Schlecky Silberstein: Blogger fühlt sich von AfD bedroht

Demo in Chemnitz: Die Vorfälle in Sachsen inspirierten Blogger Schlecky Silberstein zu einem Satire-Film. Die AfD nimmt den für bare Münze und provoziert Drohszenarien
Demo in Chemnitz: Die Vorfälle in Sachsen inspirierten Blogger Schlecky Silberstein zu einem Satire-Film. Die AfD nimmt den für bare Münze und provoziert Drohszenarien
Foto: Jan Woitas / dpa
Blogger Schlecky Silberstein produziert einen Satire-Film über Sachsen. Die AfD sieht Medienhetze – und kommt zum „Hausbesuch“.

Berlin.  Auf der einen Seite: der Blogger Schlecky Silberstein, der einen Satire-Clip dreht. Auf der anderen Seite: die Partei AfD, die eine Verschwörungstheorie verbreitet – und Drohszenarien zumindest nicht aktiv verhindert. Ein Videodreh löst derzeit sehr unterschiedliche Reaktionen aus.

„Deutscher von Ausländern abgestochen“ – der Ausruf eines Jungen löst in dem Videoclip mit dem Titel „Volkfest in Sachsen“ eine Kettenreaktion aus: Neonazis laufen auf, die Polizei weiß nicht so recht, Konzerne verteilen Gratisproben ans hochbetroffene Konzertpublikum einer Benefiz-Veranstaltung. Der SWR ließ das Video für die Sendung „Bohemian Bowser Ballett“ der Jugendabteilung Funk produzieren – ein durchaus bissiger Kommentar zu den Ereignissen in Chemnitz. Die Folgen erinnern den verantwortlichen Blogger Christian Brandes, bekannt unter dem Namen Schlecky Silberstein, an 1933: „Und plötzlich stehen sie vor deiner Tür“.

Satire wird für AfD zum „Medienschwindel“

Gedreht wurde in Berlin-Lichtenberg. Nicht unbemerkt von Anwohnern, die zahlreiche Fotos machten und verbreiteten. Offenbar verbreitete sich innerhalb der AfD schnell die Auffassung, hier würde fürs Fernsehen eine „Fake-Nazi-Demo“ inszeniert, um die Partei zu diskreditieren. Tatsächlich ist Teil des Videos ein leicht verändertes Parteilogo der AfD. Das Team hatte aber bereits bei den Aufnahmen Passanten den Hintergrund erklärt: Satire.

Daraufhin postete die AfD Berlin bei Facebook ein Video, das den angeblichen „Medienschwindel“ aufdeckt. Karsten Woldeit, Lichtenberger AfD-Vorstand, darin: „Es ist unfassbar, zu welchen Mitteln gegriffen wird, um die AfD zu diskreditieren.“

Sehr klare Drohungen

Und der AfD-Bundestagsabgeordnete Frank-Christian Hansel hatte im Umkehrschluss die Idee, Blogger Brandes mit einem Kamerateam zu Hause zu besuchen und zur Rede zu stellen. In den Kommentaren zu dem Video wird auch dazu aufgerufen, die Adressen der Filmcrew-Mitglieder und Schauspieler herauszufinden – immer wieder auch verbunden mit sehr klaren Drohungen. Unter anderem fand Brandes ein Reaktionsvideo, in dem zum „Sturm auf die Privatgemächer“ gerufen wurde.

Brandes findet das gar nicht lustig, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt: „Für mich ist das eine neue Qualität. In der Vergangenheit habe ich angenommen, dass viele PR-Manöver der AfD übertrieben dargestellt wurden. Jetzt habe ich selbst erfahren, dass es eben doch so ablaufen kann. Es gibt hier keine Auslegungsmöglichkeiten; da wird ein aktives Drohszenario produziert.“ Gemeldet habe sich AfD-Politiker Hansel vorab nicht, um die Lage erst einmal zu klären.

„Macht der Bilder nicht unterschätzen“

Zwar ist es möglich, zumindest die Produktionsfirma von Brandes einfach im Netz zu finden: „Die Impressumspflicht ist nachvollziehbar und richtig. Ich hätte auch lieber eine Briefkastenfirma in Swasiland da stehen“, bestätigt er. Gleichzeitig sei es etwas anderes, eine Adresse zu lesen – oder von einem Abgeordneten mit Kamerateam vorgeführt zu bekommen, wie die Gegend, das Haus, der Eingang aussieht. „Da ist dann auch egal, ob es sich um Privat- oder Geschäftsadresse handelt. Man darf die Macht der Bilder nicht unterschätzen – und muss das Signal sehen, das davon ausgeht.“

Dass die Bundes-AfD das Video veröffentlicht hat und die Dreharbeiten als „Fake-Nazi-Demo“ präsentiert, ist für den Blogger „ein ganz gewitzter Trick, um gezielt die Glaubwürdigkeit der Medien anzugreifen, das ist ja Teil des Systems“.

Für AfD gilt: Filmproduktionsfirmen darf man auch einfach filmen

Zwar könne das Video vielleicht noch gelöscht werden – was Brandes für unwahrscheinlich hält. Das Problem seien aber auch nicht YouTube und Facebook, sondern die internen Kreise, in die es seiner Annahme nach nun gewandert sein werde. „Was uns mulmig macht – und jeden mulmig machen sollte – ist das, was da in geschlossenen WhatsApp-Gruppen abgeht, der Austausch, den wir nur erahnen können. Beziehungsweise aus der Vergangenheit auch wissen, was aus solchen Gruppen entstehen kann.“

Schlecky Silberstein hat auf seiner Website ein umfangreiches Statement veröffentlicht.

Die AfD kommentierte den Vorgang auf Nachfrage schriftlich: Es sei ja lächerlich, dass eine „auf die Produktion von Videos spezialisierte Firma darüber jammert, jemand habe mit einer Kamera in der Hand an ihrer Tür geklingelt und ein Gespräch angeboten“. Die AfD sieht keine Satire, sondern ein „von der Rundfunk-Zwangsabgabe finanziertes Hetz-Video“. Erklärungen und Erläuterungen werden als „Lügen“ weggewischt.

Hansel ignoriert Anfragen

Zu einem weiteren Punkt – dass sich viele AfD- Kommentatoren im Netz an dem jüdisch klingenden Namen von Brandes’ Firmenpartner stören – äußert sich die AfD in ihrem Statement: „Antisemitische Kommentare in den sozialen Netzwerken entstammen entweder der Feder von Verblendeten oder sind gezielte Provokationen linker Trolle.“

Der Bundestagsabgeordneten Hansel reagierte nicht auf Gesprächsanfragen der Redaktion. (ses)

 
 

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