Angehörige wollen nicht mehr pflegen

Petra Koruhn und Sibylle Raudies
Foto: ddp

Essen.  Die Bereitschaft der Deutschen, sich um ihre pflegebedürftigen Angehörigen zu kümmern, sinkt laut einer Studie. Zeitdruck und große Entfernungen gehören zu den Gründen. Besondere Belastung: Demenzerkrankungen.

Die Bereitschaft der Deutschen zur umfassenden Betreuung ihrer pflegebedürftige Angehörigen geht deutlich zurück. Dies ergab eine neue Studie. Demnach würde jeder fünfte Bundesbürger ein Familienmitglied rund um die Uhr pflegen. Noch vor fünf Jahren wollten doppelt so viele die Rundum-Pflege übernehmen.

Auch der Anteil derer, die ihren Familienmitgliedern die Hilfe im Pflegefall ganz verweigern, ist von sechs auf elf Prozent gestiegen, so die Studie der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) auf der Basis zweier repräsentativer Befragungen.

„Dass die Bereitschaft zur Pflege zurückgeht, wundert mich nicht“, betont Reinhold Schnabel, der sich an der Universität Duisburg-Essen am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre mit der Zukunft der Pflege befasst. „Ich würde das jedoch nicht moralisch werten, da die so genannten Pflegeverweigerer gute ­Gründe haben können.“

Angst vor dem Jobverlust

So hätten sich die Lebensentwürfe der Frauen, die ­bisher meist die Pflege übernahmen, stark geändert. Viele seien heute berufstätig. Und schon wenn ein Angehöriger nur zehn Kilometer entfernt lebe, sei die Übernahme der kompletten Pflege unmöglich. Schnabel: „Sie haben dann nur zwei Möglichkeiten: Entweder die illegale Pflegerin oder das Heim.“ Die normale Tagespflege sei vielen zu teuer.

Roland Weigel von der ­Beraterfirma Konkret Consult Ruhr, der für die Organisation von Pflegeheimen zuständig ist, sagt: „Wichtig ist, dass die Pflegenden stärker akzeptiert werden und dass ih­re Arbeit noch mehr an­er­kannt wird.“ Vor allem im Be­ruf sollte man ihnen mehr Flexibilität ermöglichen. Oft hätten sie die ­Sorge, durch Fehlzeiten ihren Job zu verlieren.

Die ZQP-Studie zeigt weiter, dass vor allem bei den ­Beschäftigten in der Privatwirtschaft die Bereitschaft gering ist, sich intensiv um pflegebedürftige Angehörige zu kümmern: Hier würden lediglich 15 Prozent eine Rundum-Pflege übernehmen.

Zu einer wachsenden Belastung für Angehörige wird die Pflege von De­menz­kranken. In Deutschland sind mindestens 1,1 Millionen Men­schen an Demenz erkrankt. Zwei Drittel von ihnen werden zuhause betreut.