Abwanderung übersteigt Zuwanderung in Deutschland

Foto: Mario Vedder/dapd
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Berlin. Die Zuwanderungspolitik in Deutschland muss mutiger werden. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration legte sein zweites Jahresgutachten vor. Die Mehrheit der Befragten bewerteten die Abwanderung als zu hoch.

Deutschland muss nach Ansicht von Experten in der Zuwanderungspolitik zügig umsteuern. Nach dem jüngsten Gutachten des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration gerät das Land zunehmend ins Hintertreffen: Mehr Menschen wandern aus als ein. Insbesondere junge Spitzenkräfte zieht es ins Ausland, ohne dass ausreichend Hochqualifizierte nachkommen. Der Appell der Wissenschaftler: Deutschland muss attraktiver werden und mutiger in der Migrationspolitik. Der Rückhalt in der Bevölkerung sei da; die Bürger seien der Politik bei dem Thema weit voraus.

Acht deutsche Stiftungen hatten den Sachverständigenrat 2008 ins Leben gerufen. Das wissenschaftliche Expertengremium nimmt regelmäßig in Gutachten Stellung zu integrations- und migrationspolitischen Themen. Am Mittwoch stellten die Wissenschaftler in Berlin ihr zweites Jahresgutachten vor. Analysiert wird darin die Zu- und Auswanderung und die Migrationspolitik in Deutschland. Zusätzlich wurden mehr als 2.450 Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte im Land nach ihren Einschätzungen zum Thema befragt.

Die Bevölkerung in Deutschland altert und schrumpft

Laut Gutachten hat Deutschland seinen Status als Einwanderungsland verloren. In den vergangenen 15 Jahren gingen rund eine halbe Million mehr Bürger ins Ausland, als von dort neu zuwanderten. Deutschland sei inzwischen ein alterndes und schrumpfendes Migrationsland, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats, Klaus Bade. Insbesondere qualifizierte Menschen im besten Erwerbsalter verließen das Land. Die Politik habe eine Zuwanderungsförderung schlicht verschlafen.

„Deutschland muss sich runderneuern und attraktiver werden im Inneren und nach außen“, mahnte Bade. Bereits 2015 könnten nach bisheriger Schätzung drei Millionen Arbeitskräfte fehlen.

Die Sachverständigen plädieren unter anderem dafür, die Zuwanderung von Hochqualifizierten zu erleichtern - etwa durch eine Senkung des Mindesteinkommens auf 40.000 Euro. Wer sich unbefristet in Deutschland niederlassen will, muss derzeit ein Jahresgehalt von mindestens 66.000 Euro nachweisen. Auch für ausländische Studenten müsse es leichter werden, in Deutschland zu bleiben, etwa durch eine längere Frist für die Arbeitsplatzsuche nach dem Abschluss. Auch für Fachkräfte und niedrig Qualifizierte müsse es mutigere Zulassungen geben - zum Teil auch befristet.

Land braucht neue „Rekrutierungsgebiete“

Die bisherigen Hauptherkunftsländer von Zuwanderern werden sich Einschätzung der Wissenschaftler weiterentwickeln, selbst zu Einwanderungsländern werden und als Quelle für Deutschland daher ausfallen. Wichtig sei deshalb, die „Rekrutierungsgebiete“ nach Süden und Osten auszuweiten - nach Nordafrika, Zentralasien und Südostasien. Bade mahnte, die verbreitete „Kulturpanik“ in Bezug auf Zuwanderer aus muslimischen Ländern müsse ein Ende haben. Auch die Abschottung Europas gegen Flüchtlinge aus diesen Regionen sei falsch.

Die Bevölkerung steht einer verstärkten Zuwanderung laut Untersuchung offen gegenüber. Die Mehrheit befürwortet demnach eine stärkere Einwanderung von Hochqualifizierten nach Deutschland. Mehr als die Hälfte der Befragten wertete die Abwanderung aus dem Land als zu hoch. Eine hohe Zustimmung gab es auch zu einer verstärkten Aufnahme von Flüchtlingen und Asylsuchenden: 48,5 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund und 40,9 Prozent der Menschen aus Zuwandererfamilien befürworteten dies.

Die Geschäftsführerin des Sachverständigenrats, Gunilla Fincke, sagte, in der Bevölkerung gebe es eine pragmatisch-nüchterne Einschätzung zum Thema. Die Menschen hätten eine realistische Haltung und seien besser informiert als häufig angenommen. Die Bürger seien bereit zu mutigen Reformen in der Zuwanderungspolitik.

Bade sagte, die Haltung der Bürger unterscheide sich deutlich von den „düsteren Schreckensbildern“, die zum Teil in Medien verbreitet würden und die Politiker aus partei- und wahltaktischen Gründen übernähmen. Die Bevölkerung sei der Politik in der Frage weit voraus.

Grünen-Chef Cem Özdemir sagte, das Gutachten sei eine „gute Grundlage für eine Rückkehr zu Sachlichkeit und Vernunft in der Integrations- und Migrationsdebatte“. (dapd)

 
 

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