Wann Sie beim Bewerbungsgespräch lügen dürfen

Im Vorstellungsgespräch können Sie heikle Fragen erwarten.
Im Vorstellungsgespräch können Sie heikle Fragen erwarten.
Foto: George Doyle
Schwanger? Parteimitglied? Erkrankungen? Immer wieder stellen Arbeitgeber beim Einstellungsgespräch unzulässige Fragen. Welche Fragen erlaubt sind und welche nicht und wie Sie darauf am besten reagieren können.

Essen.. Die Webseite des Unternehmens haben Sie eingehend studiert, Ihre Garderobe mit Bedacht gewählt und sich in der Branche über Ihren potenziellen neuen Arbeitgeber ausgiebig schlau gemacht. Größere Pannen haben Sie beim Vorstellungsgespräch also nicht zu befürchten.

Und dann das: „Sind sie homosexuell?“ Die Frage des Personalleiters trifft Sie völlig unerwartet. Sie bekommen einen roten Kopf, fangen zu stammeln an, streiten die vermeintliche Unterstellung vehement ab. Und schon ist es um Ihre Souveränität geschehen.

Damit es zu einer solchen Situation gar nicht erst kommt, rät Lars Kohnen, Fachanwalt für Arbeitsrecht: „Haben Sie stets eine gute Antwort parat, selbst wenn die Frage unverschämt oder sogar unzulässig ist.“ Eine intensive Vorbereitung auf mögliche heikle Fragen, mit denen der neue Chef Ihnen auf den Zahn fühlen will, ist ebenso wichtig wie die fachliche Vorbereitung auf das Einstellungsgespräch.

Das Recht auf Lüge

Auf unerlaubte Fragen muss kein Bewerber antworten. Doch wie sinnvoll ist ein betretenes Schweigen auf die Fragen, ob sie schwanger, verschuldet oder vorbestraft sind? Liegt die Entscheidung des Unternehmens gegen Sie als neuen Mitarbeiter dann nicht schon auf der Hand?

Aus diesem Grund hat das Bundesarbeitsgericht das „Recht auf Lüge“ festgestellt. Wer auf eine unerlaubte Frage nicht die Wahrheit sagt, muss später keine arbeitsrechtlichen Folgen befürchten. Schweigen allein hätte ja nicht ausgereicht, um sich die Chancen auf den Job nicht zu verderben.

Dennoch ist Vorsicht geboten: Falls Sie an der falschen Stelle gelogen haben, kann im Nachhinein eine fristlose Kündigung oder die Anfechtung des Arbeitsvertrags wegen arglistiger Täuschung auf Sie zukommen. Lügen ist nämlich nur erlaubt, wenn die Frage unzulässig war. Zu entscheiden, wann eine Frage im Vorstellungsgespräch nur unbequem oder schon verboten ist, sei jedoch gar nicht so einfach, warnt Arbeitsrechtler Kohnen.

Diskriminierungsverbot

Die Trennlinie zwischen gerade noch erlaubten und nicht mehr zulässigen Fragen in einem Bewerbungsgespräch ist denkbar dünn. Grundsätzlich gilt, dass der Arbeitgeber nur Fragen stellen darf, die unmittelbar mit der neuen Arbeit zu tun haben. So sieht es das im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) behandelte Diskriminierungsverbot vor.

„Zu welcher Religionsgemeinschaft, Partei oder Gewerkschaft Sie gehören, darf der Arbeitgeber grundsätzlich nicht abfragen“, erklärt Lars Kohnen, „ebenso wenig darf er in der Regel Fragen zu Schulden, Familienplanung oder zum Gesundheitszustand stellen.“

Auf diese Fragen müssen Sie grundsätzlich nicht (wahrheitsgemäß) antworten:

  • Sind Sie schwanger?
    Wie sieht es mit Ihrem Kinderwunsch aus?
    Haben Sie einen festen Partner?
    Planen Sie eine Hochzeit?
    Sind Sie Mitglied in einer Gewerkschaft?
    Welche Partei wählen Sie?
    Was halten Sie von Partei xy?
    Welcher Religion gehören Sie an?
    Sind Sie homosexuell?
    Wie sieht ihr Sexualleben aus?
    Sind Sie vorbestraft?
    Haben Sie Schulden?
    Welche Krankheiten haben Sie?
    Waren Sie in den vergangenen Jahren häufiger krank?
    Gab es in Ihrer Familie Fälle von chronischen Krankheiten?

