Angeblich jeder vierte Moslem gewaltbereit - Streit um Studie

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Die einen sehen in der Untersuchung den Beweis für die Gewaltbereitschaft und Integrationsfeindlichkeit von Moslems, die anderen lesen deutlich differenziertere Ergebnisse daraus. Und die dritten halten die ganze Untersuchung schlicht für unwissenschaftlich.

Berlin/Essen. Eine Studie, die die Gewaltbereitschaft junger Muslime beschreibt, hat die Integrationsdebatte in Deutschland neu entfacht. Migrationsforscher und Politiker von SPD und Grünen kritisierten Teile der Untersuchung als unwissenschaftlich und unglaubwürdig.

Die Studie „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ war vom Bundesinnenministerium in Auftrag gegeben worden. Den Autoren zufolge lehnen Muslime hierzulande zwar mehrheitlich Fanatismus und Gewalt ab.

Aber 24 Prozent der nichtdeutschen und 15 Prozent der deutschen Muslime seien „streng Religiöse mit starken Abneigungen gegenüber dem Westen, tendenzieller Gewaltakzeptanz und ohne Integrationstendenz“. Insgesamt habe jeder zweite der hier lebenden Muslime Probleme mit der Integration, so die Studie.

„Extremisten sind ein Randphänomen“

Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) nannte die Zahlen „überraschend“. „Wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten“, stellte er klar.

Der Religionssoziologe Rauf Ceylan (Uni Osnabrück) bezweifelt, dass hierzulande jeder vierte Moslem ohne deutschen Pass radikal ist: „Natürlich gibt es Extremisten, aber das ist ein Randphänomen.“ Ähnlich äußert sich der Dortmunder Forscher Ahmet Toprak: „Grob geschätzt können es fünf Prozent sein, aber nicht jeder Vierte.“

Messlatte ständig angezogen

Die Berliner Integrationsforscherin Naika Foroutan bemängelt: „Der Eindruck entsteht, als ob die Messlatte für eine gelungene Integration stetig angezogen wird,“ Integration könne so nie abschließend gelingen. Viele Muslime würden auf diese Situation mit Frust reagieren. „Die Studie zielt in Richtung Spaltung der Gesellschaft“ wettert auch der Grünen-Politiker Memet Kilic. Es sei zu kurz gegriffen, „Gewaltbereitschaft an Religion festzumachen“.

Deutsche Gesellschaft ist sich ihrer Werte nicht siche

Anders urteilt die Islamkritikerin Necla Kelek über die Studie. Sie bestätigt: „Der politische Islam gewinnt nicht nur in Deutschland mehr Anhänger, sondern auch in den Herkunftsländern der Muslime.“ Sie erklärt die gegenseitige Entfremdung hierzulande auch damit, dass die deutsche Gesellschaft sich ihrer Werte selbst nicht sicher sei, nicht selbstbewusst auftrete und sich dem Anderen nicht öffne.

Was steht in der Studie?

Es gibt nicht eine, sondern viele muslimische Lebenswelten. Nur 52 Prozent der nicht-deutschen, aber 78 Prozent der deutschen Muslime befürworten Integration. Bezieht man die Eltern und Großeltern ein, dann zeige sich, dass der Anteil radikaler Einstellungen sinke und sich die Muslime deutlich vom islamistischen Terrorismus distanzierten, erläutert der Psychologe Wolfgang Frindte aus Jena, der an der Studie beteiligt war.

Die 760 Seiten starke Studie stellt nicht nur das Ausmaß der Radikalisierung fest. Vielmehr benennt sie Ursachen. „Traditionelle Religiosität“ und autoritäre Einstellungen gehören dazu, und da ist nicht nur das Elternhaus prägend, sondern auch die Medien. Tatsächlich werten die Wissenschaftler aus Jena, Weimar, Bremen und Linz nicht nur Befragungen von 706 jungen Muslimen, sondern auch 692 TV-Beiträge über den Islam sowie Internetforen aus.

Warum wenden sich laut Studie junge Muslime vom „westlichen“ Leben ab?

Die Gründe sind „made in Germany“. Die Autoren mahnen: „Restriktive Maßnahmen wie Kopftuch- oder Minarettverbot stärkten in erster Linie Extremisten“. Sie empfehlen auch, man solle Fundamentalisten nicht als Vertreter des Islams darstellen. Viele Muslime beklagten, dass die Medien bei Straftaten die Religion der Täter, aber bei den Erfolgen lieber die Herkunft betonen. Die Autoren empfehlen, moderaten Muslimen eine „stärkere Stimme in der Öffentlichkeit“ zu geben.

Sind die Ergebnisse der Studie unter Integrationsforschern anerkannt?

Überhaupt nicht. Der Dortmunder Forscher Ahmet Toprak, der sich wissenschaftlich mit muslimischen Familien hier beschäftigt hat, nennt methodische Schwächen. Telefoninterviews, wie sie von den Machern der Studie geführt wurden, seien ungeeignet – weil viel zu oberflächlich. „So etwas machen Marktforscher“, kritisiert der Professor. Und: „Ich kenne die Autoren nicht. Sie sind unter Integrationsforschern unbekannt.“

Hamed Abdel-Samat, Islamforscher und Buchautor, hält Studien, die auf einer schnellen Befragung beruhen, nicht für vertrauenswürdig. Dabei kämen oft widersprüchliche oder verzerrende Resultate zustande. „Vor allem junge Muslime muss man bei Befragungen länger begleiten“, sagt er. „Und dann muss man die Befragung einige Zeit später in einem anderen Kontext wiederholen.“ Erst dann erhalte man seriöse Ergebnisse.

Yunus Ulusoy von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung bezweifelt die Aussagekraft von Studien wie der vorgelegten. „Wenn es so wäre, dass ein so hoher Anteil junger Muslime streng religiös ist, dann müssten die Moscheen bei uns voll sein mit jungen Leuten. Aber in den Moscheen sind überwiegend Ältere.“ Es gehe nicht darum, Probleme kleinzureden, aber solche Studien deckten die Lebenswirklichkeit nicht ab, kritisiert er.

Was sagen Politiker?

SPD-Vizechefin Aydan Özoguz kritisiert den Ansatz der Studie und warnt vor falschen Interpretationen. Sie sei „sehr befremdet“, dass Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) ein wichtiges Thema wie Radikalisierungstendenzen unter jüngeren Menschen auf Muslime beschränke und damit auf eine Religionsgemeinschaft fokussiere. „Was wäre los, wenn man eine Studie zu Rechtsextremismus unter Katholiken machen würde?“ Ohnedies ergebe die Studie, dass die überwiegende Zahl der Muslime hier nichts mit Extremismus zu tun haben wolle und sich der Gesellschaft zugehörig fühle. Zu mehr Integration bekannte sich der Vorsitzende des Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU). „Wir korrigieren eine Fehleinschätzung.“ Man habe gedacht, dass die zweite und dritte Generation sich wie selbstverständlich integrieren würde. Wer die Studie kritisiere, der wolle die Ergebnisse nicht wahrhaben.

 
 

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