Deutsche Entwicklungshelferin in Afghanistan getötet

Deutsche Entwicklungshelferin in Afghanistan getötet

Bei dem Vorfall am Samstagabend wurden nach Angaben des afghanischen Innenministeriums zudem ein afghanischer Wachmann getötet und eine Finnin entführt.

Bei dem Vorfall am Samstagabend wurden nach Angaben des afghanischen Innenministeriums zudem ein afghanischer Wachmann getötet und eine Finnin entführt.

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  • Bewaffnete haben das Gästehaus einer schwedischen NGO in der afghanischen Hauptstadt überfallen
  • Abgesehen von der Deutschen wurde auch ein afghanischer Wachmann bei dem Überfall getötet
  • Eine finnische Frau haben die Bewaffneten laut offizieller Informationen entführt

Kabul.  Unbekannte Bewaffnete haben bei einem Überfall auf ein Gästehaus in der afghanischen Hauptstadt Kabul eine Deutsche getötet. Außerdem sei ein Wachmann ermordet worden, sagte der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Nadschib Danisch, der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. „Eine finnische Frau wurde entführt“, fügte er hinzu.

Auch das Auswärtige Amt in Berlin hat inzwischen bestätigt, dass die in Kabul getötete Ausländerin deutsche Staatsbürgerin ist. Weitere Angaben könne sie zunächst nicht machen, sagte eine Sprecherin am Sonntag in Berlin. Das finnische Außenministerium bestätigte die Entführung. In Afghanistan werden immer wieder Ausländer verschleppt – entweder um ein Lösegeld zu erpressen oder um Druck auf die Regierungen ihrer Länder auszuüben.

Getötete Deutsche lebte seit 10 Jahren in Afghanistan

Die getötete Deutsche war eine sehr erfahrene Entwicklungshelferin. „Sie lebte seit zehn Jahren in Afghanistan und hat seit 2011 für Operation Mercy gearbeitet“, sagte eine Sprecherin der schwedischen Hilfsorganisation der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. Zuletzt habe sie ein Alphabetisierungsprojekt geleitet.

Die Frau habe in dem Gästehaus der Organisation gelebt, das am späten Samstagabend überfallen worden sei. Die Täter seien gegen um 23.30 Uhr (21.00 Uhr MESZ) in das Haus eingedrungen.

Die Täter sind unerkannt entkommen

Entgegen von Medienberichten war es keine „Erstürmung“. Die Männer hätten sich leise auf das Gelände geschlichen, Schusswechsel seien nicht zu hören gewesen, sagten Nachbarn. Der Polizeichef des Bezirks, Ahmad Wali Sabori, bestätigte, die Polizei sei erst nach der Tat eingetroffen. Sicherheitsquellen sagen, eine dritte Frau, eine Holländerin, habe sich vor den Eindringlingen verstecken können.

Die genauen Hintergründe waren zunächst unklar. „Wir können nicht sagen, ob der Zwischenfall einen kriminellen oder terroristischen Hintergrund hat, aber eine Untersuchung läuft“, sagte der Sprecher des Innenministeriums. Die Täter seien entkommen.

Möglicherweise steckt Kidnapping-Mafia hinter der Tat

Sicherheitsanalysten halten zwei Szenarien für denkbar. Zum einen könnte der Überfall das Werk der immer aktiveren Kidnapping-Mafia von Kabul sein. Der waren allein im vergangenen Jahr mindestens vier Ausländer – darunter eine Inderin, ein Amerikaner und ein Australier – sowie viele afghanische Geschäftsleute zum Opfer gefallen.

Die meisten Opfer kommen relativ schnell wieder frei. Der Amerikaner und der Australier, die Professoren an der Amerikanischen Universität waren, sind allerdings mittlerweile in den Händen der Taliban.

Informierte Kreise sagen, die Mafia habe Unterstützung bis in hohe afghanische Politkreise. Unter den Opfern sind auffallend viele Frauen. 2015 hatten Entführer in Kabul auch eine Mitarbeiterin der deutschen staatlichen Entwicklungshilfsorganisation GIZ entführt. Die Frau war nach rund zwei Monaten freigekommen.

Auch ein glaubensbasierter Angriff ist denkbar

Bisher hatten die Entführer ihre Opfer in den allermeisten Fällen aus ihren Autos entführt, auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause. „Sollte die Mafia jetzt anfangen, auch in Gästehäuser einzubrechen, wäre das eine klare Eskalation“, sagte ein internationaler Sicherheitsfachmann, der nicht genannt werden möchte, der dpa.

Zum anderen könne es sich um einen gezielten Angriff auf die NGO als christliche Organisation handeln. Solche glaubensbasierten Angriffe sind eher selten. Zuletzt hatten die Taliban 2014 das Gästehaus einer Organisation angegriffen, die sie für Missionare hielten. Besser würde so ein Angriff zur neuerdings in Kabul recht aktiven Terrormiliz Islamischer Staat (IS) passen.

Sicherheitssituation stark verschlechtert

Wegen der schlechten Sicherheitslage hatten ausländische Organisationen ihre Maßnahmen zuletzt weiter verstärkt. So hatte die staatliche deutsche Entwicklungshilfsorganisation GIZ im Mai erklärt, ihre Büros im Zentrum der afghanischen Hauptstadt Kabul aufzugeben. Sie zog in ein schwer gesichertes Lager am Stadtrand.

Die GIZ schloss damit sechs der sieben Büro- und Wohngelände, die sie in den vergangenen Jahren – als Reaktion auf das Erstarken der radikalislamischen Taliban, mehr Anschläge in Kabul und eine gefährliche neue Kidnapping-Industrie – für Hunderttausende Euro mit Sprengschutzwänden und Stahlschleusen gesichert hatte.

Die Sicherheitssituation in Afghanistan hat sich seit dem Abzug der meisten internationalen Truppen 2014 stark verschlechtert. Das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Scharif war schon im Winter nach einem Angriff der Taliban in das deutsche Militärlager umgezogen. 2015 waren zwei Mitarbeiter der GIZ entführt worden. Mittlerweile hat sich die Zahl der deutschen und internationalen Mitarbeiter von rund 200 auf rund 100 verringert. (rtr/dpa)

 
 

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