Wenn die Schweinegrippe einsam macht

Foto: ddp

Köln. Die Diagnose "Schweinegrippe" kam per Telefon. Denn sein Arzt verweigerte Rüdiger Alt den Hausbesuch. Weil er sich ausgegrenzt fühlt, demonstriert er nun mit fünf anderen Grippekranken in Köln. Sie fordern normalen Umgang mit der Krankheit.

Wer die Schweinegrippe hat, so erlebte es jedenfalls der 33-jährige Rüdiger Alt, der wird gemieden, dessen Familie wird in Sippenhaft genommen, dessen beruflicher Ruf steht auf dem Spiel. Gegen diese Grippe-Diskriminierung will Alt mobil machen. Mit vier Leidensgenossen und vierzig Grad Fieber zog er zur vermutlich ersten Schweinegrippen-Demo nach Köln auf den Neumarkt.

Der Leidensweg hin zu dieser ungewöhnlichen Tat war kurz aber heftig. Angesteckt hat Alt sich auf klassische Art: „im Familienurlaub auf Mallorca”. Dabei hatte er sich noch lustig gemacht über die Angst mancher Urlauber. Doch ein paar Tage nach der Reise rann der Schweiß, der Kopf brummte, die Glieder schmerzten. „Da dachte ich noch an eine normale Grippe.” Rüdiger Alt riss sich zusammen, ging zur Arbeit, aber verzichtete aufs Händeschütteln und engere Kontakte. Am nächsten Tag kapitulierte sein Körper, da meldete er sich krank – und musste feststellen, wie sehr einen diese spezielle Krankheit ausgrenzen kann.

„Mein Chef hat darauf alle meine Kundenkontakte angerufen und erzählt, dass ich die Schweinegrippe habe.” Der gute Ruf sei nun angekratzt, der „Schweine-Stempel” aufgedrückt. „Man wird wie ein Aussätziger behandelt.” Selbst vom Hausarzt, der ihn nicht be- und untersuchen wollte. „Er hatte Angst, seine anderen Patienten zu infizieren”, so Alt.

Dabei wird genau dieses Vorgehen von allen Gesundheitsbehörden empfohlen: Hausbesuch des Arztes statt Praxisbesuch des Kranken. Rechtlich jedoch „stehen Ärzte generell nicht in der Pflicht, Hausbesuche zu machen”, erklärt Karin Hamacher von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. „Auch die Schweinegrippe-Schnelltests sind nicht mehr angesagt.” Die seien zu unsicher: „Ein solcher Test kann lediglich feststellen, ob eine Influenza vorliegt, aber nicht ob es der A/H1N1-Virus ist.” Ein genauer Test auf Schweinegrippe werde generell nur noch bei Risikopatienten durchgeführt. Bei Schwangeren, Kleinkindern oder im Falle von Vorerkrankungen.

Der Arbeitskollege informierte die Schule

Mit dem Fieberthermometer stieg die Wut. Spätestens als Alts Kinder weinend von der Schule nach Hause geschickt wurden. „Die haben gedacht, ihr Papa sei schwerkrank und müsse sterben.” Ein Arbeitskollege hat Kinder in der selben Klasse. „Der hat einfach die Schulleitung über meine Krankheit informiert.”

Alt findet: „Die Leute reagieren völlig übertrieben und hysterisch. Das Virus verläuft fast genauso wie eine normale Grippe, nur die Symptome sind etwas stärker.” Und: „Es ist nicht mehr oder weniger ansteckend als die normale Grippe.” Das „S-Wort” nimmt er darum nicht mehr in den Mund. „Das hört sich schon wie ein Schimpfwort an.” Die riesige Panikwelle ist aus seiner Sicht von den Medien ausgelöst worden. „Dabei sterben jedes Jahr mehrere tausend Menschen an Influenza, an der neuen Grippe ist in Deutschland bisher noch niemand gestorben.”

Vom Krankenbett aus recherchierte Alt und fand vier weitere Betroffene im Internet, denen es ähnlich ergangen war. Mitstreiter Sebastian Dreistern etwa „musste beim Arzt lange draußen vor der Tür warten – mit 40 Grad Fieber”, erinnert er sich. „Die Praxis war überhaupt nicht vorbereitet.” Auch nach der Untersuchung wurde er gemieden. „Die Sprechstundenhilfe hat vier Taxiunternehmen angerufen, doch keines wollte mich nach Hause bringen.” Dann rief Dreistern selbst ein Taxi, verschwieg dabei die Grippe. „Und sofort kam ein Fahrer.”

Dreistern fühlt sich schon viel besser, nur etwas Schnupfen ist geblieben und die Erfahrung der Ausgrenzung: Sie führte die fünf Grippe-Diskriminierten am Dienstag in Kölner zusammen. Mitten auf dem Neumarkt, gegenüber des Gesundheitsamtes, plakatierten sie: „Ich habe die Schweinegrippe” und verlasen ein kurzes Statement. Man kann nicht sagen, dass die Aktion ein großer Erfolg war: Die Passanten machten einen großen Bogen, und die Aktion wurde vorzeitig beendet. Rüdiger Alt musste zurück ins Bett.

Doch es soll weitergehen. Alt, Dreistern und die anderen wollen ein Netzwerk gründen. „Um künftig Erkrankenden und deren Familien diese Stigmatisierung zu ersparen”, so Alt. „Vielleicht werden wir auch wieder demonstrieren”, fügt Dreistern hinzu. „Wir wollen sehen, wie viele Betroffene sich noch melden.” Bis dahin ist erstmal Auskurieren und Tee trinken angesagt.

Hinweis: Bei seinem ersten Auftritt in Harald Schmidts neuer Late-Night-Show im Ersten am Donnerstag, 17. September, hat der Comedian Jan Böhmermann sich als der "Rüdiger Alt" zu erkennen gegeben, der einige TV-Sender, die DerWesten-Redaktion und die WAZ mit seiner Schweinegrippen-Geschichte getäuscht hat.

 

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