Wie Gerlinda Swillen mit 65 Bruder und Schwester fand

Martina Herzog

Brüssel. Jahrzehntelang wusste die Belgierin Gerlinda Swillen von ihrem Vater nur den Vornamen und dass er Soldat der Deutschen Wehrmacht war. Swillen machte sich auf die Suche - und fand mit 65 Jahren zwei neue Geschwister in Deutschland.

„Wissen Sie, was der Unterschied ist zwischen einer Schwalbe und einem Wehrmachtssoldaten?“, fragte Juliennes Vater den jungen Deutschen, der um die Hand seiner Tochter anhielt. Der wusste es nicht. „Eine Schwalbe nimmt ihre Jungen mit“, antwortete der Belgier. Und versagte der Heirat seine Einwilligung. Der Soldat wurde nach Frankreich versetzt, Julienne heiratete in Belgien.

„Das ist eine belgische Geschichte“, sagt Gerlinda Swillen, eine zierliche Frau im roten Samtkleid. Mitten im Zweiten Weltkrieg begegneten ihre Mutter und jener Soldat einander beim Friseur. Zur Heirat zwischen dem belgischen Kindermädchen und dem deutschen Unteroffizier kam es nicht, wohl aber zu einer einzigen Liebesnacht am 16. Dezember 1941. Der verdankt Gerlinda Swillen ihre Existenz.

„Das machen alle Kriegskinder“

Seit zwei Jahren befasst sich die heute 67-Jährige intensiv mit ihrer eigenen Herkunft und dem Schicksal anderer Kriegskinder. Sie selbst sagt, sie habe es stets gewusst: „Ich sah immer die Tür sich schließen, die Leute schweigen, wenn ich in der Nähe war.“ Natürlich hat sie gelauscht, an diesen verschlossenen Türen. „Das machen alle Kriegskinder.“ Mit sechs Jahren hat sie zum ersten Mal versucht, im Familienstammbuch zu lesen. Mehr als den Vornamen ihres Vaters, Karl, hat sie dennoch jahrzehntelang nicht erfahren.

Doch 2007, am 28. Mai, das Datum weiß sie noch ganz genau, da entrang Gerlinda der Mutter endlich den vollen Namen. Kinder, Enkel, alle waren dabei, als die alte Frau begann vom Krieg zu erzählen. Da fiel ihr Gerlinda ins Wort: „Du sollst nicht darüber sprechen, du kennst ja nicht einmal den Namen meines Vaters“, forderte sie sie heraus. Und vor aller Ohren, gab die Mutter das wohlgehütete Geheimnis preis: „Karl Weigert“.

Gerlinda Swillen nahm Kontakt auf mit der „Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der deutschen Wehrmacht“, kurz WASt. Ein Vierteljahr dauerte es bis der ersehnte Brief aus Deutschland kam – am 20. August, auch dieses Datum hat die pensionierte Lehrerin nicht vergessen. Die WASt hatte die Kinder Karl Weigerts ausfindig gemacht. Swillen setze sich hin und schrieb einen Brief, „sachlich-neutral“. Dem Prozedere für solche Fälle folgend, leitete die Dienststelle ihn an die Angehörigen weiter. Sie sollten über den Kontakt entscheiden.

Nicht als Tourist sondern zum Kennenlernen

„Sehr geehrte Frau Swillen, liebe Gerlinda, liebe Schwester“, so beginnt der Antwortbrief aus Deutschland, und Swillen strahlt, wenn sie daraus vorliest. Ihr Bruder Karl aus München hat ihn geschickt, mit einem Foto des Vaters. Sogar Humor hat er in seiner zartfühlenden Antwort bewiesen, und das, wo man den Deutschen doch zu Unrecht stets das Gegenteil unterstelle: Er finde es „sehr eigenartig und gleichzeitig schön, mit sechzig Jahren zu erfahren, dass ich eine Schwester habe.“ Sie habe auch eine Schwester, Edith, erfuhr sie, eine weitere, Christel, sei allerdings schon lange tot. Kriegskinder im Grunde auch sie: Ihre Mutter ist eine Französin, die Karl Weigert 1943 heiratete und die ihm nach München folgte. 1958 starb der Vater.

Im Sommer 2008 kam Karl mit seiner Frau nach Brüssel. Fotos hatten Gerlinda und der deutsche Bruder nicht ausgetauscht, da die beiden fanden, sie seien dem Vater ähnlich genug. Und tatsächlich, sie fanden einander am Flughafen. Gerlinda wollte den beiden Brüssel zeigen, doch Karl wehrte ab: Er sei schließlich nicht als Tourist gekommen, sondern um die Schwester kennen zu lernen. Also gingen sie spazieren in den nächsten Tagen und redeten. Seitdem war Swillen in München, hat ihre Halbschwester Edith kennen gelernt.

„Ich hätte nie gedacht, dass es so wichtig sein könnte“, sagt Swillen von den Jahren der Ungewissheit über den Vater. „Ich hatte ein gutes Leben, eine Karriere. Doch es ist wirklich wie eine psychische Befreiung.“ Derzeit kämpft sie um die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich habe ein Recht darauf“, befindet sie.