Mafia in Deutschland – Experte warnt wegen Coronakrise: „Goldgräberstimmung für die Mafia“

Die Paten von Rhein und Ruhr: die Mafia in NRW - Goldgräberstimmung?
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Kann die Mafia in Deutschland aus den Folgen des Coronavirus Profit ziehen?

Diese Sorge herrscht bei Experten und Ermittlern gleichermaßen. Sandro Mattioli ist Autor und Vorsitzender des Anti-Mafia-Vereins "Mafia? Nein danke!". Mattioli beobachtet die Machenschaften der 'Ndrangheta seit Jahren, hat mit Aussteigern gesprochen und Prozesse verfolgt.

Mafia in Deutschland: Experte warnt vor „Goldgräberstimmung für die Mafia“

Er sagt im Gespräch mit dieser Redaktion: „Ich befürchte, dass Corona dafür sorgen wird, dass es eine erneute Goldgräberstimmung für die Mafia in Deutschland gibt.“ Wir haben mit dem Autor und Anti-Mafia-Experten über die Corona-Folgen, den anstehenden 'Ndrangheta-Prozess am Landgericht Duisburg und Mafia-Rituale in Deutschland gesprochen.

Herr Mattioli, die Mafia-Morde 2007 in Duisburg, jetzt der Schwerpunkt der Operation Pollino in Deutschland. Ist Nordrhein-Westfalen in Deutschland Mafialand Nummer eins?

Um den Titel Mafialand Nummer eins streiten sich einige Bundesländer, oder genau genommen streiten sie sich nicht. Ich finde das immer ein bisschen schwierig. Wenn man genauer hinschaut, dann sieht man, dass in den Bundesländern, in die schon früh Gastarbeiter hingezogen sind, eine höhere Sensibilität für das Thema Mafia vorherrscht. Ich rede von Nordrhein-Westfalen, Bayern, Hessen und Baden-Württemberg. Da weiß man eben, dass die Mafia aktiv ist. In anderen Bundesländern achtet man da weniger drauf. Thüringen ist da eine Ausnahme. Aber klar ist, dass Nordrhein-Westfalen eine hohe Mafia-Dichte seit vielen Jahren hat und man ist mit Sicherheit auf den vorderen Plätzen dabei.

Wie operiert die Mafia in Deutschland? Und wie unterscheidet sich die 'Ndrangheta von anderen Mafia-Organisationen wie der Cosa Nostra oder Camorra?

Außerhalb Italiens agieren die Organisationen durchaus gemeinsam. Sie sind nicht das selbe, aber sind nicht so sehr Konkurrenten wie in Italien. Das sagen zumindest Mafia-Aussteiger. Die Unterschiede zwischen den drei großen Mafia-Organisationen kann man vereinfacht vielleicht so charakterisieren: die Camorra ist relativ unkoordiniert und besteht aus vielen Clans, die eher kleiner sind, aber dafür nicht weniger bedeutend. Die Cosa Nostra ist ähnlich wie die 'Ndrangheta stark familiär geprägt, aber ziemlich geschwächt worden, weil sie sich in den 80er und 90ern sehr blutrünstig gezeigt hat. In Folge dessen wurde sie durch Ermittlungen geschwächt und die Bevölkerung hat sich abgewandt.

Die 'Ndrangheta aus Kalabrien ist die wirtschaftlich stärkste Organisation. Sie hat sich immer wieder angepasst an gesellschaftliche, soziale, wirtschaftliche und auch politische Veränderungen. Sie ist daher auch die global am stärksten vertretene Organisation. Die kalabrische 'Ndrangheta unterteilt sich in verschiedene Herkunftsgebiete, die für verschiedene Geschäfte zuständig ist. Das Vorgehen ist meist ähnlich: es geht um Drogenhandel, um Waffenhandel, auch Prostitution oder Finanzgeschäfte mit erneuerbaren Energien. Das sind zum Teil recht komplexe Geschäfte.

Wenn man auf Deutschland schaut, ist hier immer der Kokainhandel zu nennen. Aber da muss man einschränken, weil wir vor allem über das sprechen, was durch Ermittlungen sichtbar wird. Und das sind im Normalfall die kriminellen Geschäfte. Was im legalen Bereich passiert mit Geld aus krimineller Herkunft, verfolgen wir viel weniger. Damit meine ich, was zum Beispiel in Immobilien oder Unternehmensanteile investiert wird.

