Wie viel Gen steckt im Piraten?

Britta Heidemann
Typisch Jungs? Die Umwelt lässt die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen großen werden. Foto: ap
Typisch Jungs? Die Umwelt lässt die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen großen werden. Foto: ap
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Essen. Mal ist Lara blau und Max rosa, aber Max schwingt den Stock und Lara sammelt Blätter. Erfahrungen einer Zwillings-Mutter.

Und doch: Irgendwann ist es passiert, und zwar noch vor dem Gruppendruck im Kindergarten. Bei ersten Waldspaziergängen schwang Max halsbrecherisch den Stock – Lara sammelte Blätter. Natürlich gibt es Gegenbeispiele. Max liebt Musik, Lara turnt schwindelfrei. Das Gesamtbild aber leuchtet dunkelblau und hellrosa: Max ist im Rollenspiel ein „gefährlicher Pirat”, Lara „eine Glitzerfee”. Wie konnte das passieren?

Schuld sind: die Hormone. Bereits in der achten Schwangerschaftswoche beginnen Embryonen mit dem XY-Chromosom (also: Jungs), Hoden auszubilden. Diese produzieren bereits Testosteron. Hat jeder Embryo zunächst ein „weibliches” Gehirn, verändert das Testosteron die Strukturen, so Hirnforscherin Louann Brizendine. Hirnregionen „für sexuelle Aktivität und die Neigung, Verhaltensimpulse sofort umzusetzen”, seien bei männlichen Neugeborenen schon doppelt so groß wie bei weiblichen.

Testosteron ist bereits während der Schwangerschaft im Fruchtwasser nachweisbar. Der Kognitionspsychologe Simon Baron-Cohen will herausgefunden haben: Je mehr Testosteron dort vorhanden war, desto weniger Blickkontakt stellte das Kind im Alter von einem Jahr her. Desto kleiner war sein Wortschatz mit vier, desto geringer sein Empathie-Niveau mit sechs. Zudem bewirkt das Hormon, dass kleine Jungs gefährdeter sind als Mädchen, nicht nur der erhöhten Waghalsigkeit wegen. Sondern, weil sie anfälliger für Krankheiten sind. Ein Beispiel: Weibliche Frühchen haben eine 1,7-mal höhere Überlebenschance als männliche! In ihrem Buch „Das Geschlechter-Paradox” beschreibt Susan Pinker die Unterschiede zwischen Männern und Frauen: Männerhirne sind gut ausgestattet fürs räumliche Denken, Frauenhirne für alles Kommunikative. Männer sind auf Wettbewerb ausgelegt, Frauen auf Zusammenarbeit.

Doch bevor wir es uns allzu gemütlich machen in erzieherischer Zurückgelehntheit, sollten wir die US-amerikanische Neurobiologin Lise Eliot zu Wort kommen lassen. Die bestreitet zwar nicht, dass Mädchen kleine Vorsprünge in der Sprachentwicklung und Jungs im räumlichen Denken haben. Sie glaubt aber, dass erst die Umwelt die kleinen Unterschiede zu großen werden lässt. Dank seiner Plastizität kann das Gehirn seine Strukturen an die gestellten Anforderungen anpassen. „Kinder richten sich an den Vorstellungen aus, die wir von ihnen haben”, schreibt Lise Eliot im Buch „Wie verschieden sind Sie?”. Stereotype setzten sich in der Selbstwahrnehmung fest. Wir müssen, fordert sie: gegensteuern.

Vor einigen Tagen hatte Max Angst, in ein dunkles Zimmer zu gehen. Lara machte das Licht an! Später spielten sie „Feen-Tanz”. „Das”, sagte Max, „ist ein Wettbewerb.” Ah. Wer gewinnt? Lara: „Ich!”