Altersgrenzen im Netz sind für Experten eine Schnapsidee

Foto: imago stock&people

Essen. Die Idee ist nicht neu, aber die Umsetzung sorgt für viele Fragezeichen: NRW-Familienminister Armin Laschet fordert Altersgrenzen für Internetseiten. Die Reaktionen bei Medienexperten reichen von "Schwachsinn" und "Schnapsidee" bis zu starken Zweifeln an einer praktikablen Lösung.

Für ungläubiges Staunen und leichtes Schmunzeln haben die Forderungen des NRW-Familienministers Armin Laschet (CDU) nach Altersgrenzen für Internetseiten gesorgt. „Das ist eine ziemliche Schnapsidee“, sagt etwa Markus Beckedahl mit einem Lachen. Er betreibt das Blog netzpolitik.org - eine politische Plattform, auf der über die freie, digitale Welt diskutiert wird. „Die Vorstellung von Herrn Laschet ist überhaupt nicht praktikabel, wenn jedes Blog und jede Homepage ein Gütesiegel bekommen müsste“, so Beckedahl im Gespräch mit DerWesten.

Die einzig sinnvolle Alternative sei Filtersysteme auf Computer zu installieren. Aber dafür müssten sich daran alle Homepagebetreiber beteiligen, so Beckedahl. Und das sei "Schwachsinn" im World Wide Web. „Es zeugt wieder einmal davon, wie wenig Verständnis bei Herrn Laschet für das Internet vorhanden ist“, sagt Beckedahl.

"Wer soll das Ganze überprüfen?"

„Die Forderung nach Alterssperren ist ja richtig“, meint Prof. Joachim von Gottberg, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), „aber wer sollte das Ganze überprüfen?“. Beim Fernsehen sei das möglich: „Wir haben 20 deutsche Fernsehsender im Auge. Wenn da einer Blödsinn macht, kriegen wir es mit und drohen mit Bußgeld“. Beim unübersichtlichen Internet, wo jeder etwaseröffentlichen kann, sei das eine ganz andere Problematik. „Es können doch nicht zehn Leute Millionen von Seiten kontrollieren“.

Die Diskussion um Altersgrenzen für Filme im Internet ist auch der Freiwilligen Selbstkontrolle Film seit langem bekannt. „Allerdings haben wir dazu noch keine offizielle Position, da es sich um eine sehr komplexe Frage handelt“, sagt Geschäftsführerin Christine von Wahlert. „Im Offline-Bereich hat sich jeder an die Regeln gewöhnt, im Internet gibt es viele Fürs und Widers.“

Spannung zwischen Ländern und Bund

Seit langem seien Jugendschutzkampagnen im Gesetz vorgesehen, aber es gebe bisher kein Programm, das anerkannt ist, bestätigt der FSF-Geschäftsführer. „Das ist Bund und Ländern ein Dorn im Auge. Deshalb gibt es dort ein kleines bisschen Spannung“, verrät von Gottberg, der darin einen möglichen Grund für das Vorpreschen von Familienminister Laschet vermutet.

Aktuell gibt es verschiedene Ansätze, um den Jugendschutz im Internet zu verbessern. So existiert „Ein Netz für Kinder“. Dabei handelt es sich um eine gemeinsame Initiative von Politik, Wirtschaft und Institutionen des Jugendmedienschutzes. So soll es für Acht- bis Zwölfjährige qualitätsvolle, altersgerechte und interessante Angebote geben, die sich nach dem Jugendmedienschutz richten. „So kann Kindern auf einem speziell eingerichteten Computer ein beschränkter Zugang zum Internet gewährt werden“, erklärt von Gottberg.

Automatisierte Positiv- und Negativlisten

Zudem gibt es Diskussionen über automatisierte Positiv- und Negativlisten: Bei einer Positivliste würden ausschließlich Internetseiten mit jugendfreien Angeboten greifbar. „Das scheitert allerdings schon daran, dass nicht jeder Internet-Anbieter davon erfahren und sich damit registrieren würde“, sagt der FSF-Geschäftsführer. Zudem wäre das Nachhalten extrem aufwendig.

Die Idee der Blacklist funktioniere ähnlich wie bei der geplanten Sperrung von Kinderpornografie-Seiten. „Die Blacklist ist aber auch idiotisch, weil viele Seiten in das Raster fallen würden, die dort überhaupt nicht reingehören“, betont der Jugendschutzexperte. Wenn etwa auf einer Homepage das Wort Staatsexamen auftauche, werde es problematisch, da das Wort die Buchstabenreihenfolge „sex“ enthält.

Letztlich seien die Probleme mit Altersgrenzen im Internet alles Beteiligten bekannt – aber nicht, wie man es richten könne. „Es wäre interessant, wenn Herr Laschet eine Idee für eine halbwegs überschaubare und praktikable Lösung hätte – doch mir fehlt der Glaube“, sagt von Gottberg.

 
 

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