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Die Mafia operiert auch in NRW. Das ist spätestens seit den Duisburger Mafia-Morden 2007 jedem klar. Im Herbst startet in Düsseldorf eine der größten Mafia-Prozesse Deutschlands. Mitglieder der 'Ndrangheta sind wegen Kokainhandel im großen Stil angeklagt. Wie operiert die Mafia in NRW? Mit wem macht sie ihre Geschäfte? Und welche Rolle spielen Pizzerien und Eisdielen? In unserer Serie „Die Paten von Rhein und Ruhr - Die Mafia in NRW“ ist DER WESTEN-Reporter Marcel Storch auf Spurensuche gegangen.

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Wie organisiert sich die 'Ndrangheta in Deutschland?

Die 'Ndrangheta ist ein sehr komplex organisiertes Phänomen. Grundsätzlich werden Dinge je nach Bedeutung aufgeteilt. Es gibt erstens Dinge, die vor Ort in Deutschland entschieden werden. Es gibt Dinge, die mit den Clan-Familien in Kalabrien abgestimmt werden. Und es gibt Dinge, die die ganze 'Ndrangheta betreffen, die dann auf höchster Ebene abgestimmt werden.

Die Macht liegt in Kalabrien, in den Heimatorten der 'Ndrangheta-Clans. Deswegen fahren auch Mitglieder der 'Ndrangheta ganz oft mal für ein Wochenende nach Kalabrien, besprechen dort irgendwelche Dinge, machen ihren kleinen Lieferwagen mit drei Schinken und zehn Kilo Pasta voll und fahren wieder zurück, damit es nicht so auffällt.

Aus Ermittlungskreisen heißt es, dass im Zuge der Operation Pollino keine Hinweise auf bekannte Traditionen wie Aufnahmerituale oder andere aus Mafia-Filmen bekannte Folklore gefunden wurden. Spielen solche Traditionen keine Rolle mehr?

Der Sechsfach-Mord in Duisburg fand ja nach einer Taufe eines jungen 'Ndrangheta-Mitglieds statt. Wir wissen auch aus Ermittlungen aus den Jahren 2010 und 2011, dass das traditionelle Organisationsmodell mit „locale“, also Ortsvereinen, getragen worden ist. Diese Ortsvereine haben einen Vorsitzenden, einen Kassierer, einen Schriftführer. Das bedeutet aber auch, dass rituelle Formen bei Zusammenkünften praktiziert werden. Es ist davon auszugehen, dass solche Aufnahmerituale noch stattfinden.

Aus Abhöraktionen einer 'Ndrangheta-Zelle in Südfrankreich ist bekannt, dass es einen Mafioso gab, der sagte, er hat auf diesen traditionellen Kram keine Lust. Nach dem Motto: Ich brauche keine Taufe, ich will einfach nur mein Business machen. Es ist sehr schwierig das zu verallgemeinern. Es gibt sicher Traditionsliebhaber, aber auch Mafiosi, die nur Business betreiben wollen.

Die Bundesregierung geht von knapp 350 'Ndrangheta-Mitgliedern aus, etwa 70 davon in NRW. Halten Sie die diese Zahlen für realistisch?

Der italienische Mafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri spricht von 60 „locale“ in Deutschland. Das würde dann heißen, dass wir an 60 Orten mindestens 50 Mitglieder der 'Ndrangheta haben. Das bedeutet grob 3.000 Mitglieder. Wenn man die auf Deutschland verteilt, dann bekommt man eine relativ gute Abdeckung im ganzen Land hin.

Eine wichtige Rolle spielen in den Ermittlungen der Operation Pollino Restaurants und Eiscafés. Warum sind sie so gut als Stützpunkte geeignet?

Ein Lokal bietet sich für eine Vielzahl von Dingen ideal an. Über ein Lokal können sie Geld waschen, Einkünfte generieren. Sie bekommen durch Restaurants Kontakt zu gesellschaftlichen Schichten, die ihnen als Mafioso dienlich sind. Sie haben Lagerkapazitäten, sie sind eine Anlaufstelle. Es ist völlig unauffällig, wenn jemand vorbeikommt und ein Paket mitbringt. Das Verfahren Pollino hat auch gezeigt, dass ein Restaurant ein Drogenumschlagsplatz war. Das ist jetzt nichts überraschendes.

