Was die Zeitumstellung mit uns macht

Die Uhr wird am Sonntagmorgen zurückgestellt - die Nacht ist eine Stunde länger.
Die Uhr wird am Sonntagmorgen zurückgestellt - die Nacht ist eine Stunde länger.
Foto: ThinkStock
Seit mehr als drei Jahrzehnten drehen die Deutschen zweimal jährlich an der Uhr. Im Frühjahr verkürzen wir eine Nacht um eine Stunde, Monate später hängen wir diese wieder an. Sonntagnacht ist es wieder soweit. Die Uhr wird von 3 auf 2 zurückgedreht. Unser Biorhythmus kommt dabei leicht aus dem Tritt.

Essen. Seit mehr als drei Jahrzehnten drehen die Deutschen zweimal jährlich an der Uhr. Im Frühjahr verkürzen wir eine Nacht um eine Stunde, Monate später hängen wir diese wieder an. Aller Routine zum Trotz haben laut einer aktuellen, repräsentativen Umfrage vier von zehn Deutschen Schwierigkeiten mit der Zeitumstellung.

Die Geschichte

1916 stellten die Deutschen erstmals die Uhr um. Drei Jahre später machten sie damit wieder Schluss. Von 1919 bis 1939 gab es in Deutschland keine Zeitumstellung. Im Kriegsjahr 1939 wurde die Sommerzeit dann erneut eingeführt, aus ökonomischen Gründen, wie es heißt. Vier Jahre nach Ende des Krieges liefen die jeweiligen Sommerzeitregeln in den Besatzungszonen aus. Von 1950 bis 1979 gab es keine Sommerzeit. 1978 beschloss die Bundesrepublik diese erneut. 1980 trat sie in Kraft.

Die Gründe

Die Ölkrise von 1973 hatte nachhaltig Wirkung hinterlassen. Die Zeitumstellung von 1980, so das Kalkül, sollte für eine energetisch besseren Ausnutzung des Tageslichts sorgen und helfen Strom zu sparen. Davon abgesehen gab es einen gewissen Druck aus der Nachbarschaft. Nicht zuletzt die DDR hatte sich für eine Zeitumstellung entschieden.

Die biologische Wirkung

Der Wechsel zwischen Licht und Dunkelheit, sagen der österreichische Schlafpsychologe Günther W. Amann-Jennson sowie der Schlafmediziner Dieter Kunz, beeinflusst die innere Uhr, den biologischen Rhythmus des Menschen. „Die Zeitumstellung im Frühjahr zwängt unsere innere Uhr in ein Korsett, aus dem sie erst im Oktober wieder herauskommt“, so Amann-Jennson. Beide Zeitumstellungen beeinflussten den Menschen, die im Frühjahr mehr, die im Herbst weniger.

Kunz und Amann-Jennson benutzen den selben Begriff, um die Wirkung zu verdeutlichen: „Mini-Jetlag“. Und doch gebe es feine Unterschiede. Für extreme Nachteulen – eine genetisch bedingte Eigenschaft – sei die aktuelle Zeitumstellung ein Segen, weil durch die nächtliche Extra-Stunde Schlafdefizite abgebaut würden. Für Frühaufsteher sei sie unangenehm, so Kunz: „Sie werden ab Sonntag sehr früh am Abend ziemlich müde.“ Etwa 20 Prozent der Deutschen sind extreme Spät-, zehn Prozent extreme Frühtypen.

Folgen für die Gesundheit

Der Hormonspiegel im menschlichen Körper reagiert auf Licht und Dunkelheit und regelt Aktivität und Motorik. Es dauert ein paar Tage, bis er sich umgestellt hat. Die möglichen Folgen laut Erkenntnissen der Schlafmedizin: Müdigkeit, Gereiztheit, Verdauungs- oder Schlafstörungen, Konzentrationsschwächen. „Die Uhr umzustellen ist eine Leichtigkeit, mit dem Körper funktioniert das nicht ohne Probleme“, sagt Anmann-Jennson. Inwiefern sich dies negativ auf die Gesundheit insgesamt auswirkt, ist umstritten. Schlafpsychologe Anmann-Jennson oder auch der Chronobiologe Till Roenneberg von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität vertreten die Meinung, dass vor allem Menschen mit bereits vorhandenen Schlafstörungen durch die Zeitumstellung erheblich beeinträchtigt würden. „Das Problem muss sehr ernst genommen werden und sollte sehr viel genauer erforscht werden“, schrieb das Wissenschaftler-Team um Roenneberg 2007 in der Zeitschrift „Current Biology“ – und beurteilte so die Ergebnisse einer Studie, bei der Aussagen von mehr als 55 000 Menschen ausgewertet worden waren.

Dieter Kunz, Chronobiologe an der Charité in Berlin, sieht das anders. Er spricht von „vorübergehenden Befindlichkeitsstörungen“. „Ich habe noch keinen Patienten getroffen, der ernsthafte Probleme mit der Zeitumstellung beschrieben hat.“ Während Anmann-Jennson die Abschaffung der Zeitumstellung begrüßen würde („Das wäre ein großes Ding, wir haben bereits genug Probleme mit Faktoren, die die Gesundheit beeinflussen.“), will Kunz daran nicht rütteln. „Auch wenn ich mit dieser Meinung etwas allein dastehe: Ich finde die Sommerzeit gut. Es ist doch wunderbar, wenn wir im Sommer bis 22 oder 23 Uhr Tageslicht haben.“ Eine Studie, die die Frage nach den gesundheitlichen Risiken der Zeitumstellung abschließend beantwortet, gibt es bisher nicht.

Sonstige Folgen

Es gibt Studien, die eine Häufung von Herzinfarkten und Verkehrsunfällen in den ersten Tagen nach der Zeitumstellung feststellten. Die Ergebnisse sind unter Schlafmedizinern unbestritten, weshalb der Autoclub Europa die Abschaffung der Sommerzeit fordert und in der kommenden Woche zur Vorsicht im Straßenverkehr aufruft. Aber: Ob die Umstellung im Frühjahr und Sommer – durch die verlängerte Helligkeit – nicht auch Unfälle und Herzinfarkte reduziere, „kann keiner seriös sagen“, so Kunz.

Die Gegenmittel

„Zunächst sollten wir uns nicht verrückt machen“, sagt Amann-Jennson. Wer die Zusammenhänge zwischen Zeitumstellung und möglichem Unwohlsein kenne, reagiere gelassener. Der Österreicher rät dringend davon ab, Schlafstörungen mit Pillen zu bekämpfen. „Wir sollten Dinge tun, die auf natürliche Weise den Schlaf fördern, ein warmes Bad nehmen etwa oder einen Kräutertee trinken.“ Dieter Kunz rät: „Machen Sie mal auf dem Weg zur Arbeit oder in der Mittagspause einen Fußmarsch, um Tageslicht und frische Luft zu tanken.“

 
 

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