Zwei Männer und ein Baby

Berlin.  Für Tobias Rebisch (37) und seinen Mann Marc ist das Glück eine messbare Größe. Am Anfang war es 54 Zentimeter lang, wog 3400 Gramm und hatte ganz weiche kleine Füße. Am 13. Februar 2013 klingelte bei dem Paar das Telefon: „Wir haben ein Baby für Sie“, sagte die Dame von Jugendamt am anderen Ende der Leitung. Und so wurden Marc und Tobias Rebisch von einer Sekunde auf die andere für den acht Tage alten Luis Papa und Papi.

Heute ist Luis drei Jahre alt und ist mit seinen zwei Vätern das Kind einer sogenannten Regenbogenfamilie, von denen es in Deutschland derzeit etwa 6000 gibt – Tendenz steigend. In einer Regenbogenfamilie finden sich entweder zwei schwule Männer oder zwei lesbische Frauen zusammen, die „verpartnert“ sind und gemeinsam ein Kind großziehen wollen.

Für den gelernten Hotelfachmann und seinen Mann war vor acht Jahren klar: Sie wollten keine Leihmutterschaft, die ohnehin in Deutschland verboten ist, nein, sie wollten ein Waisenkind adoptieren. Weil es so viele Kinder auf der Welt gebe, die sich nach einer Familie sehnen. Im Herbst 2008 begann für die zwei Männer dann der Weg durch die bürokratischen Instanzen. Berge von Papier, Hausbesuche, anschließende Sozialberichte, Elternseminare. Erst fünf Jahre später sollten die beiden ihr Baby in den Armen halten.

Kinder aus Regenbogenfamilien sind laut Studie selbstbewusst

Über diese Zeit und die ersten Jahre mit Sohn Luis hat Tobias Rebisch nun das Buch „Zwei Papas und ein Baby – Unser Leben als (fast) ganz normale Familie“ (Heyne, 217 Seiten) geschrieben. „Das Buch“, erzählt Rebisch dieser Zeitung, „geschah aus dem Bedürfnis heraus, Paaren, die adoptieren möchten, Mut zu machen.“ Auch ist darin zu lesen, dass es laut US-Studien, die sich mit homosexuellen Paaren und ihren Kindern beschäftigt haben, keine negativen Auswirkungen auf das Kindeswohl in Regenbogenfamilien gibt. Im Gegenteil: Eine Studie, die vom deutschen Bundesjustizministerium in Auftrag gegeben wurde, belegt sogar, dass Kinder aus solchen Familien autonom und selbstbewusst sind. Dennoch kämpfen diese Kinder auch oft gegen gesellschaftliche Vorurteile. Laut einer Befragung der Berliner Humboldt-Universiät haben Regenbogen-Kinder zeitweise Angst vor Diskriminierung. Dabei gibt es in ihrem Alltag so gut wie keine Unterschiede.

So war auch für Tobias Rebisch und Ehemann Marc der Beginn ihrer Vaterschaft auch von Schlafmangel, Herumtragen und Buggyfahrten zum Drogeriemarkt geprägt. „Über allem lag eine Müdigkeit, die Tiefen erreichte, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt“, erzählt der Autor. Ein Mann auf Augenhöhe mit Frauen in der Mutterrolle verhält sich im Dickicht des deutschen Großstadtdschungels wie ein seltenes Tier. Urkomisch ist deshalb auch die Szene aus dem Buch, in der sich Rebisch mit seinem Baby im Drogeriemarkt an eine Gruppe frischgebackener Mütter heranpirscht, die sich gerade in puncto Durchschlafen übetrumpfen wollen.

Luis wünscht sich am liebsten eine Schwester als Geschwisterkind

„Ich ließ den Blick um die Frauen schweifen. Sie sahen genauso fertig aus wie ich. Sollte ich vielleicht nicht alles glauben, was ich da hörte?“ Mittlerweile ist sich Rebisch sicher: „Ich finde, dass viele Mütter sich zu stark unter Druck setzen, alles perfekt zu machen.“ Ein anderes Mal findet er sich in einer Reinigung wieder, als ihn die Verkäuferin anschreit, für den weinenden Luis doch bitte seine Mutter zu holen – bis dem Vater der Kragen platzt und er sagt: „Er hat keine Mutter.“

Tatsächlich hat sich Luis Mutter nach seiner Geburt für eine sogenannte geschlossene Adoption entschieden. Sprich: Es besteht kein Kontakt. Es sei denn, Luis möchte eines Tages seine Mutter über Akteneinsicht beim Jugendamt ausfindig machen. „Wir haben Luis erklärt, dass er einen Papa und einen Papi hat, auch eine Mama, die aber nicht bei uns wohnen kann“, so Rebisch.

Heute leben Papa und Papi und Luis ihren Alltag. „Ich arbeite in Teilzeit. Das heißt ich hole Luis aus dem Kindergarten ab. Mein Mann kommt meist um 18.30 Uhr nach Hause. Das ist uns ganz wichtig, das gemeinsame Abendessen“, erzählt er. Und wenn alle drei am Tisch sitzen, ist aktuell auch die Familienplanung wieder Thema. „Luis wünscht sich eine Schwester“, verrät Tobias Rebisch. „Und das fänden wir auch sehr schön.“

 
 

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