Ärzte-Pfusch bei Leichenschau bereitet der Polizei Probleme

Pathologie in einer Uniklinik. Gerichtsmediziner meinen, dass Ärzte besser für die Leichenschau aus- und weitergebildet werden müssten.
Pathologie in einer Uniklinik. Gerichtsmediziner meinen, dass Ärzte besser für die Leichenschau aus- und weitergebildet werden müssten.
Foto: imago/JOKER
Pfusch bei der Begutachtung von Toten kommt häufig vor. Kripo fordert einen Profi-Leichenbeschauer. Gerichtsmediziner für bessere Ausbildung.

Essen. Die Kriminalpolizei in NRW klagt über die aus ihrer Sicht zu hohe Zahl der polizeilichen Ermittlungen nach Todesfällen. Weil insbesondere Notärzte häufig bei einer Leichenbeschau unsicher sind, ob es sich um eine natürlichen oder nicht natürlichen Tod handelt, müssten die Beamten zum Teil mehrmals täglich ermitteln.

„Unser normales Tagesgeschäft, die Untersuchungen nach Mord und Totschlag, treibt uns personell sowieso schon in die Enge. Und dazu kommen noch die vielen Arbeitsstunden, die wir nach Leichenschauen leisten müssen. Durch diese hohe Belastung kann die Qualität unserer Ermittlungen bei den Leichenschauen leiden“, sagte Ingo Thiel dieser Redaktion. Der Kriminalhauptkommissar hatte 2011 mit einer Sonderkommission den Mord an dem 10-jährigen Mirco aus Grefrath aufgeklärt. Allein seine Mönchengladbacher Dienststelle war 2015 mit rund 500 Todesermittlungen beschäftigt, obwohl nur sehr selten ein Verbrechen vorlag.

Thiel und der Bund der Kriminalbeamten (BDK) in NRW fordern die Einführung eines amtlichen Leichenbeschauers nach dem Vorbild des „Coroners“ in Großbritannien. Ein „Coroner“ wird immer dann angefordert, wenn eine Todesursache ungeklärt ist. „Wir brauchen eine professionellere Leichenschau“, sagte BDK-Landeschef Sebastian Fiedler dieser Redaktion. Viele Mediziner seien damit offenbar überfordert.

Wie häufig die Kripo mit der Klärung von Todesfällen nach unsicherem ärztlichen Befund beschäftigt ist, zeigen Zahlen aus dem Revier aus dem Jahr 2014, die dieser Redaktion vorliegen. In Dortmund ermittelten die Beamten in 1361 Todesfällen. In Essen gab es 1670 Tötungs-Ermittlungen. In Duisburg musste die Kripo rund 1200 Fälle bearbeiten. Um ein Verbrechen ging es aber nur in rund einem Prozent dieser Fälle.

Die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin kennt diese Probleme. Sie hält die Qualifizierung der deutschen Ärzte für Leichenschauen für absolut unzureichend. Die Fehlerquote liege bei bis zu 40 Prozent. Die Rechtsmediziner sprechen von einer regelrechten „Misere des Leichenschauwesens in Deutschland“. Circa 1200 Tötungsdelikte würden jedes Jahr erst gar nicht erkannt, weil zu wenige Obduktionen durchgeführt würden und Ärzte die Hinweise auf eine Straftat nicht bemerkten. Erschwerend komme hinzu, dass jedes Bundesland seine eigenen Regeln für die Leichenschau habe.

Drei Stichwunden übersehen

Selten sind die Fehler, die Ärzte bei der Leichenschau machen, so offensichtlich wie in diesem Fall. Im Brandenburgischen Neuruppin hatte eine Notärztin den Leichnam eines 51-Jährigen untersucht und in der Todesbescheinigung „natürliche Todesursache“ angekreuzt. Kriminalpolizisten erschien der Fall suspekt. Sie wollten im Zuge ihrer Ermittlungen ein Verbrechen nicht ausschließen und verhinderten die schnelle Beerdigung. Bei der anschließenden Obduktion kam heraus, dass die Ärztin gleich drei Stichwunden übersehen hatte.

Pfusch bei der Leichenschau ist häufig. Manchmal ist die Begutachtung einer Leiche noch nicht einmal oberflächlich. Die vorgeschriebene Untersuchung des unbekleideten Leichnams wird nach Einschätzung der Rechtsmediziner Burkhard Madea (Uni Bonn) und Markus Rothschild (Uni Köln) „nahezu regelhaft nicht beachtet“. So wollen manche Ärzte einen Verstorbenen nicht ausziehen. Aus Scham oder weil sie Reaktionen von Angehörigen befürchten.

