Auch Venezuela steht vor einem Bürgerkrieg

Demonstranten in Caracas helfen einem verletzten Mitstreiter, der gegen die Maduro-Regierung protestiert.
Demonstranten in Caracas helfen einem verletzten Mitstreiter, der gegen die Maduro-Regierung protestiert.
Foto: REUTERS
Der Machtkampf zwischen der sozialistischen Regierung und der bürgerlichen Opposition spitzt sich zu. Aus Sorge um ihre Angehörigen sind nun auch die Exil-Venezolaner in Deutschland alarmiert. Hier erzählen sie von ihren schrecklichen Erfahrungen.

Caracas/Köln. Die dunklen Motorräder röhren zu Dutzenden auf den Altamira-Platz in Caracas. Sind es Polizisten oder von der Regierung bewaffnete Banden, genannt „colectivos“? Sie schießen in alle Richtungen, während sie auffahren, ein unaufhörlicher Strom. Vermutlich feuern sie Tränengas-Patronen auf die Häuser, aus denen Anwohner diese Machtdemonstration in der Nacht des 19. Februar filmen. Man sieht aus dem ganzen Land solche Szenen im Internet: Brennende Barrikaden, Polizisten, die Türen eintreten, schließlich brennende Wohnungen. Häuserkampf. Ein Land am Rande des Bürgerkriegs.

Solche Aufnahmen haben alle rund 300 Exilvenezolaner und Freunde im Kopf, die am Samstag vor dem Kölner Dom (und in mehreren anderen großen Städten) demonstrierten: für ein Venezuela, in dem jeder seine Meinung sagen darf.

Fast jeder hier kennt Opfer

Seit einer knappen Woche sitzt Oppositionsführer Leopoldo López im Gefängnis. Sein Lager und die sozialistische Regierung stehen sich seit Jahren unversöhnlich gegenüber, beschimpfen sich als Faschisten oder Mörder, doch seit dem 12. Februar wird auch in die Menge geschossen.

Vor allem die Studenten protestieren. Weil es dieses gespaltene Land partout nicht schafft, die größten Ölreserven der Welt in Wohlstand für die gesamte Bevölkerung zu verwandeln. Weil laut Nichtregierungsorganisationen alle 21 Minuten ein Mensch ermordet wird. Weil sich der Wert des Geldes in einem Jahr mehr als halbiert hat. Selbst in Köln kann man den Grund der Aufstände spüren: Fast jeder hier kennt Opfer.

„Die Regierung will es immer so darstellen, als sei es ein Kampf reich gegen arm. Aber das ist es nicht“, sagt die Statistik-Expertin Ana Moya aus Dortmund. „Meine Eltern sind nicht reich. Sie sind ganz normale Leute und mussten auf der Isla Margarita 30 Tage ohne Wasser auskommen ... Mein Neffe wurde in der Uni während einer Mathe-Klausur überfallen. Drei bewaffnete Männer kamen herein und zwangen die Studenten, alles herauszugeben .“

Am 18. Februar stirbt die 22-jährige Schönheitskönigin Génesis Carmona, sie ist das fünfte Todesopfer von neun am Ende der Woche. Die Marketingstudentin protestiert friedlich, als ein Schuss sie am Kopf trifft. Mary Vargas (46) kennt ihre Familie, hat in Köln durch ihre WhatsApp-Gruppe davon erfahren: Als sie am nächsten Tag das Bild sieht, wie zwei Freunde die Sterbende noch ins Krankenhaus bringen wollen, auf einem Motorrad! — da bricht Mary Vargas in Tränen aus.

„Mein Bruder hat drei kleine Töchter“, sagt Miguel Gonzalez, Mitglied des Integrationsrates in Essen. Der Bauingenieur hat die Demo in Köln mitorganisiert. „Meine Schwägerin und er verbringen den ganzen Tag damit, herauszufinden, wo man Milch finden kann … Und jeder, der sich dagegen auflehnt, wird direkt als Staatsfeind gebrandmarkt. Jedes Mal, wenn sie auf die Straße gehen, müssen sie sich verabschieden, als wenn es das letzte Mal wäre. Dieser Staat zerfällt in Anarchie.“

„Niemand beschützt uns“

In der Nacht des 19. Februar schlägt die Regierung massiv zurück. Am nächsten Morgen chattet der Architekt Tim Feldkamp aus Düsseldorf mit einer Freundin in Caracas:

„Die Leute verstecken Studenten zu Hause, um sie zu schützen – aber die gehen jetzt in die Häuser, Tim! Oder sie schießen auf die Häuser. Und letzte Nacht ist es passiert, zwei Blöcke von hier. Sie haben auf das Haus geschossen, in dem meine Tante lebt. Sie hat angerufen, so verängstigt. Wir sind hin, und da waren eine Menge Motorräder, und meine Mutter und ich sind lieber in Deckung gegangen. Sie greifen nun die Privathäuser von Leuten an, die die Straßen blockieren – aber sie machen nicht Halt, um festzustellen, wer mitgemacht hat – sie attackieren einfach jeden. Das ist die Situation.“

„Wer sind ,die’? Die Banden, die colectivos?“

„Ja, zusammen mit der Nationalgarde. Kannst Du dir das vorstellen? Wir haben niemanden, der uns beschützt, wenn wir Oppositionelle sind.“

 
 

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