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Von „Schalke 05“ will Carmen Thomas nichts mehr wissen

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imago61840338h~9d094798-c440-4719-9d57-c7143c959eb1.jpg Foto: imago stock&people
Bekannt wurde Carmen Thomas mit „Hallo, Ü-Wagen“ und „Schalke 05“. Samstag wird sie 70 – und will von damals nicht mehr viel wissen.

Berlin. 

An Carmen Thomas hat man vor allem zwei Fragen. Die erste lautet: Denken Sie noch oft an Schalke 05? Die zweite: Trinken Sie noch jeden Morgen Urin? Doch diesen Fragen geht Frau Thomas erst einmal aus dem Weg. „Das sind doch alte Kamellen. Fragen Sie mich lieber mal etwas Neues“, sagt sie lieb, aber energisch.

Man hätte aber Lust, diese Frau, die schon immer wusste, was sie wollte, nach der guten alten Zeit zu fragen. Doch dazu kommt man nicht. Es klingelt an ihrer Tür, und sie muss weg. „Ah, der Postbote. Ich leg Sie mal kurz hin“, sagt sie. Man wartet am Telefon, hört, wie sie die Treppe heruntergeht, ein paar Worte spricht. Es raschelt in der Leitung, dann sagt sie. „Hallo, da bin ich wieder.“

„Hier meldet sich der Ü-Wagen…“

Am Samstag wird Carmen Thomas siebzig Jahre alt, aber ihre Stimme ist so jung wie damals, als sie die WDR-Radiohörer begrüßte: „Hallo, verehrte Hörerinnen und Hörer. Hier meldet sich der Ü-Wagen, hier meldet sich Carmen Thomas.“ Seit dem 5. Dezember 1974 lief die Sendung jeden Donnerstag zwischen 9.20 und 12 Uhr auf WDR 2. Ein Pflichtprogramm in nordrhein-westfälischen Haushalten.

Ehebruch, Kindererziehung, Mülltrennung – sie konnte über späte Liebe reden, über den Tod. Es waren bewegende Stunden. Nichts Menschliches war ihr fremd: Herzschmerz, aber auch Darmprobleme waren ihre Themen. Und mit „Urin, ein ganz besonderer Saft“ wurde sie unvergessen.

Die einfachen Leute waren bei ihr die Stars

Carmen Thomas war eine Art Dolmetscherin – sie übersetzte das Fachchinesisch der Experten für ihre Hörer, unter denen sich ein Großteil Hausfrauen befanden. Die Experten wurden charmant zusammengestaucht, wenn sie zu lange oder kompliziert daherredeten. Die einfachen Leute waren die Stars – und Carmen Thomas war ihnen eine Vertraute geworden. Dennoch stellte der WDR ihre Sendung im April 2010 ein.

„Ich konnte nur so nett mit den Menschen umgehen, weil ich die richtige Methode hatte“, sagt sie und erzählt von der Sache, die schon seit Jahrzehnten ihr Lebensinhalt ist: Kommunikationshilfen. Die heutige Leiterin einer Moderationsakademie befasst sich mit Fragen wie diesen: „Wie gelingt es in Konferenzen, dass nicht immer dieselben reden und immer dieselben eingeschüchtert werden?“ Dazu hat sie ein System entwickelt, das für Laien kompliziert klingt. „Ach, es ist so einfach wie Autofahren.“ Wer wollte ihr widersprechen?

Ein Rat für Angela Merkel: Teeuhr statt Raute

Als Kommunikationsexpertin werde sie oft gefragt, was Politiker besser machen könnten. Die Bundeskanzlerin könnte statt dieser ewigen Raute lieber einen Gegenstand in die Hand nehmen. Das meint sie jetzt nicht ernst? „Oh doch.“ Es könnte eine Teeuhr sein. „Wenn es eine schicke mit königsblauem Sand ist, die von unten nach oben leerläuft, ist das ein Beweis dafür, dass Veränderung möglich ist.“ Dann gucke keiner mehr auf die Raute oder darauf, ob der Blazer ihr nicht steht. Aha.

Dass man jetzt lachen muss, versteht sie schon – aber sie ist von ihrer Idee überzeugt. Sogar Managern habe sie mit ähnlichen Ideen zum Erfolg verholfen. „Einem, der immer so zitterte, hab ich einfach ein schweres Scharnier aus dem Baumarkt in die Hand gegeben.“ Das half. Auch sie selbst habe bei ihren Moderationen immer etwas in der Hand. Vielleicht eine Eintrittskarte von Schalke 04? „Gute Idee“ sagt sie. „Da war ich neulich. Tolle Atmosphäre.“

Der Versprecher ihres Lebens

Dieser Versprecher ist lange her: 1973 war es, als ihr als Moderatorin des „Aktuellen Sportstudio“ im ZDF dieses verhexte „Schalke 05“ rausrutschte. Man lacht noch heute darüber. Aber sagt im gleichen Atemzug, dass Carmen Thomas als erste Frau überhaupt eine Sportsendung im deutschen Fernsehen moderierte. Eine Auszeichnung. Aber auch das ist für sie heute nicht mehr wichtig.

Nur die Sache mit dem Urin hat sie bis heute begleitet. „In meinem neuen Buch stehen sensationelle Forschungsergebnisse: Inzwischen wird Urin als grüne Energie für Handys, Kunstherzen, Batterien genutzt.“ Und im All könne daraus Trinkwasser gemacht werden. Dann Prost – zum Geburtstag gibt es nämlich „ein Riesenfest“.