Und weil bei der Leichenschau oft nicht wirklich genau hingesehen wird, kommt es zum Beispiel vor, dass ein kleines Einschussloch im Kopf übersehen wird, weil es von Haaren bedeckt ist. Oder der Mediziner übersieht kleine rote Punkte, sogenannte Petechien, an den Augen eines Verstorbenen. Die aber können ein Hinweis auf Tod durch Erdrosseln sein.

Auffallend wenige Obduktionen

Fehler bei der Leichenschau werden selten entdeckt. Im Vergleich mit anderen Ländern gibt es in Deutschland auffällig wenige Obduktionen. „Wir zählen rund 850.000 Todesfälle im Jahr, aber nur 17.000 Obduktionen, was einem Anteil von zwei Prozent entspricht. In England und Wales gibt es rund 520.000 Todesfälle im Jahr und 100.000 Obduktionen. Anteil: 20 Prozent“, erklärt Burkhard Madea, Chef des Rechtsmedizinischen Institutes der Uni Bonn. Angeordnet werden die Obduktionen in England von einem amtlichen Leichenbeschauer, einem gerichtlichen Sachverständigen für Todesfälle, dem „Coroner“. Und zwar, wie Madea sagt, „in allen Fällen, die medizinisch unklar sind“. Ergebnis: Die Todesursachenstatistik in England und Wales stehe im Gegensatz zu Deutschland auf solider Grundlage. Immer wieder, so der Professor, habe es Versuche gegeben, die Leichenschau in Deutschland zu verbessern, sie zumindest in den Bundesländern zu vereinheitlichen. Vergebens. Die Einführung eines „Coroners“ nach britischem Vorbild setze eine ganz neue Rechtsgrundlage voraus. Die sei in Deutschland nicht in Sicht.

Kriminalpolizisten wie Ingo Thiel aus Mönchengladbach, der vor vier Jahren den Mord an dem zehnjährigen Jungen Mirco aufklärte, fordern nachdrücklich die Einführung eines „Coroner“-Amtes. Thiel und seine Kollegen wissen um die Verunsicherung vieler Mediziner, die vor einem Leichnam stehen. Jeder Arzt darf eine Totenbescheinigung ausstellen, aber oft sieht er den Toten zum ersten Mal. Gerade Notärzte wissen im Gegensatz zu Hausärzten nichts von eventuellen Krankheiten und dem persönlichen Umfeld des Verstorbenen. Als Vorsichtsmaßnahme neigen sie dazu, bei der Frage nach der Todesursache „ungeklärt“ anzukreuzen. Und dann ermittelt die Kripo. „Bis zu viermal am Tag“, erzählt ein Kripo-Kommissar aus Oberhausen, müssten seine Kollegen zu solchen Ermittlungen ausrücken. Etwa sechs Prozent der Klinikärzte in Deutschland kreuzen grundsätzlich und immer „natürliche Todesursache“ an.

Übt die Polizei Druck auf Ärzte aus?

Kriminalhauptkommissar Ingo Thiel investiert viele Stunden in diese Ermittlungen. Er muss sich mit der Diagnose des Arztes beschäftigen, Angehörige befragen, Formulare ausfüllen. Die Polizisten würden ihre Arbeitskraft lieber in die Aufklärung von Verbrechen investieren. Ein „Coroner“ nach britischem Vorbild, meinen sie, würde sie entlasten. Und die Polizei müsste nur einbezogen werden, wenn eine Straftat vermutet wird.

Allerdings gibt es auch Kritik von Medizinern an der Kripo-Arbeit. Bei einer anonymen Befragung von Ärzten aus Westfalen-Lippe berichtete jeder zweite Notarzt von Beeinflussungsversuchen der Polizei: Die Ärzte sollten einen natürlichen Tod attestieren, obwohl dies nicht zweifelsfrei erkennbar war.

Die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin hat einen Forderungskatalog für eine Verbesserung der Leichenschau vorgelegt. Sie fordert unter anderem, die Leichenschau umfänglicher als bisher im Medizinstudium zu thematisieren. Alle Ärzte müssten zur regelmäßigen Weiterbildung in diesem Thema verpflichtet werden. Im Falle ungeklärter Todesursachen sollte immer eine Obduktion erfolgen.

 
 

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