Fall Peggy: Zuletzt Tatverdächtiger erhebt schwere Vorwürfe – „Die haben mich eingeschüchtert“

Im Mai 2001 verschwand Peggy. Rund 15 Jahre später wurden ihre Überreste gefunden. Nu wurden die Ermittlungen eingestellt. (Archivbild)
Im Mai 2001 verschwand Peggy. Rund 15 Jahre später wurden ihre Überreste gefunden. Nu wurden die Ermittlungen eingestellt. (Archivbild)
Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

Lichtenberg / Bayreuth. Nach mehr als 19 Jahren ist Schluss bei den Ermittlungen im Fall Peggy. Das teilte die zuständige Staatsanwaltschaft Bayreuth am Donnerstag mit.

Am 7. Mai 2001 verschwand die damals neunjährige Peggy Knobloch aus Lichtenberg spurlos. Rund 15 Jahre später fand man die sterblichen Überreste des Mädchens. Doch bis heute ist den Ermittlern im Fall Peggy nicht klar, wer für die Tat verantwortlich ist. Der zuletzt Tatverdächtige äußert sich nun in einer TV-Dokumentation.

Fall Peggy: Zwei Verdächtige in zwölf Jahren

2004 wurde der damals 27-jährige Ulvi K. wegen des Mordes an Peggy und wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern zur einer lebenslangen Freiheitsstrafe und zur Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik verurteilt. Von der Haftstrafe wurde er 2013 wieder freigesprochen.

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Erst der Fund von Peggys Überresten im Sommer 2016 und die Auswertungen der damit verbundenen Hinweise brachten die Ermittler auf die Spur von Manuel S., der zur Tatzeit 24 Jahre alt war und seinen Wohnsitz in Lichtenberg hatte. Er war bereits früher der Tat beschuldigt worden.

Fall Peggy: Manuel S. gibt Geständnis ab

Bei einer Vernehmung im September 2018 gab Manuel S. an, am Tag von Peggys Verschwinden während einer Autofahrt von einem ihm namentlich bekannter Mann angehalten worden zu sein. Dann wird es gruselig.

Der Mann soll die leblose Peggy an Manuel S. übergeben haben, der noch versucht habe, das Mädchen zu beatmen. Später soll er sie in eine rote Decke gewickelt und am späteren Fundort in einem Thüringer Waldstück abgelegt haben. Schulranzen und Jacke von Peggy habe er wenige Tage später bei sich zu Hause verbrannt.

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Dass er Peggy getötet habe, bestreitet Manuel S. ausdrücklich. Wenige Tage später widerrief er sein Geständnis bezüglich der Verbringung der Leiche.

Sat.1 Peggy-Doku: „Könnte kein Drehbuchautor für einen Krimi schreiben“

Nun äußert sich Manuel S. im Fernsehen zu dem Fall. In der Sat.1-Dokumentation „Mordfall Peggy – Der Täter ist noch unter uns“ (Montag, 20.15 Uhr) hat Journalist Christoph Lemmer mit dem zuletzt Tatverdächtigen gesprochen. Die Ausstrahlung, die ursprünglich für den 9. November geplant war, wurde aufgrund der Ermittlungseinstellung auf den 26. Oktober vorverlegt.

Schon gleich zum Start der Dokumentation kündigte Journalist Lemmer an: Es gebe so viele Wendungen und Fehler bei der Polizeiarbeit, dass es „kein Drehbuchautor für einen Krimi schreiben können.“ Unter massivem Aufwand war damals nach Peggy gesucht worden, Tornado-Jäger scannten mit Wärmebildkameras das Umfeld um Lichtenberg ab.

Die Verdächtigen

Zuerst war Peggys Steifvater unter Verdacht, wenig später ein Verwandter von Peggys Nachbarn, Thorsten E.*. Als die Beamten seine Telefonnummer in einem Schulheft von Peggy fanden, werden sie aufmerksam. Der junge Mann macht widersprüchliche Aussagen, hat eine CD mit Kinderpornographie und einem Foto von Peggy, seine Alibis werden widerlegt. Doch dann das Unfassbare.

