384 Priester wegen Missbrauchs Minderjähriger entlassen

Papst Benedikt XVI. hat in den Jahren 2011 und 2012 insgesamt 384 katholische Priester wegen Kindesmissbrauchs abgesetzt.
Papst Benedikt XVI. hat in den Jahren 2011 und 2012 insgesamt 384 katholische Priester wegen Kindesmissbrauchs abgesetzt.
Foto: dpa
Der frühere Papst Benedikt XVI. hat in den Jahren 2011 und 2012 insgesamt 384 katholische Priester wegen Kindesmissbrauchs abgesetzt. Die Zahlen stammten aus jährlich veröffentlichten Aktivitätsberichten des Vatikan. Zuvor hatten Mitglieder eines UN-Komitees den Vatikan wegen mangelnder Transparenz im Umgang mit dem sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche kritisiert.

Rom.. Knapp 400 Priester sind in den Jahren 2011 und 2012 aus dem Klerikerstand entlassen worden, weil sie sich des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen schuldig gemacht hatten. Diese von der Nachrichtenagentur AP veröffentlichten Zahlen – genau: 384 – hat der Vatikan am Wochenende zuerst als „irrige Interpretation statistischer Daten“ bezeichnet, in einem zweiten Schritt aber als korrekt bestätigt. Bestätigt ist damit auch die Verdoppelung der entsprechenden Fälle: 2008 und 2009 waren nur 171 Priester mit der kirchenrechtlich möglichen Höchststrafe für Pädophilie-Delikte belegt worden.

Kirchliche Gesetze verschärft

Allerdings beziehen sich die Angaben nur auf jene Kleriker, deren Entlassung vom Papst selbst – in diesem Falle von Benedikt XVI. – verfügt worden ist. Ein von AP zitierter Kirchenrechtler geht davon aus, dass es weitere Fälle auf Ebene der Ortskirchen, also der einzelnen Diözesen, gegeben hat, die nicht nach Rom gemeldet worden seien. Insgesamt wurden bei der Glaubenskongregation in den Jahren 2011 und 2012 mehr als 820 neue Fälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche angezeigt. Neuere Daten liegen nicht vor.

m Prinzip waren die Zahlen schon bisher verfügbar, aber sie verstecken sich in derart dickleibigen Jahrbüchern und Amtsblättern des Heiligen Stuhls, dass außer ein paar Spezialisten niemand Zeit findet, sie zu suchen. Dass sie nun öffentlich geworden sind, liegt an einem UN-Termin: Die Kommission der Vereinten Nationen zur Umsetzung der Kinderschutzkonvention wollte vergangene Woche in Genf auch den Vatikan hören, und dort erstellte das Staatssekretariat dem zuständigen päpstlichen Diplomaten ein Dossier.

Papst Franziskus verschärft Druck auf Bischöfe

Nach dem Auffliegen zahlreicher, teils jahrzehntelang vertuschter Skandale vor allem in den USA, in Irland und in Deutschland hatte Benedikt XVI. die kirchlichen Gesetze gegen den Kindesmissbrauch erheblich verschärft. In gravierenden Fällen beispielsweise kann der Papst einen Priester auch ohne formelles Gerichtsverfahren in den Laienstand zurückversetzen. Dass sich die Zahl solcher Entlassungen verdoppelt hat, wird nicht nur auf den öffentlichen Druck, sondern auch auf Benedikts Maßnahmen zurückgeführt.

Andererseits haben nicht alle Bischofskonferenzen die neuen vatikanischen Vorschriften zur schärferen Bekämpfung des Kindesmissbrauchs und zur offenen Zusammenarbeit mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden umgesetzt. Um den Bischöfen noch mehr Druck zu machen, hat Papst Franziskus zu Anfang Dezember die Einrichtung einer eigenen vatikanischen Kinderschutzkommission angekündigt. Damit reagierte der Papst auf entsprechende Anregungen des achtköpfigen Kardinalsrats („K8“), den er zur Kurien- und Kirchenreform eingesetzt hatte – und auf entsprechende Forderungen von Spezialisten wie dem Vizerektor der Jesuiten-Universität Gregoriana, Hans Zollner. Aufgrund seiner internationalen Erfahrungen verlangte Zollner „Durchgriffsmöglichkeiten, um die allgemeine Rechtsordnung der Kirche notfalls auch gegen den Widerstand eines Bischofs durchzusetzen, der sich sperrt.“

Das Thema begleitet Franziskus schon seit dem Konklave im März vor einem Jahr: Erst kurzfristig und auf Druck der Öffentlichkeit entschloss sich damals der 75jährige schottische Kardinal Keith O’Brien, auf die Teilnahme an der Papstwahl zu verzichten. Später räumte er ein, die Vorwürfe nach denen er sich vor drei Jahrzehnten an jungen Seminaristen vergriffen habe, seien in der Substanz berechtigt. Papst Franziskus kam zuletzt am Freitag auf die Missbrauchsaffären zurück. In seiner gewohnten, werktäglichen Predigt im vatikanischen Gästehaus Sankt Martha rügte er, angesichts der Skandale – „die wir alle kennen und die uns zu Recht eine Menge Geld gekostet haben“ – schüttelten die Leute ihre Köpfe über Priester, Bischöfe und Laien: „Das ist eine Schande für diese Kirche. Aber schämen wir uns tatsächlich?“

 
 

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