Wie Sex auch in langen Beziehungen wieder gut wird

Essen. Langjährige Paare müssen den Reiz am Unterschied entdecken, wenn im Bett andauernde Flaute herrscht. Das sagt Sexualtherapeut Ulrich Clement im Interview mit DerWesten. Jeder Partner soll sich seine ureigenen Wünsche bewusst machen, damit eines wieder möglich ist: Guter Sex trotz Liebe.

Sie sind Autor des Ratgebers „Guter Sex trotz Liebe“. Interessanter Titel. Im Umkehrschluss würde das aber doch heißen: Ein Paar, das sich liebt, hat in der Regel schlechten Sex. Ist das so?

Clement: Nein, das heißt es mit Sicherheit nicht. Ein Paar, das sich liebt, kann wunderbaren Sex haben. Es ist nur nicht der häufige Fall. Der häufige Fall ist, dass im Lauf einer Beziehung die sexuelle Leidenschaft und das sexuelle Interesse nachlassen. Und jetzt scheiden sich die Geister bei den Paaren. Für manche ist das kein Problem. Die sagen, wir haben sonst viel miteinander. Wir haben eine gemeinsame Familie, ein gemeinsames Haus und viele andere Projekte. Das spielt keine Rolle für uns. Wir haben dafür andere Qualitäten. Für andere ist die nachlassende Leidenschaft ein Problem. Das sind die, die Liebe sehr abhängig vom Sex definieren. Die haben’s dann schwerer.

Wie bekommt ein Paar denn die Lustlosigkeit aus dem Bett?

Clement: Zu allererst: Wir sprechen hier über Paare, die schon ein paar Jahre Schwierigkeiten haben. Nicht, wo es mal Phasen von Lustlosigkeit gibt. Das ist ganz normal, dass das variiert. Die Paare, bei denen das gegenseitige Interesse über längere Zeit auf niedrigem Niveau stagniert, kriegen das erstmal durch eine Haltungsänderung heraus. Indem sie neugierig aufeinander werden. Indem sie sich von der Idee lösen, dass sie sich schon hundertprozentig kennen. Dieses Gefühl kann man durchaus in einer langen Partnerschaft haben. Wenn das Paar aber sexuelle Trampelpfade verlässt, sich von sexuellen Routinen löst und sich immer wieder gegenseitig fragt: ,Wo stehst Du gerade? Was ist für Dich wichtig?’, dann kann Neues entstehen.

Sie verabschieden sich von der Sichtweise, dass die Sexualität zwischen einem Paar besonders auf Gemeinsamkeit ausgerichtet sein soll. Kann es denn gut sein, wenn zwei Dickköpfe beim Sex ihren Willen durchsetzen wollen?

Clement: Es ist der Reiz am Unterschied, um den es mir geht. Das Paar soll wahrnehmen, dass der andere nicht gleich ist. Das ist ein anderer Mensch. Der hat ein anderes sexuelles Profil, eine andere sexuelle Persönlichkeit – und das ist kein Problem, sondern das ist interessant. Das ist der wesentliche Trick dabei. Dass man nicht auf den Unterschied guckt, als etwas, das stört, sondern das interessant ist. Und dann kommt die Herausforderung: Was machen wir jetzt mit dem Unterschied? An dem Punkt fängt es wieder mit der Gemeinsamkeit an. Ich will mich ja nicht von der Gemeinsamkeit verabschieden, sondern nur von der Vorstellung, dass alles gemeinsam sein muss, damit es gut geht. In Wirklichkeit geht es um eine kreative Kombination der beiden Aspekte.

Ein sexuelles Profil entwickeln

Sie verlangen, dass jeder Partner ein sexuelles Profil entwickelt. Wie?

