Wir werden immer größer und breiter

Foto: view - die agentur

Köln. Die Menschen in Deutschland wachsen - in die Länge, aber noch viel mehr in die Breite. Für die "Size Germany"-Studie wurden bundesweit mehr als 13.000 Männer, Frauen und Kinder untersucht. Mit Hilfe der Daten sollen nun die Kleidergrößen verändert werden. Bald soll's nirgendwo mehr zwicken.

Deutsche Frauen und Männer sind heute im Schnitt größer und kräftiger als noch vor zwei oder drei Jahrzehnten. Was Gesundheits- und Ernährungsexperten seit Jahren zum Teil mit erhobenem Zeigefinger erklären, hat jetzt eine umfassende Reihenuntersuchung von mehr als 13.000 Männern, Frauen und Kindern bestätigt.

Wie die am Dienstag in Köln der breiten Öffentlichkeit vorgestellte Studie SizeGermany ergab, nahm der Brustumfang der Frauen im Durchschnitt gegenüber der letzten Reihenmessung von 1994 um 2,3 Zentimeter zu, der Taillenumfang sogar um 4,1 Zentimeter und das Hüftmaß um 1,8 Zentimeter. Die durchschnittliche Körpergröße stieg um einen Zentimeter.

Bei den Männern fällt die Zunahme noch deutlicher aus: Der Brustumfang wuchs um 7,3 und der Taillenumfang um 4,4 Zentimeter und der Hüftumfang um 3,6 Zentimeter gegenüber der letzten Messung, die 1980 stattfand und damit sogar noch länger zurückliegt. Die Körperhöhe stieg ebenfalls deutlich stärker als bei den Frauen, nämlich um 3,2 Zentimeter.

Größe 36 wird weiter

Auf der Grundlage der neu genommenen Körpermaße sollen nun die Konfektionsgrößen verändert werden, wie SizeGermany mitteilte. So soll etwa bei der Damen-Konfektionsgröße 36, die sich weiterhin an einem Brustumfang von 84 Zentimetern orientiert, die Taillenweite um einen Zentimeter auf 69 Zentimeter vergrößert und der Hüftwert um einen Zentimeter auf 93 Zentimeter verringert werden. Damit soll eine bessere Passform der Kleidungsstücke erreicht werden.

Vertreter der Premium-Bekleidungsfirma Boss und der Bekleidungskette C&A erklärten bei der Präsentation in Köln, sie hätten bereits in den vergangenen Jahren kontinuierlich Anpassungen der Maße vorgenommen. Sie prüften nun, ob weitere nötig seien.

Mit der Zunahme der durchschnittlichen Körpermaße setzt sich ein bereits seit längerem beobachteter Trend fort. Bereits bei der letzten Reihenmessung der Frauen im Jahr 1994 lag der Brustumfang um durchschnittlich 1,7 Zentimeter über dem von 1981, der Taillen- und Hüftumfang jeweils sogar um 2,2 Zentimeter. Als Ergebnis der Reihenmessung von 1994 war deshalb zum Beispiel für die Kleidergröße 40 der Taillen- und Hüftumfang um jeweils zwei Zentimeter vergrößert worden. Bei Größe 34 nahm der Hüftumfang sogar um 2,5 Zentimeter zu, bei Größe 52 wurde er dagegen geringfügig reduziert.

Fast 60 Prozent der Frauen haben zu schmale oder zu starke Hüften

Doch was heißt schon Durchschnitt, wenn nur rund ein Fünftel der Frauen die in den Standardkleidergrößen angenommenen Proportionen haben - egal ob in Größe 36 oder 46? Nach der Reihenmessung von 1994 liegt das unter anderem daran, dass mit fast 60 Prozent die weitaus meisten entweder zu schmale oder zu starke Hüften haben. Hinzu kommt, dass sich die Figur im Laufe eines Lebens unabhängig vom Gewicht verändert.

So schrumpft etwa die Körpergröße mit zunehmendem Lebensalter unter anderem wegen der nachlassenden Elastizität der Bandscheiben. Entsprechend sind ältere Menschen in der Regel allein schon aus diesem Grund kleiner als jüngere. Aber auch die besseren Lebensverhältnisse der Menschen im Nachkriegsdeutschland haben die Körpergröße der Jüngeren anwachsen lassen.

Längenwachstum scheint zu stagnieren

Das Längenwachstum der jungen Bevölkerung scheint allerdings inzwischen zu stagnieren, wie Konrad Zellner vom Institut für Humangenetik und Anthropologie der Universität Jena der AP auf der Grundlage von regelmäßigen Untersuchungen von Kindern und Jugendlichen sagte. «Beim Gewicht ist das leider nicht der Fall», fügte er hinzu.

Eine Steigerung der Körperhöhe ist nach seinen Angaben in der Regel einerseits darauf zurückzuführen, dass die Lebensverhältnisse der Menschen besser werden, vor allem was Ernährung und Gesundheitsverhältnisse angeht. Hinzu kommen genetische Faktoren, die eine gewisse Bandbreite von Größen vorgeben. «Es könnte sein, dass wir uns allmählich dem oberen Ende dieser Bandbreite nähern», sagte er.

100 Sponsoren

Mehr als 100 Geldgeber haben die jetzt veröffentlichte Reihenmessung finanziert. Gut 80 bekannte Marken sowohl für Ober- und Sportbekleidung als auch für Wäsche sind ebenso darunter wie die großen Kaufhäuser und fast alle in Deutschland produzierenden Automobilhersteller.

Die Körper von insgesamt 13.362 Männern, Frauen und Kindern im Alter von 6 bis 87 Jahren sind in den vergangenen eineinhalb Jahren digital vermessen worden. 44 Körpermaße wie Hüft- und Brustumfang wurden dabei für die Bekleidungsindustrie genommen sowie 53 Körpermaße für technische Ergonomie. Die Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet wurden sowohl im Stehen als auch im Sitzen mit einem 3D-Scanner abgetastet.

Zugleich haben Experten der Kaiserslauterer Firma Human Solutions die im Sitzen ermittelten Körpermaße für die Automobilindustrie ausgewertet. Über die Daten sollen die Sitze und der Bedienkomfort in den Fahrzeugen optimiert werden. (ap)

Mehr zum Thema:

 
 

EURE FAVORITEN