Abschied eines SPD-Urgesteins - „Münte“ verlässt Berliner Bühne

Tritt nicht mehr für den Bundestag an: Franz Müntefering.
Tritt nicht mehr für den Bundestag an: Franz Müntefering.
Foto: dapd

Berlin. Noch vor ein paar Wochen klang die Antwort von Franz Müntefering schelmisch. Ob er 2013 wieder für den Bundestag kandidiere, wisse zur Zeit niemand, „außer ich selbst – vielleicht“. Das „vielleicht“ hat sich erledigt. Am Wochenende gab der SPD-Politiker bekannt, dass er ein Mandat definitiv nicht mehr anstrebe. „Das wird meine Frau alleine machen müssen.“

Ehefrau Michelle tritt für die SPD im Wahlkreis 142 an, Herne und Bochum II, keine allzu riskante Kandidatur. In Berlin, in der Fraktion, werden sie heute eine Liste aktualisieren, die 20 Namen umfasst: Die Abgeordneten, die in einem Jahr aufhören. Und darunter sind neben Urgestein Müntefering fünf weitere Parlamentarier aus NRW: Gerd Bollmann aus Herne, Johannes Pflug aus Duisburg, der Krefelder Bernd Scheelen sowie die profilierte Bildungspolitikerin Ulla Burchardt aus Dortmund und Dieter Wiefelspütz aus Unna, ein Unikat.

Flach, Müller und Polenz treten ebenfalls nicht mehr an

Bei der FDP geht Ulrike Flach aus Mülheim „aus sehr freien Stücken und seit zwei Jahren geplant“, wie sie betont. Persönlich sind auch die Motive von Kerstin Müller, die sie in einem Brief an ihre Grünen-Basis in Köln erläuterte. Ihre Tochter werde jetzt schulpflichtig, und als allein erziehende Mutter könne sie ihren Verpflichtungen im Wahlkreis und im Bundestag nur schwer nachkommen. Seinen Platz für Jüngere räumt Ruprecht Polenz aus Münster, der CDU-Außenpolitiker.

Am meisten fällt der Aderlass bei der SPD auf. Immerhin: Müntefering war ihr Generalsekretär, ferner Partei- und Fraktionschef und sogar zweimal Arbeitsminister, in Düsseldorf und Berlin. Von 1975 bis 1992 saß er im Bundestag, noch einmal seit 1998. In der großen Politik war „Münte“ eher ein Spätzünder, aber als der Mann kam, da startete er dann richtig durch.

Wie aus einer fernen Zeit kommt auch Wiefelspütz. Als er 1987 erstmals in den Bundestag einzog, hieß der SPD-Kanzlerkandidat Johannes Rau. Der Jurist machte sich schnell einen Namen als Innenpolitiker. Nächstes Jahr wird er 67 Jahre alt, und Wiefelspütz findet es klüger, „zu gehen, wenn man noch nicht weggetragen werden muss“, wie er dieser Zeitung sagte.

Den Zeitpunkt konnte er noch bestimmen, was man nicht von allen sagen kann. Sein Parteifreund Wolfgang Thierse etwa verzichtet „sehr ungern“ auf eine Kandidatur in Berlin – sein Nachfolger war ausgekungelt. In der CDU erlitt das gleiche Schicksal Siegfried Kauder, der Bruder von Fraktionschef Volker Kauder.

Glos und seine Flasch Jägermeister

Die Liste der Abgänge ist lang und enthält viele prominente Namen, wie die Hamburger Hans-Ulrich Klose (SPD) und Krista Sager (Grüne), wie die streitbare CDU-Frauenpolitikerin Rita Pawelski. Die meisten von ihnen haben den Zeitpunkt ihres Abschieds bestimmen können. Andere werden in den nächsten Wochen in ihren Parteien durchfallen – oder 2013 beim Wähler.

Abgänge meldet auch die CSU. So verlässt mit Michael Glos ein Urgestein die Politik. Er war Chef der CSU-Landesgruppe, Wirtschaftsminister und ein Strippenzieher mit speziellem Humor. Er schenkte Angela Merkel 2004 zum Geburtstag eine Flasche „Jägermeister“. Begründung: „Sie ist die Jägermeisterin eitler Männer.“ Da haben sie gelacht – ein Jahr später war sie Kanzlerin.

 
 

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