Warum Rudi Cerne zögerte, als er das Angebot für „Aktenzeichen XY“ erhielt

Jürgen Overkott
Rudi Cerne moderiert seit zehn Jahren die Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" im ZDF.
Rudi Cerne moderiert seit zehn Jahren die Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" im ZDF.
Foto: Thomas K. Schumann NRZ
„Aktenzeichen XY...ungelöst“ feiert ein Doppeljubiläum. Das Fahndungsformat wird 45, Moderator Rudi Cerne ist seit zehn Jahren dabei. Ein Interview über Eduard Zimmermann, Christian Klar und modernes Fernsehen.

München. Sein Format hat, für Fernsehverhältnisse, ein biblisches Alter. „Aktenzeichen XY...ungelöst“ gibt es seit exakt 45 Jahren. Und Moderator Rudi Cerne feiert selbst ein Jubiläum: Er ist seit zehn Jahren der beliebteste TV-Fahnder der Republik. Jürgen Overkott traf den gebürtigen Herner im ZDF-Landesstudio München.

Das Format gibt es 45 (!) Jahren. Durften Sie die Sendung als Kind sehen?

Rudi Cerne: Ganz am Anfang nicht. 1967 war ich neun Jahre alt. Es war ein Riesenthema in unserer Schule, die Kinder geben das weiter, was ihre Eltern erzählen. Daraufhin habe ich mir die Sendung auch angeguckt, und an Eduard Zimmermann kam man damals nicht vorbei. Er war ein Unikat, auch schon in seiner Ära.

Als er mit RAF-Terrorist Christian Klar verwechselt wurde

Aber Eduard Zimmermann konnte und wollte mit der Action von Krimis und Western nicht mithalten. War das für Sie nicht eher langweilig?

Cerne: Ich konnte als kleiner Junge nicht die Trennung zwischen Action der Filme und den Einspielern von „XY“ nachvollziehen. Ich habe mir damals die Frage gestellt, warum kann der Kommissar den Mörder, den wir gerade gesehen haben, nicht fassen? Erst später habe ich realisiert, dass die Szenen bei „XY“ die Realität nachstellen.

Sie selbst sind ja auch mal, wenn auch ungewollt, in Kontakt mit der Staatsgewalt gekommen. Jemand hatte sie für Christian Klar gehalten.

Cerne: Das stimmt. Es gab Fahndungsfotos, auf denen er mir ähnlich sah. Es war 1978 auf dem Münchner Flughafen, und zwar nachdem ich nach dem traditionellen Weihnachtsschaulaufen in Garmisch-Partenkirchen mit ausgerenktem Arm zurückfliegen musste. Ich musste den Arm in einer Schlinge tragen und durfte deshalb nach Hause fliegen. In München glaubte jemand, in mir Christian Klar erkannt zu haben: Während des Fluges war dann die Polizei in Düsseldorf informiert worden, und ich hatte ein beeindruckendes Empfangskomitee.

„Reden Sie nicht. Kommen Sie mit!“

Wie lief das ab?

Cerne: Ich war in Gedanken, wusste ja nicht, wie die Saison weiterlaufen würde. Ich ging langsam und wunderte mich, dass hinter mir niemand mehr das Flugzeug verließ. Auch die rot-weiße Absperrung kam mir komisch vor. Dann stand ein Polizist vor mir und sagte: Nehmen Sie die Hände hoch! Ich sage: Ich habe aber nur einen Arm frei. Und der Polizei erwiderte: Na, dann eben den freien. Mir war sofort klar: Die Sache ist ernst. Keine falsche Bewegung, und halt den Mund! Folge den Anweisungen! Ich habe dann nur gefragt: Worum geht es denn überhaupt? Der Polizist: Reden Sie nicht, kommen Sie mit. Zur Wache mussten wir eine große Treppe hochgehen, damals. Ich habe dann in einem kleinen Raum gesessen, neben mir ein Polizist mit einer Maschinenpistole. Die Erlösung kam nach etwa zehn Minuten, als ein Beamter schmunzelnd den Raum betrat und sagte, es hat sich alles geklärt, es handelt sich um eine Verwechslung, und wir bitten um Verständnis. Unsere Sachbearbeiterin im Büro hat sie auch erkannt und meinte: Das ist doch der Cerne, den habe ich gestern im Fernsehen gesehen.

Jetzt sind Sie selbst der oberste Zivilfahnder im Fernsehen. Kamen Sie zur Sendung, oder kam die Sendung zu Ihnen?

Cerne: Sie kam zu mir. Ich hatte damals, als ZDF-Sportreporter, mit allem gerechnet, aber nicht mit „Aktenzeichen XY“. Ich weiß, dass mein Name für Shows wie „Der große Preis“ schon mal genannt wurde, das hat schließlich Marco Schreyl moderiert. Aber „Aktenzeichen“ ist etwas völlig anderes als eine Art Show...