Wir wissen aus anderen Ermittlungen, dass dort Geschäfte angebahnt werden und es Versammlungsorte sind. Das fällt schon auf, dass auch viele Mitglieder im Gastrobereich aktiv sind. Aber eben nicht nur Restaurant dienen dazu. In der Schweiz gab es das Beispiel einer Spelunke eines Bocchia-Klubs, in Singen diente ein Spielcasino als Versammlungsort.

Ihr Verein „Mafia? Nein, Danke!“ hat genau hier angesetzt.

Ja, denn das soll nicht heißen, dass jedes italienische Restaurant in den Händen der Mafia ist. Der Verein „Mafia? Nein, Danke!“, deren Vorsitzender ich bin, ist entstanden, weil Restaurant-Betreiber gesagt haben: Wir haben damit nichts zu tun. Nach dem Sechsfach-Mord in Duisburg gab es eben das Verlangen von ehrlichen Italienern, auch weil es geschäftsschädigend war, sich hinzustellen und zu sagen: Wir lehnen dieses System ab und wollen kein Schutzgeld bezahlen. Wir sind gegen die Mafia. Unterstützung erhielten sie von der italienischen Gewerkschaftsfunktionärin und heutigen Senatorin Laura Gavarini.

Zugleich gab es beim LKA einen Mitarbeiter, der italienischen Gastronomen sagen wollte, wie sie bei Schutzgelderpressungen vorgehen sollten. Es wurde zwischen den beiden Seiten eine Vereinbarung abgeschlossen, dass die Gastronomen jede Schutzgelderpressung melden und kooperieren. Die Berliner Polizei hat im Gegenzug zugesagt, dass sie vor Schutz sorgt. Das Abkommen kam relativ schnell auf die Probe, weil Camorra-Leute Schutzgeld in Berlin erpresst haben. Ganz klassisch, in dem man einen Brief geschrieben hat und sagte, man solle den Heiligen gnädig stimmen und es kämen Gesandte vorbei, die Gaben für den Heiligen einsammeln würden. Ende des Jahres kam es tatsächlich zur Festnahme dieser Schutzgelderpresser. Vorher haben die Leute von 'Mafia? Nein Danke!' Nachtwachen in den Lokalen geschoben.

In der Zwischenzeit hat der Verein sich gewandelt. Wir sind keine reine Anti-Schutzgeld-Organisation mehr, weil Schutzgelderpressung in der Form selten auftritt. Heute machen wir letztlich Lobbyarbeit für eine bessere Bekämpfung der Organisierten Kriminalität und der Mafia. Und wir verstehen uns auch als Think-Tank. Wir arbeiten beispielsweise an einem Ausstiegsprogramm, was wir in die Diskussion eingebracht haben.

In der Coronakrise war immer wieder zu hören, dass die Mafia von der Krise profitieren könnte. Beispielsweise durch Übernahmen von angeschlagenen Restaurants. Teilen Sie diese Sorge?

Wir wissen, dass sie in Italien in den Handel mit stark nachgefragten Produkten eingestiegen ist. Auch bekannt ist, dass das Kreditgeschäft von der Mafia bedient wird. Eine spannende Frage, die sich für Deutschland stellt, ist wie die italienische organisierte Kriminalität auf Insolvenzen reagiert. In Italien ist es eine praktizierte Masche, dass Betriebe gezielt in Not gebracht werden.

Was dann folgt wäre übertragbar auf die Corona-Situation: Mafia-Vertreter treten in den Betrieb ein, aber nach außen hin ändert sich nichts. Die Bar zum Beispiel gehört dann irgendwelchen Italienern, aber der Mann hinter der Bar ist immer noch der gleiche. Auch der Name der Bar bleibt gleich. Ob das auch in Deutschland praktiziert wird, ist eine spannende Frage. Wir sehen zwar die ersten Insolvenzen in der Gastro-Szene, aber wir wissen noch nicht, wer da profitiert. Das nächste Problem ist, dass es keine gezielte Hintergrundrecherchen gibt. Man achtet da nicht gezielt drauf. Das war eine Forderung, die wir erhoben haben, dass von staatlicher Seite genauer hingeschaut wird.

Ich befürchte, dass Corona dafür sorgen wird, dass es eine erneute Goldgräberstimmung für die Mafia in Deutschland gibt. Ähnlich wie es nach der Wende der Fall war, wo ganz neue Investitionsmöglichkeiten entstanden sind und die 'Ndrangheta und andere Organisationen sich im großen Stil eingekauft haben.

 
 

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