Wie ein Vater seine Söhne im syrischen Bürgerkrieg sucht

Joachim Gerhard würde alles tun, um seine Söhne zu finden. Sie sollen für den Islamischen Staat gekämpft haben.
Joachim Gerhard würde alles tun, um seine Söhne zu finden. Sie sollen für den Islamischen Staat gekämpft haben.
Foto: Walter Breitinger/S. Fischer Verlag
Seine Söhne sollen im Kampf für den Islamischen Staat umgekommen sein: Joachim Gerhard kann die Suche nach ihnen aber nicht aufgeben.

Kassel.. Die Geschichte von Joachim Gerhard (53) ist eine traurige und doch hoffnungsvolle zugleich. Die traurige handelt davon, dass der Immobilienunternehmer aus Kassel bis heute nicht genau weiß, ob seine Söhne noch leben. Die hoffnungsvolle ist die, dass der Vater niemals aufgeben will, sie finden und ihnen verzeihen wird. Verzeihen, dass seine zwei Kinder dem „Islamischen Staat“ (IS) nach Syrien folgten. Obwohl er schon mehrmals die Nachricht bekommen hat, dass seine Kinder tot sind, sucht Joachim Gerhard weiter.

Der Albtraum, den sich nur wenige Eltern ausmalen können, begann für Gerhard im Oktober 2014. Es war der Monat, in dem seine zwei Söhne Jonas (22) und Lukas (18) verschwanden. Der jüngere jobbte als Pressefotograf, der ältere besuchte eine Schauspielschule in Berlin. Beide waren beliebt, gebildet, in festen Händen und konnten auf ihre Eltern zählen. Doch dann kam der Paradigmenwechsel im Leben der beiden jungen Männer. Jonas traf im Sommer 2014 einen alten Schulfreund in Kassel wieder. Er fing an, ihn in die Moschee zu begleiten, wenige Wochen später eröffnete Jonas seinem Vater, dass er zum Islam konvertieren wolle.

Schlaflose Nächte

Joachim Gerhard behagte die Vorstellung nicht, dass Jonas sein „altes Leben“ aufgeben wollte. „Das mag komisch klingen: Ein Vater, der sich nichts sehnlicher wünscht, als das sein Sohn sich weiterhin dem Alkohol und einer Schauspielkarriere widmet, statt ein frommes Leben im Schoße der Familie zu führen“, schreibt er in seinem jetzt erschienenen Buch „Ich hole euch zurück – Ein Vater sucht in der IS-Hölle nach seinen Söhnen“ (224 Seiten, Fischer).

Ein halbes Jahr später folgte auch Lukas seinem älteren Bruder, brach seine Ausbildung ab und konvertierte ebenso zum Islam. Für den Vater begannen nun die schlaflosen Nächte. Aus Angst vor Streit mit seinen erwachsenen Kindern bemühte er sich, seinen Frieden zu machen. Er dachte, das mit dem Islam würde sich mit der Zeit erledigen.

Sehnsucht nach Gemeinschaft

Eine ehemalige Berliner Mitschülerin von Jonas, dem älteren Sohn, erinnert sich an ihn: „Er war immer begeistert im Schauspielunterricht dabei, ein Typ der schnell Freunde findet.“ Irgendwann sei Jonas nicht mehr zum Unterricht erschienen. „Unsere Klasse hat dann eine lange Facebook-Nachricht von ihm bekommen. Darin stand, dass Schauspielen egoistisch sei, er sich nach Gemeinschaft sehne, die er im islamischen Glauben gefunden habe.“

Seine Schauspiellehrerin Susanne Eggert sagte dieser Redaktion: „Er berichtete mir in einem persönlichen Gespräch, dass er nicht wiederkommen werde und die Schauspielerei mit seinem neuen islamischen Glauben nicht verknüpfen könne.“ Nie hätte die Lehrerin gedacht, dass er als Konvertit in den Krieg ziehen könnte.

Heimliche Reise nach Syrien

Der Prozess ihrer Radikalisierung lief dann über einige Monate leise im Verborgenen. Die Brüder gehen in den Wald beten, lassen sich Bärte wachsen. Eines Tages sind sie dann plötzlich verschwunden. Angeblich besuchen sie die Hochzeitsfeier eines Freundes in Wien – nach ihrer Abreise macht ihre Mutter dann eine schreckliche Entdeckung. „Als unsere Söhne in Wien waren, fand meine Ex-Frau Ursula Abschiedsbriefe der beiden. Darin stand, dass sie nach Syrien reisen und sich dort IS-Terroristen anschließen wollen“, so der Vater.

Von nun an beginnt für ihn, was er die Hölle nennt. Wochenlang hört er nichts von seinen Söhnen, die für die deutsche Polizei zunächst nur als vermisst gelten. Dann der erste Anruf von Jonas, den Gerhard mit zitternden Händen entgegennimmt. Es gehe ihm gut, erzählt der Ältere. Ein paar Wochen im März 2015 später piept sein Handy erneut. Die letzte Nachricht vom Handy seines ältesten Sohnes Jonas. Darin verkündet der IS, die Brüder Hassan und Arif seien tot, gestorben für Allah.

Die Suche nach den Söhnen

Seither gibt es von ihnen kein Lebenszeichen mehr. Wenig später teilen die Sicherheitsbehörden Gerhard mit, dass es Hinweise auf zwei Brüder aus Kassel gebe, die in der Nähe von Kobane getötet worden sein sollen. „Aber es gibt keine Beweise dafür, dass meine Jungs tot sind“, sagt der Unternehmer. 20-mal ist er in den vergangenen zwei Jahren in die Region gereist, Tausende von Euros hat er ausgegeben, mit den Behörden zusammengearbeitet, den jordanischen König Abdullah II. getroffen.

Wenn Joachim Gerhard interviewt wird, reibt er sich immer wieder die Augen. Er ist müde, seine letzte Reise in die Türkei ist erst fünf Wochen her. Seine Botschaft an seine Söhne: „Kommt zurück.“ Dass seine Söhne bei einer Rückkehr nach Deutschland ins Gefängnis müssten, ist Gerhard bewusst. Und dennoch weiß der Vater: „Ich würde ihnen jedes neue graue Haar vorführen. Aber im selben Atemzug werde ich ihnen vergeben.“

 
 

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