64 Prozent der Schüler in NRW erreichen Hochschulreife

Wer schafft es bis zur Hochschulreife? In NRW sind die Bildungschancen von der sozialen Herkunft abhängig.
Wer schafft es bis zur Hochschulreife? In NRW sind die Bildungschancen von der sozialen Herkunft abhängig.
Foto: Tobias Kleinschmidt
In Nordrhein-Westfalen machen mehr Schüler Abitur als in anderen Bundesländern. Bei der Exklusionsquote hängt NRW aber hinterher.

Gütersloh. Nordrhein-Westfalen hat im neuen "Chancenspiegel" der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung weitgehend gute Noten erhalten. Im Vergleich der Bundesländer bringt NRW überdurchschnittlich viele Abiturienten hervor und konnte bei der Abiturientenquote 2012 seinen Platz in der Spitzengruppe verteidigen. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) warnte nach der Veröffentlichung am Donnerstag aber vor zu viel Euphorie.

Laut "Chancenspiegel" erreichten 2012 in NRW 64,5 Prozent der jungen Erwachsenen an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen die Hochschulreife. Im Bundesdurchschnitt waren es dagegen 54,9 Prozent. Auch beim Anteil der Schulabgänger ohne Abschluss schnitt NRW mit einer Quote von 5,7 Prozent besser ab als der Bund mit 6,0 Prozent.

Bildungserfolg gerade in NRW abhängig von sozialer Herkunft

Schlechter sieht es in NRW unterdessen bei der Integration behinderter Schüler in das Regelschulsystem aus. Die sogenannte Exklusionsquote, die den Anteil der gesondert in Förderschulen unterrichteten Kinder angibt, konnte mit 5,2 Prozent nicht an den Bundesdurchschnitt von 4,8 Prozent anknüpfen.

Bundesweit attestiert der "Chancenspiegel" dem deutschen Bildungssystem eine mangelhafte Chancengerechtigkeit. Trotz Verbesserungen in den vergangenen Jahren sei der Bildungserfolg eines jungen Menschen weiterhin stark abhängig von seiner sozialen Herkunft. Neuntklässler aus höheren Sozialschichten hätten zum Beispiel in Mathematik einen Wissensvorsprung von bis zu zwei Jahren gegenüber ihren Klassenkameraden aus bildungsfernen Familien.

Viel zu tun bei der Inklusion

"Wer in NRW zur Schule geht, hat nicht unbedingt die besten Chancen, auch die beste Bildung zu bekommen", warnte auch der VBE-Landesvorsitzende NRW, Udo Beckmann. Trotz der guten Abiturquote gebe es vor allem bei der Inklusion behinderter Schüler an Regelschulen "noch viel Luft nach oben", weil die benötigten Rahmenbedingungen fehlten. Auch seien gerade in NRW die Bildungschancen stark von der sozialen Herkunft abhängig.[kein Linktext vorhanden]

Wissenschaftler der Technischen Universität (TU) Dortmund, die zusammen mit ihren Kollegen in Jena jährlich für die Bertelsmann-Stiftung den "Chancenspiegel" erarbeiten, sehen in NRW zudem das Stadt-Land-Gefälle bei den Bildungsabschlüssen kritisch. "Die Chance, an die Hochschulreife zu kommen, ist abhängig von der Region", sagte TU-Schulentwicklungsforscher Prof. Wilfried Bos.

Regionale Schulen brauchen besonders Unterstützung

So liegt laut Erhebung die Abiturquote an den allgemeinbildenden Schulen in Münster bei 45,5 Prozent, in Borken dagegen bei 30,7 Prozent - nicht zuletzt, weil es in ländlichen Räumen am Angebot entsprechender Schulen mangelt. Bos' Forderung: "Allgemein ist eine stärkere Unterstützung der regionalen Schulentwicklung durch die Länder ratsam. So kann der Entstehung von Ungleichheit begegnet werden, unabhängig von den kommunalen Finanzlagen."

Die Methode des "Chancenspiegel", das jeweilige Schulsystem der 16 Länder auf Gerechtigkeit und Leistungsstärke zu prüfen, ist dabei nicht unumstritten. Der Deutsche Philologenverband hält die Erhebung für ungeeignet, Qualitätsaussagen zu den Bildungssystemen zu treffen. Dazu sei der Bewertungsmaßstab nicht objektiv genug, hieß es. Gute Abiturquoten sagten nichts über die jeweilige Studierfähigkeit aus. (dpa)