Arabische Forscher abgehängt

Essen.. Zum ersten Mal haben in der arabischen Welt Menschen, die Freiheit und Arbeit wollen, ein autoritäres Regime gestürzt. Die jungen Menschen in Tunesien, besser ausgebildet als ihre Väter, sehen sich ihrer Zukunftschancen auch durch ein rückwärtsgewandtes Hochschul- und Wissenschaftssystem beraubt. Die Forschung in den arabischen Ländern ist international abgehängt und bedeutungslos. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle „Science Report 2010“ der Unesco, der ein aktuelles Bild der Wissenschaft weltweit zeichnet.

Islamische Wissenschaftler waren einst führend in der Welt. Als Europa im dunkelsten Mittelalter steckte, gründeten sich in islamischen Ländern wissenschaftliche Gesellschaften mit reger Forschungs- und Lehrtätigkeit. Es waren islamische Gelehrte, die das gedankliche Erbe der Antike wiederentdeckten – ein Funke, der auch die Aufklärung im Westen beförderte. „Suchet das Wissen, und wenn ihr dafür bis nach China reisen müsst“, soll Mohammed gesagt haben.

Und heute? Bisher errangen nur zwei islamische Wissenschaftler den Nobelpreis in Naturwissenschaften, 1979 für Physik (Pakistan) und 1999 für Chemie (Ägypten). Arabische Länder geben nur etwa 0,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Wissenschaft und Forschung aus, im Westen liegt der Schnitt bei etwa 2,5 Prozent. Die 20 arabischen Länder, die der Science-Report betrachtet, produzierten 2008 rund 6000 wissenschaftliche Bücher, Nordamerika 102 000. Ähnlich ist das Verhältnis bei wissenschaftlichen Artikeln in Fachblättern oder technischen Patenten. Und während sich in Europa pro einer Million Einwohner knapp 3000 Forscher finden, sind es in den arabischen Staaten nur 373. Warum?

Wissenschaft ist unfrei

Weil die Wissenschaft in der arabischen Welt nicht frei ist. Zunächst hatten die Kolonialmächte kein großes Interesse an weitsichtiger Bildungspolitik, sagt die Wissenschaftshistorikerin Prof. Sonja Brentjes von der Universität Sevilla. Zudem wird die Mehrheit der arabischen Länder autoritär regiert. Forschung wird als Mittel zum Zweck gefördert und zielt auf Atom- und Waffentechnologie (Iran und Irak unter Saddam Hussein).

„Wo Zensur herrscht und Unis als potenzielle Brutstätten der Opposition angesehen werden, ist wissenschaftliche Blüte kaum zu erwarten“, sagt der Duisburger Islamwissenschaftler Jochen Hippler. Die Universitäten stehen unter staatlicher Kuratel. Hinzu erschwert Druck aus religiösen Kreisen die freie Arbeit, vor allem in Medizin, Biowissenschaften und den Geisteswissenschaften. Doch sei die Religion nicht Ursache der Krise: Diese sei älter als die religiöse Welle in der arabischen Welt.

Wissenslandschaft als Feriendomizil

Wissenschaftlicher Austausch mit westlichen Ländern ist kaum möglich, was die Isolation befördert und Nachwuchswissenschaftler scharenweise ins Ausland treibt – auch gläubige Muslime. Lehrstühle werden häufig als Versorgungsposten vergeben, wissenschaftliche Reputation sei oft zweitrangig. Dies alles erschwert die Arbeit der Professoren. „Die arabischen Länder haben alles, was nötig wäre für eine rasante Entwicklung, doch die Politik hält sie zurück“, schreibt der libanesische Physiker und Experte für Wissenschaftspolitik in der arabischen Welt, Antoine Zahlan, der WAZ.

Ein arabischer Mathematik-Professor, der seinen Namen aus Furcht vor Angriffen nicht nennen will, klagt: „Die gesamte arabische Welt investiert nur etwa fünf Prozent der israelischen Investitionen für Wissenschaft und Technologie.“ Nötig sei Förderung vom Kindergarten bis zum Labor. Sonst werde „Saudi-Arabiens Wissenschaftslandschaft zum Feriendomizil für ausländische Forscher verkommen“. Dies zu verhindern, werde zur Frage der Zukunftsfähigkeit der arabischen Welt.

Verbaute Zukunft

„Die nationalistischen Regierungen haben es nicht vermocht, den Universitätsabgängern eine lebenswerte Perspektive zu eröffnen“, sagt die Wissenschaftshistorikerin Prof. Sonja Brentjes von der Universität Sevilla mit Blick auf die Unruhen in Tunesien und Algerien. „Gute Leute haben unter dem steigenden Druck islamischer Tendenzen die Universitäten verlassen.“

Nach wie vor herrsche eine riesige Lücke zwischen den Fähigkeiten, die Hochschulen vermitteln, und den Anforderungen der Wirtschaft. „Das Ergebnis: Millionen junger Menschen mit hohen Erwartungen und ohne Hoffnung auf die Erfüllung ihrer Träume“, so der Unesco-Report. Während Süd-Korea – in den 1960er-Jahren noch auf dem Niveau Ägyptens – 2008 erstaunliche 84 110 Patente hervorbrachte, waren es in der gesamten arabischen Region nur 71. High-Tech-Exporte aus arabischen Ländern seien mithin zu vernachlässigen.

Positive Tendenzen

Doch es gibt positive Tendenzen: Kleinere Staaten ohne Öl-Reserven investierten in den letzten Jahren stark in den Aufbau neuer Hochschulen. So setzt Katar seit 2006 auf einen Fünfjahresplan, um die Forschungsausgaben fast zu verzehnfachen. Türkei und Iran steigerten ihren wissenschaftlichen Output deutlich. Die Zahl der Studentinnen in der arabischen Welt stieg auf 30 bis 40 Prozent.

Der Unesco-Bericht zieht den Schluss: „Nationale Stabilität lässt sich nicht allein auf Militär und Kontrolle gründen. Wissenschaft und Forschung in toleranten Gesellschaften sind auf Dauer die Grundlagen für Sicherheit und Wohlstand.“ Die Herausforderungen für die arabischen Länder seien gewaltig, doch Staaten wie Brasilien, China, Indien oder Süd-Korea zeigten, dass es möglich ist.

EURE FAVORITEN