Angst nach dem Hilferuf der Tochter

Takao Aoyama ist buddhistischer Priester und lebt in Düsseldorf. Jetzt sorgt er sich um seine Tochter und Enkel, die noch in Tokio sind und versuchen, zu fliehen. Seine Gelassenheit wahrt er dennoch.

Düsseldorf.. Seit gestern morgen ist plötzlich alles anders. Nicht, dass Takao Aoyama seine unerschütterliche Gelassenheit verloren hätte. Dazu bedarf es wohl mehr. Aber gestern morgen klingelt bei ihm in Düsseldorf das Telefon, und Tochter Aika meldet sich. Sie wolle weg aus Tokio. So schnell wie möglich. Ob er für sie und die Kinder Flugtickets nach Deutschland besorgen könne. Wie gesagt, Herr Aoyama erzählt dies in einer Ruhe, die für Westeuropäer nur schwer nachvollziehbar ist. Seine Frau jedoch, das fügt er an jeder erdenklichen Stelle hinzu, sei sehr beunruhigt. Sie möchte ihre Tochter so schnell wie möglich zu sich holen.

Takao Aoyama lebt seit neun Jahren in Düsseldorf, ist buddhistischer Priester und Leiter des japanischen Kulturzentrums der Stadt. Ein 72-jähriger Mann, Germanist und Deutschland-Liebhaber, der jünger aussieht als er ist. Als junger Wissenschaftler kam er zum ersten Mal in dieses Land, arbeitete an der Universität in Marburg, danach lehrte er 40 Jahre lang in Sendai, just jener Stadt im Norden Japans, die nun so stark von dem Tsunami verwüstet wurde.

Seine 30 Kilometer vom Meer entfernt liegende Wohnung dort, das hat Takao Aoyama über verschlungene Wege erfahren, ist intakt geblieben. Ein paar Bücher seien beim Erdbeben aus den Regalen gefallen. Aber die Kollegen, die Freunde, von ihnen weiß er nichts. Seine Mails blieben unbeantwortet, die Telefone still. Nun also geht es um Aika, die Tochter, die als Kunsthistorikerin an der Universität Tokio unterrichtet, um die beiden elf und 15 Jahre alten Enkelkinder.

Am Montag noch hatte Takao Aoyama erzählt, dass die japanischen Zeitungen empfehlen, wegen der Radioaktivität die Fenster zu schließen und das Haus nicht zu verlassen. Und, dass seine Tochter im Notfall höchstens erwäge, zu den Verwandten im Süden Japans zu reisen. Das war Montag, das war vor dem Anruf. Nun hat Herr Aoyama für sie Flugtickets besorgt. Bei der japanische Fluggesellschaft Jal. Für den 23. März konnte er noch drei Tickets reservieren – in acht Tagen. Es war der früheste Termin. Was seine Tochter dazu sagen wird, weiß er nicht. Er hat sie noch nicht erreichen können.

Der Hilferuf der Tochter, er kam nicht von ungefähr. Gestern morgen hieß es, der Wind habe Richtung Tokio gedreht, auch dort sei nun erhöhte radioaktive Strahlung gemessen worden. Spätestens da war es in der Stadt mit der schon sprichwörtlichen japanischen Ruhe vorbei. Die wenigen dort verbliebenen Korrespondenten berichten von Hamsterkäufen, von ausverkauften Überlebensausrüstungen, von Menschen, die auf dem Bahnhof Richtung Süden Kinder und Koffer umklammern.

Auch Aoyama weiß, wie Angst sich anfühlt. Mit acht Jahren, so erzählt er, habe er ein furchtbares Erdbeben erlebt. Seitdem habe er nicht nur Angst, sondern Panik, wenn der Boden sich zu bewegen beginne. Panik! Unwillkürlich fragt man sich, wie die bei einem Menschen wie ihm wohl aussehen mag. Aber dann erklärt er es auch schon. Er bemühe sich dann, still sitzen oder stehen zu bleiben.

Die Japaner lernten diese Disziplin schon im Kindergarten. Sie habe Vorteile, aber aus pädagogischer Sicht auch viele Nachteile: „Alle Schüler sind gleich. Keiner ist originell, keine hat eine auffallende Idee“, sagt der Priester und lacht wieder auf diese freundlich unnahbare Art.

Atomkraft, das sei in Japan kein großes Thema gewesen, anders als in Deutschland. Ein paar Grüne habe es unter den Studenten Sendais gegeben, auch mal eine Demonstration gegen das nahe gelegene Kernkraftwerk Onagawa. Mehr nicht.

Bilder aus der Heimat

Düsseldorf, Tokio, Sendai. Hier lebt er, dort sucht seine Tochter nach Auswegen aus der drohenden atomaren Katastrophe, und in der Küstenstadt müssen sie ohne Strom, ohne Wasser auskommen. Im Fernsehen hat er die Bilder seiner Heimat gesehen, von dem Strand, an dem er im Sommer oft badete. „Da haben sie vor ein paar Tagen Hunderte toter Kinder gefunden. Das ist grausam“, sagt Aoyama.

„Wir wissen noch nichts genau“, hat er am Montag befunden, und das gilt auf eine gewisse Art auch Dienstagabend noch. Sein Land kämpft gegen den Super-GAU. „Ich bin optimistisch“, sagt Aoyama, meine Frau nicht!“.

 
 

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