Anette Schavan droht nach Aberkennung das politische Aus

Ob Angela Merkel ihre Vertraute nach der Aberkennung noch halten kann, ist fraglich.
Ob Angela Merkel ihre Vertraute nach der Aberkennung noch halten kann, ist fraglich.
Foto: dpa
Die Bildungsministerin hatte sich vor zwei Jahren am lautesten vom gefallenen Polit-Star Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) distanziert. Jetzt hat es die Merkel-Vertraute selbst erwischt. Ihre Karriere ist perdu.

Düsseldorf/Berlin.. Wie oft mag sich Annette Schavan (CDU) schon über jene Worte geärgert haben. Vor zwei Jahren attackierte die Bildungsministerin den Kabinettskollegen Karl-Theodor zu Guttenberg für dessen abgekupferte Doktorarbeit. „Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat (…), schäme ich mich nicht nur heimlich“, knöpfte sie sich den CSU-Star vor. Wenig später verblasste erst dessen Stern am Kabinettstisch und dann sein Doktortitel. Schavan selbst konnte damals noch nicht ahnen, dass ihr der Satz einmal wie ein Klotz auf die eigenen Füße fallen würde.

Gestern war es so weit. Der Fakultätsrat der Universität Düsseldorf entzog der 57-Jährigen den Doktortitel. Für die Bildungsministerin ist das nicht nur peinlich, sondern politisch geradezu eine Katastrophe.

Klage ist möglich

Schavan will vor dem Verwaltungsgericht gegen die Aberkennung ihres Titels klagen. Dennoch ist es schwer vorstellbar, dass sich die studierte Theologin als Ministerin im Amt halten kann. Sollte sie es versuchen, droht ihr die volle Breitseite durch die Opposition. Es dürfte auch nur eine Frage der Zeit sein, bis Kanzlerin Angela Merkel (CDU) von ihrer Ministerin abrückt. Obwohl sie Schavan bislang öffentlich gestärkt hat. Doch im Wahlkampf kann die CDU-Chefin keinen politischen Pflegefall gebrauchen, der Stimmen kosten könnte.

Bei einem Schavan-Rücktritt könnte Niedersachsens Noch-Ministerpräsident David McAllister ins Kabinett rücken. Der 42-jährige Wahlverlierer von Hannover gilt als einer der wenigen Hoffnungsträger in einer personell ausgebluteten CDU. Außerdem wird ihm Interesse am Wechsel nach Berlin nachgesagt. Als Bildungsminister hätte McAllister einen Platz am Kabinettstisch und im Herbst bessere Chancen auf einen Verbleib, sofern es für Schwarz-Gelb reicht oder zur großen Koalition kommt.

Staatssekretär als Übergangsminister?

Denkbar wäre außerdem, dass Merkel das Bildungsministerium bis zur Wahl an das Kanzleramt andockt. Theoretisch käme auch Schavans Staatssekretär Thomas Rachel (CDU) als Übergangsminister in Betracht.

Die Affäre um Schavans Doktorarbeit begann Ende April 2012, als ein anonymer Blogger im Internet den Plagiatsverdacht erhoben hatte. Die Promotionskommission der Düsseldorfer Uni begann daraufhin, deren Dissertation „Person und Gewissen“ aus dem Jahr 1980 zu prüfen.

Nach einem internen Bericht vom September soll Schavan an vielen Stellen abgekupfert haben. Sie selbst hat eine Täuschungsabsicht immer zurückgewiesen und nur „Flüchtigkeitsfehler“ eingeräumt. „Der Vorwurf der Täuschung hat mich bis ins Mark getroffen“, bekannte Schavan vor wenigen Wochen. „Hier geht es ja nicht um meinen Doktortitel, sondern um meine Integrität.“

In der Wissenschaft ist die Tragweite von Schavans Zitierfehlern umstritten. Viele Professoren hatten ihr den Rücken gestärkt, etwa ihr Doktorvater Gerhard Wehle. Andere, wie der Berliner Plagiatexperte Gerhard Dannemann, sahen „gravierende Verstöße gegen die Zitierregeln und den Umgang mit Quellen“.

Durchwachsene Bilanz

Bis zuletzt hat Schavan bekundet, dass sie um ihren Doktortitel und ihre Karriere kämpfen will. Erst Vor kurzem hat sie sich von ihrem Ulmer Kreisverband zur Spitzenkandidatin für die Wahl küren lassen. Sollte sie nun zurücktreten, wäre sie dennoch die Bundesbildungsministerin mit der längsten Amtszeit.

Ihre Bilanz nach gut sieben Jahren ist durchwachsen. Einerseits hat Schavan das Schulbild der Union entstaubt, Exzellenz-Universitäten gekürt und eine Grundgesetzänderung angestoßen, die den Hochschulen dauerhaft mehr Geld vom Bund verschaffen soll. Andererseits konnte sie nie den Vorwurf abschütteln, sich eher um Spitzenforschung als um die Studenten zu kümmern. Dazu hinkt das nationale Stipendienprogramm für begabte Studenten seinen Zielen hinterher.

 
 

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