Unzulässige Fragen

Bevor Sie sich jetzt anschicken, dem Lügenbaron Münchhausen Konkurrenz zu machen, sollten Sie eines nicht vergessen: In Ausnahmefällen sind eigentlich verbotene Fragen doch erlaubt. Und zwar dann, wenn ein berechtigtes Interesse des Arbeitgebers an der Klärung eben dieser Fragen besteht. In dem Falle ist der Bewerber verpflichtet zu antworten. Wahrheitsgemäß, versteht sich.

Sollte zum Beispiel ein Supermarkt eine neue Kassiererin suchen, wird der Filialleiter wissen wollen, ob die Bewerberin wegen Diebstahls oder Veruntreuung vorbestraft ist. Wer hier lügt, darf sich über eine spätere fristlose Kündigung nicht wundern.

Geht es um schwere körperliche Arbeit, liegt es im natürlichen Interesse des Arbeitgebers zu erfahren, ob der neue Mitarbeiter überhaupt in der Lage ist, diese durchzuführen. Fragen nach dem Gesundheitszustand des Bewerbers können hier erlaubt sein. Sucht andererseits ein Heimleiter eine neue Pflegekraft, so darf er bestimmte Fragen zur Gesundheit stellen. Leidet der Bewerber beispielsweise an einer infektiösen Krankheit, darf er sie auf keinen Fall verschweigen.

Selbst Erkundigungen über Ihre Partei- oder Religionszugehörigkeit sind unter Umständen zulässig. „Etwa, wenn Sie sich bei einem sogenannten Tendenzbetrieb beworben haben“, erklärt Lars Kohnen. Dazu zählen unter anderem Zeitungen, Kirchen, Gewerkschaften oder Parteien. Hier liegt der Arbeit nämlich eine bestimmte politische, ethische oder religiöse Einstellung zu Grunde, die der neue Mitarbeiter im Idealfall teilen sollte.

Reden ist Gold

Die unverblümte Frage des Personalers nach Ihrer sexuellen Ausrichtung ist eigentlich unzulässig. Was hat Ihr Sexualleben schon mit dem neuen Job zu tun? Also am besten einfach gar nichts sagen? Davon rät Fachanwalt Kohnen dringend ab: „Zu schweigen wird sich in den wenigsten Fällen auszahlen.

Aber den Chef darauf hinzuweisen, dass seine Frage unzulässig war und Sie deshalb nicht antworten wollen, das wird ihn auch nicht gerade begeistern.“ Besser sei es in der Regel, die unzulässige Frage ruhig und klar zu beantworten. Untermauern Sie Ihre klare Antwort noch mit einer kurzen Erklärung, so steigert das Ihre Glaubwürdigkeit.

Will zum Beispiel der Chef beim Einstellungsgespräch von einer Bewerberin im Alter von 30 Jahren wissen, wie es um ihren Kinderwunsch bestellt sei, könnte ihre Antwort lauten: „Mein Partner und ich schließen nicht aus, irgendwann einmal Kinder zu bekommen.

Für die nächsten Jahre ist da aber nichts geplant.“ Sie dürfte sogar lügen und etwa behaupten, auf gar keinen Fall Kinder bekommen zu wollen, selbst wenn das nicht stimmt. „Arbeitsrechtlich wäre ihr daraus kein Strick zu drehen“, sagt Arbeitsrechtsexperte Kohnen.

Ob ein Arbeitsverhältnis, das wegen einer erzwungenen Lüge zustande gekommen ist, auf die Dauer eine gute Basis ist, steht auf einem anderen Blatt. Eventuell sollten sich also auch Personalleitung und Geschäftsführung gut auf das anstehende Einstellungsgespräch vorbereiten und sich genau überlegen, welche Fragen an den Bewerber wirklich sinnvoll und zielführend sind.

 
 

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