Clement: Ich verlange das nicht. Aber es ist eine gute Möglichkeit, wenn man aus der Falle herauskommen möchte. Das heißt, dass man sich selbst befragt: Wer bin ich? Was für ein sexuelles Wesen bin ich? Welche Erfahrungen habe ich? Was habe ich für Vorlieben und Wünsche? Im Kern geht es um folgendes: An welcher Stelle meiner sexuellen Lebensgeschichte stehe ich? Und dieser Kern unterteilt sich in zwei Fragen. Zum einen: Welche Reichtümer und Möglichkeiten von Sexualität habe ich mir schon angeeignet? Und zum anderen: Was ist ungelebt? Wo sind Unzufriedenheiten und Sehnsüchte, die noch nicht zur Geltung gekommen sind?

Dann ist man an einem sehr interessanten Punkt, nämlich, dass wir im Laufe unseres Lebens nicht zu jedem Zeitpunkt das Gleiche wollen. Man will mit 20, 40 und 60 sexuell etwas anderes, möchte sich von bestimmten Dingen verabschieden, möchte etwas Neues hinzugewinnen. Und dadurch kriegt die Sexualität einen sehr lebendigen Dreh.

Wenn beide bereit sind, ein sexuelles Profil zu erstellen und plötzlich feststellen, dass sie sexuell nun so gar nicht zusammenpassen: Ist das das Aus für die Beziehung?

Clement: Nein, überhaupt nicht. Die Trennung ist nur eine von mehreren Möglichkeiten. Eine andere Möglichkeit ist es zu sagen: Da machen wir was draus. Jetzt gucken wir, wo, bei den ganzen Unterschieden, die Gemeinsamkeiten sind, die sich zu leben lohnen. Die dritte Möglichkeit ist: Da ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Gibt es denn Gemeinsamkeiten, die wir noch nicht haben, aber die entwickelbar sind? Oder hat der eine bestimmte Vorlieben, bestimmte Neigungen im sexuellen Bereich, die dem anderen zunächst mal fremd sind, auf die er sich probeweise aber mal einlassen kann? Gibt es Entwicklungsmöglichkeiten? Eine kritische, heikle und gefährliche Option ist, dass einer der beiden oder gar beide sich sagen, wir suchen uns jemand anderen. Wir bleiben zwar als Paar zusammen, haben jedoch Außenbeziehungen. Aber das ist ein Spiel mit dem Feuer und ein eigenes Thema.

Warum fühlt sich der, der weniger will oder weniger experimentierfreudig ist, eigentlich immer schlechter?

Clement: Das ist nicht immer, aber häufig so. Weil sich derjenige, der weniger will, vergleicht mit dem gesellschaftlichen Sollwert. Und die Erwartungshaltung ist, dass man schon sexuelle Interessen hat. Zumindest ein Minimum davon. Deshalb fühlt sich der Partner schlechter und unter dem Soll. Das ist die eine Möglichkeit. Aber es gibt bei vielen Paaren auch die Situation, dass der, der mehr will, sich blöd vorkommt. Er hat das Gefühl, er wird immer wieder abgewiesen und macht alles falsch. Das ist nicht so selten. Dann bestimmt aber eher der, der weniger will, das Geschehen.

Einen neuen Blick aneignen

Wie kommen beide aus diesem Teufelskreis heraus?

Clement: Der, der mehr will, sollte sich einen neuen Blick aneignen. Der andere sagt ja vielleicht nicht einfach ,Nein’, sondern möglicherweise nur ,So nicht. Aber anders’. Das heißt, vielleicht hat er was anderes, was noch nicht zur Sprache gekommen ist, im Blick. Dann kann der Partner, der mehr will, neugieriger werden und nicht nur genervt sein.

Bei dem, der weniger will, gilt eine entsprechende Frage: Sage ich nur ,Nein’ oder sage ich ,So nicht. Sondern anders’? Was ist die andere Sexualität, die mir entspricht und die ich eher entwickeln möchte?

Wie reagiere ich auf merkwürdige Wünsche meines Partners? Wo darf ich die Grenze ziehen?

Clement: Das habe ich nur selbst zu entscheiden, wo ich die Grenze ziehe – und wo es mir zuviel wird, wo ich mich überfordert fühle oder wo ich das Gefühl habe, da gebe ich mich preis und das ist mir völlig fremd. Das ist aber erst ein später Schritt. Der frühere Schritt ist die Neugier für den Partner. Nach dem Motto: Ach, das ist ja interessant, was Du da möchtest. Das ist mir zwar fremd, ich kenne das nicht und ich kann auch nur schwer drauf eingehen, aber erzähl doch mal: Worum geht’s Dir denn da?

