermitteln. Ich denke, sehr wichtig ist, dass man nicht ÜBER Flüchtlinge redet, sondern MIT ihnen. Sie müssen beteiligt werden an der Diskussion um ihr Wohlergehen und die Integration – eine eigene Stimme bekommen. Das beginnt in der Schule – und formt die Gesellschaft.

Welche Botschaft haben Sie für die Schulleiter in Düsseldorf?

Obama: Lassen Sie nicht nach in Ihrem Engagement und Ihrer Ambition, jungen Menschen eine Stimme und die Möglichkeit zu geben, dass sie etwas aus sich machen können. Dass sie Verantwortung für sich zu übernehmen lernen. Sie haben die Möglichkeit, diesen jungen Menschen vor Augen zu führen: „You are Your Future – Lebenslust statt Lebensfrust“, wie auch mein Vortrag auf dem Schulleiterkongress heißt. Das bedeutet, den Kindern und Jugendlichen Gehör zu schenken, ihnen zu vertrauen und ihnen eigene Wege zu ermöglichen. Die Schule muss Plattformen schaffen, auf denen junge Menschen lernen, Selbst-Verantwortung zu leben.

Zur Person:

Auma Obama, geboren 1960 in Nairobi (Kenia) studierte in Deutschland Germanistik und Soziologie. 2011 gründete sie die Stiftung „Sauti Kuu – starke Stimmen“. Sie sagt: „Die starken Stimmen versuchen wir Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien zu geben. Wir helfen ihnen, etwas aus ihrem Leben zu machen.“ Dabei sollen sie erkennen, „dass sie selbst mitverantwortlich für die Verbesserung ihres Lebens sind.“

 
 

EURE FAVORITEN