Was die Etiketten auf den Lebensmitteln verschweigen

Das Thema Nahrungsmittel ist heikel für die Hersteller und das Verbrauchervertrauen gering.
Das Thema Nahrungsmittel ist heikel für die Hersteller und das Verbrauchervertrauen gering.
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Etwa 320 Lebensmittelzusatzstoffe sind in der EU zugelassen. Sie machen unsere Nahrungsmittel länger haltbar, färben oder verstärken den Geschmack. So richtig Durchblick hat kaum ein Verbraucher. Auch Mediziner warnen vor gesundheitlichen Risiken. Was Sie wissen müssen.

Essen. Noch schwelt der juristische Streit darüber, ob die "Ritter-Sport"-Fabrikanten ein künstliches statt eines natürlichen Aromas verwendet haben und deshalb Stiftung Warentest die Schokoladenquadrate als mangelhaft abwerten durften. Das hitzige Gefecht allein über die Herkunft, nicht die Wirkung eines einzigen Bestandteils belegt: Das Thema Nahrungsmittel ist heikel für die Hersteller und das Verbrauchervertrauen gering. Wer das Buch „Zusatzstoffe von A bis Z“ liest, wird angesichts des Erlaubten gegenüber der Industrie noch skeptischer.

Kompliziertes einfach erklären

Der Ratgeber im Taschenbuchformat wird vom Museum für Zusatzstoffe herausgegeben (6,99 Euro, 234 Seiten) und stammt aus der Feder des Lebensmittelchemikers Jürgen Pollmer. Der mit seinen Pfunden gemütlich wirkende, aber in der Sache kompromisslose Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (das sich nicht umsonst mit der wachsamen EU.L.E abkürzt) hat die seltene Fähigkeit, scheinbar Kompliziertes einfach und anschaulich zu erklären.

Bevor Pollmer in seinem Buch die Zusatzstoffe von E 100 (Kurkumin) bis E 1520 (Propylenglycol) beschreibt und bewertet, muss der Leser schlucken – angesichts der Liste der Dinge, die gar nicht erst deklariert werden müssen: Die allermeisten Aromastoffe, alle Enzyme und sogenannte technische Hilfsstoffe habe der Gesetzgeber laut Pollmer zu „Nicht-Zusatzstoffen“ erklärt, und Zusatzstoffe würden durch Alternativen ersetzt, die nicht kennzeichnungspflichtig sind.

Metzger und Bäcker müssen Zusatzstoffe nicht auf Etiketten schreiben

Frei von Zusatzstoffen heißt also noch lange nicht frei von Zusätzen. Ziel der Hersteller sei das „Clean Labeling“, jene Etiketten eben, auf denen die E-Nummern nicht aufgedruckt sind. Metzger und Bäcker müssen ihre Zusatzstoffe gar nicht auf die Etiketten schreiben, sofern Wurst und Brot überhaupt welche tragen. Und: Die meisten Substanzen im Essen seien teilweise überhaupt nicht geprüft – guten Appetit.

Sprachlich getrickst und getäuscht wird auch gerne. Der Geschmacksverstärker Glutamat klingt irgendwie nach Chemielabor, da hört sich Hefeextrakt schon gleich natürlicher an. Und ersatzweise werden die Hefeprodukte als Tomatenextrakt angepriesen, Geschmacksverstärkung mit italienischem Flair sozusagen. Oder wussten Sie, dass Apfelsaft und kohlensäurearme Getränke in PET-Flaschen nach dem Abfüllen ein ätzendes und giftiges Kaltentkeimungsmittel beigegeben wird, weil sich PET-Flaschen nicht heiß desinfizieren lassen? Der Zusatzstoff E 242 zerfällt nach der Beigabe sofort in die ungiftigen Bestandteile Methanol und Kohlensäure, aber ist das Getränk tatsächlich wie auf dem Etikett beschrieben „frei von Konservierungsmitteln“?

Man würde dem Autor Unrecht tun, wenn man ihn als Dauernörgler abstempelt, der immer nur das Haar in der Suppe sucht (wobei der Zusatzstoff E 920 früher einmal aus Menschenhaar oder Schweineborsten hergestellt wurde). Pollmer beschreibt indes auch die Vorzüge der industriellen Fertigung. Nicht ohne Grund haben deutsche Lebensmittel beispielsweise bei Chinesen aufgrund ihrer hohen Qualität einen hervorragenden Ruf.

 
 

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