Warum Senioren eine Villa in Berlin besetzen

Lassen sich nicht aus der Villa drängen – die Rentner aus Pankow. Foto: Bernd Engelsmann
Lassen sich nicht aus der Villa drängen – die Rentner aus Pankow. Foto: Bernd Engelsmann
Im Streit um eine Begegnungsstätte für Senioren in Berlin sind die älteren Besucher zu Hausbesetzern geworden: Weil die schicke Villa der Stadt zu teuer ist, sollen die Rentner raus. Doch die bleiben, bis die Polizei kommt.

Berlin.. Die politische Klasse ist schockiert. Nicht einmal der grüne Bezirksbürgermeister hätte das erwartet: „Dass Senioren ein Haus besetzen, ist für uns auch neu“, staunt Jens-Holger Kirchner. Und was für Senioren. Militant wie die Grünen in ihren Sponti-Tagen: „Wir bleiben, bis wir gewinnen“, verkünden sie drohend.

Das Haus, um das es geht, war einst nobelste Berliner Ost-Lage. Stille Straße 10 in Pankow, eine Seitenstraße des Majakowski-Ringes. Hier residierten die Mächtigen der DDR. Walter Ulbricht wohnte gleich nebenan, Egon Krenz soll hier immer noch eine Immobilie haben. In der Sprache des Kalten Krieges stand „Pankow“ gleichbedeutend für „Ostzone“.

Bis zur Wende, „zu Ostzeiten“, wie man in Berlin auch heute noch sagt, saß in Haus Nummer 10 der DDR-Kulturbund. Seit gut anderthalb Jahrzehnten ist hier eine Senioren-Begegnungsstätte untergebracht. „War untergebracht“ sollte man indes, geht es nach der zuständigen Bezirksverwaltung, wohl lieber sagen. Und um diesen kleinen Unterschied, Gegenwarts- oder Vergangenheitsform, dreht sich der Konflikt. Denn zur Überraschung der Zuständigen denken die Senioren nicht daran, sich den Treff einfach dichtmachen zu lassen.

Mit Matratzen, Feldbetten und Proviant

Für die Bezirksgewaltigen ist die Sache ein Zahlenexempel. Jahr für Jahr fallen für den Seniorentreff 60.000 Euro Unterhaltskosten an. Saniert werden müsste die mittlerweile reichlich ergraute Villa bei Gelegenheit wohl auch, Kostenpunkt geschätzte 2,5 Millionen. „Die haben wir nicht“, sagt SPD-Sozialstadträtin Lioba Zürn-Kasztantowicz. Auf der anderen Seite locken kapitalkräftige Investoren, an die sich das Filetstückchen gewinnbringend verscherbeln ließe. Wer arm ist, muss rechnen: „Der Bezirk kann sich eine Jugendstilvilla in dieser Gegend einfach nicht leisten“, gibt sich auch Daniela Billig überzeugt, grüne Fraktionschefin in der Bezirksversammlung.

Am Samstag, mit Ablauf des Monats Juni, hätte eigentlich Schluss sein sollen in der Stillen Straße 10. Doch am Freitag rückten die Senioren an. Mit Matratzen, Feldbetten, Proviant, sogar einem Fernsehgerät. Auf die Tür klebten sie ein Schild, darauf die Aufschrift: „Wir bleiben alle!“ Seitdem campieren sie hier, rund zehn ältere Damen und Herren, in der Boulevardpressen als die „Wut-Rentner von Pankow“ alsbald mit Heldenstatus versehen. Stadträtin Zürn-Kasztantowicz: „Das ist ein Völkchen, was dort ein besonderes Selbstbewusstsein hat.“

„Wenn ältere Menschen bei hohen Temperaturen den Kampf für soziale Gerechtigkeit aufnehmen, sollte auch dem letzten Pankower Sozialdemokraten klar werden, dass es so nicht weitergehen kann“, solidarisiert sich die Linkspartei. „Jede Woche kommen 300 Leute her, das Haus ist unersetzlich“, klagen die Besetzer. Und kündigen an, zu bleiben, bis „die Polizei uns rausträgt“. Die Sozialstadträtin: „Wir werden den Dialog suchen.“

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