Hanau: Kriminalpsychologin über Attentäter Tobias R.: „Vieles zusammengekommen...“

Hanau: Tobias R. tötete zehn Menschen, dann sich selbst.
Hanau: Tobias R. tötete zehn Menschen, dann sich selbst.
Foto: dpa/privat; Montage: DER WESTEN

Tobias R. tötete zehn Menschen in Hanau, verletzte mehrere weitere Personen.

Doch wie tickte der mutmaßliche Täter von Hanau, der nach aktuellem Stand der Ermittlungen getrieben wurde von einer „zutiefst rassistischen Gesinnung“.

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Kriminalpsychologin Lydia Benecke sieht zwei deutliche Persönlichkeitszüge bei dem mutmaßlichen Todesschützen von Hanau: Wahn und Narzissmus. Wie das ihn für die rassistische Ideologie empfänglich machte, hat die 38-jährige Expertin im Interview erklärt.

Frau Benecke, Tobias R. hat in Videoaufnahmen und in einem Manifest seine wirren Vorstellungen geäußert. Was für ein Typ Täter zeigt sich da?

Er äußert Symptome, die man eindeutig Wahn zuordnen kann. Er hat den festen Glauben, dass er sein Leben lang von einem Geheimdienst überwacht wird und eine höhere Macht ihn und alle anderen Menschen steuert, Gedanken liest und beeinflusst. Das wird besonders deutlich, als er unterschiedliche Szenen beschreibt, in denen er mit höheren Mächten spricht und auf Antworten wartet. Diese glaubt er über Träume und geheime Botschaften zu erhalten. Das sind also deutliche Symptome, die auf Wahn hindeuten.

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Aber er hielt sich auch für etwas Besseres, oder?

Ja, auf der anderen Seite hat er stark narzisstische Persönlichkeitszüge. Er ist der starken Überzeugung anderen Menschen intellektuell überlegen zu sein. Er glaubt, dass es wichtig ist, dass bekannt wird, was er zu sagen hat. Er beschreibt, dass er viel Wissen angehäuft habe und wie großartig er sei. Schon als er sich über sein Studium äußert, wird das deutlich. Dazu beschreibt er, dass eine Universität auf seine Anregung hin einen bestimmten Lehrstuhl eingerichtet habe und eine Doktorandin auf seine „Bestellung“ hin eingestellt worden sei. Dies alles hätten die von ihm wahrgenommenen, höheren Mächte, in seinem Auftrag umgesetzt.

Was merkwürdig wirkt: Er geht auch auf sein Verhältnis zu Frauen ein.

Er schreibt von Frauen, die unter seinem Niveau seien. Er verdiene eine attraktive und intellektuell ebenwürdige Frau und erklärt, dass er sich nicht mit weniger zufrieden gebe. Doch das ist eine Rationalisierung. Denn er hatte offenbar nie eine Freundin oder Frau.

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Wie wirkt so jemand auf sein Umfeld?

Frühere Mitschüler äußerten, er sei schon damals mit Arroganz und seltsamen Vorstellungen aufgefallen. Das machte ihn unsympathisch. Ich kann mir vorstellen, dass das ein Grund war, warum es zwischenmenschlich nicht so funktionierte. Er deutet das um und sagt, dass er überlegen war. Aber vermutlich war die Realität ganz anders.

Was erfährt man denn über sein Leben?

Nicht viel. Er verschweigt, was in seinem Leben passierte, auf seine berufliche Laufbahn geht er nicht weiter ein. Sehr wahrscheinlich, weil es ihm unangenehm ist, deshalb wird es nicht thematisiert. In seinem Manifest ist immer wieder von einem Kollegen aus der Banklehre die Rede, der scheinbar eine wichtige Rolle spielt, der ihn auch in seinen Überzeugungen bestärkte habe. Aber auch über ihn erfahren wir nicht, wie sich ihr Verhältnis weiter entwickelt hat.

Wie trifft ein solcher Narzisst und von Wahnvorstellungen Getriebener dann auf eine rassistische Ideologie?

Erstmal muss man sagen: Es ist offenbar bei ihm vieles zusammengekommen. Eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur, der Glaube besser zu sein als andere, aber in der Realität deshalb eben doch oft anzuecken. Und zugleich Symptome einer schweren psychischen Erkrankung. Er nimmt Dinge anders wahr, als sie sich in der Realität darstellen. Er glaubt etwa, dass Donald Trump seine politischen Ideen umsetzt oder Hollywood seine Ideen für Filme gestohlen hat.

Er teilt die Welt in gute und böse Mächte ein. Ausländer verkörpern für ihn böse Bedrohungen. In der nationalen, rassistischen Ideologie findet er für sich etwas, um seine Wahrheit zu rechtfertigen, die Ideologie bietet ihm eine intellektuelle Art und Weise sich zu rechtfertigen. Insofern passt die Ideologie zu seiner Psyche und verstärkt sein Weltbild. Und darin sieht er letztlich die Legitimation für Gewalt.

 
 

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