Die Beamten legen die Spur beiseite. Lemmer versteht bis heute nicht, warum. Jahre später wird Thorsten E. wegen des Missbrauchs seiner eigenen Tochter verurteilt. Er gesteht, auch eine Freundin von Peggy missbraucht zu haben. Den Missbrauch an Peggy leugnet er jedoch wehement. Doch es gibt Hinweise, dass genau das mit Peggy vor ihrem Verschwinden passiert sein könnte, über Monate. Im Sommer 2000 baut Peggy plötzlich ab, sie nässt ein, will nicht mehr allein Schlafen. Immer wieder klingelt das Telefon der Familie, doch niemand spricht, außer wenn Peggy abnimmt. Irgendwann will sie nicht mehr den Höhrer abnehmen.

Ulvi K.: Jahrelang zu Unrecht im Gefängnis

Die Beamten hatten sich in ihren Ermittlungen 2003 jedoch auf den oben erwähnten geistig behinderten Ulvi K. eingeschossen und Thorsten E.'s Spur nicht weiter verfolgt. Und das obwohl mehrere Zeugen Peggy noch am Abend gegen 19 Uhr gesehen hatten und Ulvi K. in seinem angeblichen Geständnis davon gesprochen hatte, das Mädchen am Nachmittag getötet zu haben.

Ein Geständnis, dass er ohne Beisein eines Anwalts ablegte und dessen Tonaufnahme verschwunden war. Welches Ende das nahm, ist bekannt. Ulvi saß über Jahre unschuldig in Haft. Er ist es auch, der den Namen von Manuel S. ins Spiel bringt. In einem Gespräch mit seinem Vater, dass die Beamten abgehört hatten, gab Ulvi an, dass er Manuel S. den Leichnam von Peggy übergeben hatte. Bereits 2001 war S. Haus und Auto durchsucht worden. Ohne Erfolg. Im September 2018 kommen die Beamten erneut auf ihn zu.

Manuel S.: Der letzte Tatverdächtige spricht – und macht Polizei Vorwürfe

S. sei Brötchen holen gewesen, als ihn die Beamten vor zwei Jahren eingesammelt hätten. „Bin direkt beschuldigt worden, den Mord begangen zu haben“, erzählt der heute 43-Jährige Lemmer. Torfreste und Farbpartikel sollen ihn mit dem Leichnam in Verbindung bringen. Die Vernehmung ging „über zehn Stunden“.

„Die haben mich eingeschüchtert“, richtet der Familienvater deutliche Vorwürfe in Richtung der Polizei. Hundertschaften würden warten, um sein Familienhaus und die Arbeitsstelle zu durchsuchen. „Das hat mir Angst gemacht.“ Die Polizisten hätten darauf gewirkt, dass kein Anwalt dabei sei. Es sei ein „völliges Gefühl der Hilflosigkeit.“ „Man hat mich mit der Sache in Verbindung bringen wollen“, ist sich S. sicher. Auch sein heutiger Anwalt macht der Polizei und Staatsanwaltschaft schwerer Vorwürfe.

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Manuel S. sollte mürbe gemacht werden. Der Deal der Staatsanwaltschaft, sich nicht für den Mord, sondern lediglich für die Verbringung der Leiche schuldig zu bekennen, erscheint ihm in dieser Situation der letzte Ausweg. Ein Anwalt steht Manuel S. nicht zur Seite, obwohl er mehrfach darum bittet. Schließlich macht er die oben genannten Angaben, um endlich nach Hause zu kommen. Als Manuel S. mit Christoph Lemmer spricht, weiß er noch nichts davon, dass das Verfahren gegen ihn wenige Wochen später eingestellt wird. „Man fühlt sich wieder frei. Der Druck ist weg. Man kann wieder ganz anders in die Zukunft schauen“, sagt der 43-Jährige, nachdem er von der Einstellung erfahren hat. (at/dav)

*Name geändert

 
 

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