Es sind zwei verschiedene Dinge, ob ich mir die Wünsche meines Partners erst einmal anhöre. Schritt eins. Oder Schritt zwei, ob ich darauf eingehe und das Gefühl habe, ich müsste die Wünsche nun erfüllen. Ich muss nicht jeden Wunsch meines Partners erfüllen. Trotzdem kann ich Interesse dafür haben, wie der Wunsch überhaupt aussieht. Wenn ich dann zum Ergebnis komme, das passt mir nicht, dann ist es authentisch und richtig zu sagen: ,Das ist nicht meine Sache. Aber was machen wir da jetzt draus?’ Dann hört das Gespräch nicht auf, sondern fängt erst richtig an.

Wenn ein Partner aber nun einen sehnsüchtigen Wunsch hat und der Partner sagt „Niemals“ . Wie kann der Partner, der mehr will, damit umgehen lernen?

Clement: Wenn die Partner das sehr hart miteinander verhandeln, setzt sich meist der durch, der etwas nicht will. Denn der ist eigentlich in einer stärkeren Situation. Dann ist die Frage bei dem, der will: Wie festgelegt ist er auf seinen Wunsch? Es gibt unterschiedliche Auswege: Ein guter Ausweg ist, sie verhandeln das eine Weile, und der, der mehr will, sagt irgendwann: ,Ich merke, dass Du Dich drauf einlassen willst, aber ich sehe, es ist nicht Dein Ding. Dann tue ich das mal ein bisschen in den Hintergrund. Es ist mir nicht so wichtig. Wir haben ja noch was anderes.’

Und der entscheidende Punkt ist: Ist der Partner, der den Wunsch hat, nur festgelegt auf eine bestimmte Vorliebe oder hat der auch Spielräume und kann darauf eingehen? Das wird er umso mehr machen, wie er merkt, dass der andere Partner, dem das nicht entspricht, ein Interesse daran hat, auf den Wunsch einzugehen. Es vielleicht nicht kann, aber an ihm als Partner interessiert bleibt. Wenn das allerdings nur ein Ausbremsen ist, dann wird es schwierig. Dann halten sie sich das ständig vor, sie bleiben in Konflikt und im schlimmsten Fall holt sich der eine Partner seine Wünsche woanders.

Affäre muss nicht unbedingt zur Trennung führen

Kann denn ein Seitensprung die Sexualität in einer Paarbeziehung wieder beleben? Oder ist es zwangsläufig das Aus?

Clement: Beides kann passieren. Es ist eine Risikopartie. Außenbeziehungen sind riskant. Man zündelt, und man weiß nicht, ob es ein kleines Flämmchen ist, das wieder erlischt oder ob es sich zu einem Flächenbrand auswächst. Man kann es vorher eben nicht sagen. Ich kenne viele Verläufe. Ich kenne den Verlauf, dass der Partner beim ersten Offenlegen sagt: ,Schluss aus. Das mache ich nicht mit.’ Und ich kenne ebenfalls die Reaktion: ,Das ist zwar im ersten Moment verletzend, aber diese Geschichte hat uns auch aufgeweckt.’ Das Paar nimmt die Affäre dann als Impuls, jetzt was daraus zu machen. Für die meisten ist ein Seitensprung aber erst einmal eine große Verletzung, die mit schlaflosen Nächten und endlosen Diskussionen verbunden ist: Warum hast Du mir das angetan? Aber es ist überlebbar und überstehbar. Eine Affäre muss nicht zwangsläufig zur Trennung führen.

Aber Sie animieren auch nicht dazu?

Clement: Überhaupt nicht. Das würde ja voraussetzen, dass man es berechnen kann. Das ist mir völlig fremd, zu einer Außenbeziehung zu raten. Denn man hat es nicht in der Hand, wie es läuft.

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