Ärzte klagen über zu viele Patienten

Berlin –.  Die Ärzte waren die letzten, die der inzwischen abgeschafften Praxisgebühr eine Träne nachgeweint haben. Die Zwangsgebühr, die beim ersten Arztbesuch im Quartal fällig wurde, war den Medizinern ein Dorn im Auge. Sie wollten nicht diejenigen sein, die den Patienten vor der Behandlung Bares abknöpfen mussten – auch deshalb, weil sie die zehn Euro nicht behalten durften, sondern an die Krankenkassen weiterleiten mussten.

Auch gesundheitspolitisch war die Wirkung dieser „Eintrittsgebühr“ zum Arzt zweifelhaft. Ziel war es, die Zahl der Arztbesuche und mithin die Gesundheitskosten zu senken. Im Jahr 2004, dem ersten nach ihrer Einführung, gelang das auch. Die Deutschen setzten sich seltener ins Wartezimmer. Dann aber war der Effekt wieder verpufft. Zum Schluss war die Gebühr nur dazu da, zwei Milliarden Euro zusätzliches Geld für die klammen Krankenkassen einzusammeln. Vor drei Jahren schaffte der damalige Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) die Praxisgebühr ab – unter Beifall der Ärzte.

„Die Patienten vereinbaren wahllos Termine beim Arzt“

Umso erstaunlicher ist es nun, dass ausgerechnet sie etwas fordern, das verdächtig nach Praxisgebühr klingt. „Wir brauchen eine stärkere Steuerung und eine Schwelle beim Zugang zum Arzt“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, dieser Zeitung. Die KBV ist nicht irgendeine Organisation, sondern eine halbstaatliche Einrichtung, die alle 165 000 Ärzte und Psychotherapeuten vertritt, die Kassenpatienten behandeln. Und die KBV will eine „Schwelle“ zum Arzt errichten? Den Zugang steuern?

Anlass für Gassens Vorschlag ist der Start der Terminservicestellen am kommenden Montag. Sie sollen in dringenden Fällen einen Termin beim Facharzt binnen vier Wochen vermitteln. Damit will Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) das Problem lösen, dass Kassenpatienten oft deutlich länger auf solche Termine warten müssen. Den Ärzten passt das nicht, sie halten die Servicestellen für überflüssig. Sie wollen sich nicht unter Druck setzen und sich ein Teil ihres Honorars nehmen lassen, wenn die Terminvermittlung scheitert.

„Wir brauchten die Terminservicestellen nicht, wenn viele Patienten nicht wahllos Termine bei Ärzten vereinbaren würden“, sagt nun Gassen, der oberste Kassenarzt. Die Wartezeiten entstünden dadurch, dass es zu viele Patienten gebe, die wegen derselben Beschwerden zu zwei, drei oder sogar noch mehr Fachärzten gingen. Man könne diesen „ungehinderten und beliebigen Zugang zum Arzt auf Dauer nicht aufrechterhalten“, sagt Gassen.

„Wir brauchen mehr Flexibilität in der Krankenversicherung“

Konkret schlägt der KBV-Chef deshalb vor: „Es sollte einen Arzt geben, der für den Patienten immer der erste Ansprechpartner ist, und der ihn dann weiterleitet.“ Dies könne der normale Hausarzt sein, aber auch der Frauenarzt oder bei chronisch Kranken der behandelnde Facharzt. Damit die Patienten ihre Ärzte in systematischer Reihenfolge besuchen, solle es finanzielle Anreize für sie geben. Krankenkassen sollten verschiedene Versicherungstarife anbieten können. „Wir brauchen mehr Flexibilität in der gesetzlichen Krankenversicherung.“

Solche Vorschläge sind nicht ganz neu. Es gibt seit rund zehn Jahren sogenannte Hausarztverträge. Wer sich als Mitglied einer Krankenkasse daran bindet, verpflichtet sich, zuerst zum Hausarzt zu gehen und sich von dort zum Facharzt überweisen zu lassen. Im Gegenzug gibt es finanzielle Vorteile. Inzwischen sind den meisten Kassen die Hausarztverträge aber zu teuer, denn die Wirkung ist ungewiss: „Hausarztmodelle haben einen gewissen, aber eher geringen Steuerungseffekt“, sagt Jürgen Wasem, Gesundheitsökonom an der Uni Duisburg-Essen. „In den Fällen, in denen er untersucht wurde, hat das sogenannte Ärztehopping etwas abgenommen und es gibt etwas bessere Koordinierung.“

Rund zehnmal im Jahr gehen die Deutschen zum Arzt, das geht aus einer Vergleichsstudie der Industrieländervereinigung OECD hervor. Tatsächlich liegt die Zahl wohl höher, aber genau weiß das niemand, denn für Kassenpatienten bekommen Ärzte eine Pauschale, die alle Termine pro Quartal abdeckt. Die letzten Daten, die zuverlässig die Zahl der Arztbesuche nennen, sind fast zehn Jahre alt. Damals waren es 17 pro Jahr.

Wollte man diese Zahl senken – und damit womöglich das Terminproblem lösen –, müsste man zu anderen Mitteln greifen, meint Experte Wasem: „Untersuchungen zeigen, dass sich die Häufigkeit des Arztkontakts durch intelligente Zuzahlung des Patienten beeinflussen lässt.“ Intelligent, das wäre laut Wasem eine prozentuale Zuzahlung pro Behandlung oder eine Zahlung pro Arztbesuch.

 
 

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