„Zuerst war ich skeptisch“

…ein journalistisches Format.

Cerne: Eduard Zimmermann hat ja mal gesagt: Den Bildschirm zur Bekämpfung von Verbrechen zu nutzen, das ist der Sinn dieser Sendung.

Das Konzept ist geblieben.

Cerne: Und ich war erst skeptisch. Als ich gesehen habe, um welche Abgründe es in der Sendung geht, wurde mir ganz anders: Mord, Totschlag, Entführung, Pädophilie, Nekrophilie. Und ich habe mich gefragt, was kann „XY“ da ausrichten? Und dann habe ich gesehen, die Sendung hat eine Aufklärungsrate von 38 Prozent, heute sind es sogar 42. Das ist ganz enorm. Und es spielt keine Rolle, wie alt der Fall ist…

…ich denke an den Mordfall Lolita Brieger…

Cerne: …und es hieß, ha-ha-ha, wer soll sich denn an den Fall erinnern, das ist doch so lange her, wahrscheinlich ist der Mörder inzwischen längst tot. Tatsache war, dass sich mehrere Hinweisgeber unabhängig voneinander meldeten und einen möglichen Mitwisser nannten: Über ihn konnte die Polizei den Mord tatsächlich aufklären – nach 29 Jahren. Das ist einzigartig in der Geschichte von „Aktenzeichen XY“ und zeigt, wie effektiv diese Sendung ist.

Hinweise sogar von Zuschauern in Spanien 

Und wie gelingt Ihnen so was?

Cerne: Der Multiplikationsfaktor von „XY“ ist riesig. Die Öffentlichkeitsfahndung ist ein probates Mittel für die Polizei, und wir sind da der erste Ansprechpartner. Wir stellen schlagartig eine Riesenöffentlichkeit her und sensibilisieren Menschen für Fälle, von denen sie möglicherweise zum ersten Mal hören.

Ein Beispiel, bitte.

Cerne: Wir hatten einen Missbrauchsfall, und die Polizei vermutete, der Verdächtige hat sich vermutlich ins Ausland abgesetzt. Und dann meldet sich eine Frau aus Spanien, die uns via Satellit gesehen hatte, und sagt, den Mann kenne ich, der ist bei uns in der Wohnanlage. Wir hatten einen Spanisch-Dolmetscher gebeten, sich mit der Guardia Civil in Verbindung zu setzen, die Polizisten sind dann rausgefahren und haben den Verdächtigen festgenommen. Es war tatsächlich der Gesuchte.

„Die Realität ist weit grausamer“

Sie geben Tatabläufen Bilder. Aber was zeigen Sie nicht?

Cerne: Es gibt Grenzen bei der Gewaltdarstellung. Wir zeigen, beispielsweise, niemals, wie jemandem Gliedmaßen abgeschnitten werden. Bei uns bleibt der Andeutung. Und: Natürlich fließt in unserer Sendung auch Blut, aber längst nicht so viel wie in der Wirklichkeit. Bei uns ist es vielleicht ein Becher, in der Wirklichkeit ein Eimer. Die Realität ist weit grausamer.

Aber Emotionalisierung ist erlaubt.

Cerne: Die Fall-Geschichte muss spannend erzählt sein. Nur so erreichen wir ja auch die Menschen. Unsere Drehbuch-Autoren schreiben mitunter auch mal Szenen hinein, über die man schmunzeln kann. Aber nichts darf vom Geschehen ablenken.

„Ganz locker, ist doch alles ganz leicht“

Wie hat sich die Sendung in den zehn Jahren verändert, in denen Sie dabei sind?

Cerne: Die Qualität der Filme ist wesentlich besser geworden, sowohl von der Seite der Schauspieler als auch von der der Regisseure. Laienschauspieler gibt es bei uns nur für Statisten-Rollen. Und die Studio-Regie ist moderner geworden, darf aber nach wie vor nicht zu unruhig sein. Mir imponieren immer die Kommissare. Die Fahnder sind inzwischen die Arbeit mit den Medien gewohnt, sie sind authentisch, und das ist auch gewinnbringend für mich.

Und Ihre Rolle?

Cerne: Ich versuche, den Kommissaren eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Viele stehen zum ersten Mal vor der Kamera, und sie wissen, da gucken jetzt fünf Millionen Menschen zu. Da möchte ich den sehen, der ganz entspannt bleibt. Zu einem Kommissar habe ich mal gesagt: Wir machen das jetzt ganz locker, ist doch alles ganz leicht. Daraufhin hat er gesagt: Ich nehme Sie mal mit zu einem Sondereinsatzkommando, das ist mein Metier. Und dann schauen wir mal, wie locker Sie dann noch bleiben.