Kindergarten-Kind verblüfft Mutter mit diesem Wunsch – „Mama, es wäre doch schöner, wenn...“

Mädchen oder Junge? Transkinder fühlen sich im falschen Körper geboren. (Symbolbild)
Mädchen oder Junge? Transkinder fühlen sich im falschen Körper geboren. (Symbolbild)
Foto: imago images / Daniel Schäfer

Wenn Kinder sich im falschen Körper gefangen fühlen, dann spricht man von Transidentität.

Sophie* (6) ist ein Transmädchen. Sie wurde als Julian geboren. Doch schon im Kindergarten-Alter merkte sie: ich will kein Junge sein, ich bin ein Mädchen.

Julian machte sich mit Strumpfhosen zwei Zöpfe, funktionierte die Geschirrtücher zu Röcken und Kleidern um. Lief eine Frau mit High Heels oder lackierten Fingernägeln vorbei, wollte er das auch haben.

Kindergarten: Mädchen oder Junge? „Mama, es wäre doch schöner, wenn ich ein Mädchen wäre“

Mit dreieinhalb Jahren wollte Julian nicht mehr Julian genannt werden. „Wir waren gemeinsam spazieren und haben drei Kinder beobachtet. Da sagte er: 'Mama, es wäre doch schöner, wenn ich auch ein Mädchen wäre'“, erinnert sich Mama Marie. Es habe so viel Trauer in der Stimme ihres Kindes mitgeschwungen, erzählt die 42-Jährige aus Sachsen-Anhalt. Irgendwann stand für ihr Kind fest: ich bin Sophie. Wie die Heldin aus ihrer Lieblingsserie.

Schon vorher habe es viele Anzeichen für die Transidentität ihres Kindes gegeben. „Ich dachte entweder das Kind wird schwul, Travestie-Künstler oder ein Transmädchen“, sagt ihre Mama.

„Mist, das ist jetzt die blödeste Variante von allen“, sei ihre erste Reaktion gewesen, als sie erkannte, dass ihr Kind tatsächlich ein Transgender-Kind sei.

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„Ich bin ein Transgendermädchen“

Doch Marie nimmt die Situation an, recherchiert über Transidentität und die Hintergründe. Ihr Kind nennt sie fortan Sophie.

Sophie lässt sich die Haare wachsen, trägt farbenfrohe Klamotten und übergroße T-Shirts als Ersatz für Kleider und Röcke. „Ich habe sie dann zuhause mit ihrem Mädchennamen angesprochen, nach einigen Monaten wollte sie auch im Kindergarten so angesprochen werden.“

Mama Marie geht offen damit um, klärt die Erzieherinnen auf und schreibt einen Brief an andere Eltern und ihre Kinder. Den Rest macht Sophie selbst: „Ich bin ein Transgendermädchen“, erklärt sie ausgewählten Kindergartenfreunden stolz.

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Fragen nach Geschlechtsumwandlung und Kinder kriegen

Schnell kommen dabei auch die großen Fragen auf. Die nach dem Geschlechtsteil und wie das mit dem Kinderkriegen in ihrem Fall eigentlich läuft.

Inzwischen ist Sophie fast 7, gerade in die Schule gekommen. In einigen Jahren steht für sie die Entscheidung an: Will sie mit Hormonblockern die männliche Pubertät unterdrücken oder bereits eine Hormontherapie zur Umwandlung zur Frau unternehmen? Brüste möchte sie später haben, vor der Operation zögert sie noch. Sie hat Angst vor Spritzen. Ihr Mutter will ihr die Wahl lassen.„Du entscheidest, wie du das möchtest, versuche ich ihr klar zu machen“, betont sie.

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Was bedeutet Transidentität:

  • Trans bezeichnet den Widerspruch zwischen dem selbst erlebten Geschlecht und der bei Geburt zugeschriebenen Geschlechtszugehörigkeit.
  • Ein Mädchen, das bestimmte körperliche („männliche“) Merkmale hat, wird Trans-Mädchen genannt. Eine Junge mit bestimmten körperlichen („weiblichen“) Merkmalen, z.B. den Genitalien, ein Trans-Junge.
  • In der Medizin werden häufig Begriffe wie Transsexualität und Geschlechtsidentitätsstörung verwendet, diese hält der Verein Trakine „für unethisch und diskriminierend“.
  • Der Grund: Trans ist keine Variante der sexuellen Orientierung, sondern betrifft die geschlechtliche Identität eines Menschen. Sie können wie alle Menschen hetero, homo-, bi- oder auch asexuell sein.

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Vater kämpft mit Situation

„Viele Eltern haben eine richtig heftige Trauerphase als Folge. So als wäre ihr Kind gestorben. Meine Mutter hatte das ansatzweise, bei mir hielt sie zum Glück nur ganz kurz an“, erklärt Marie.

Während sie also die neue Identität ihres Kindes angenommen und unterstützt hat, kämpft ihr Vater noch immer damit. „Er war zu Beginn total ohnmächtig und hält sich an Psychologen, die sagen, es sei eine Frage der Erziehung, Genen und der Psyche.“ Noch immer hat er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass „das das alles nur eine Phase“ sei.

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Bis heute fällt es ihm schwer zu akzeptieren, dass sein Sohn nun ein Mädchen sein möchte. Die Folge: die Partnerschaft zwischen Sophies Eltern ist zerbrochen. „Das war auf jeden Fall der Auslöser für die Trennung. Ich konnte es nicht mitansehen, dass ihr Papa das nicht akzeptieren konnte“, sagt Marie offen. Sie habe sich nicht gegen ihren Partner, sondern für ihre Tochter entschieden, betont sie.

Verein hilft und vermittelt

Der Kampf des Vaters, die Identität seines Kindes anzunehmen, ist auch der Grund, warum sie und ihre Tochter in diesem Artikel lieber anonym bleiben möchte. Doch schweigen will sie auch nicht, dafür ist ihr das Thema zu wichtig. Das wird im Gespräch schnell deutlich.

„Ich plädiere dafür die Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen, sie sind genauso wertvoll wie die eigenen“, erklärt sie. Der Verein Trakine beispielsweise unterstützt Trans-Kinder und ihre Familie, vermittelt Experten und Austausch mit anderen Familien.

Kontakt zu anderen Transkindern: „Sie waren völlig baff“

„Wir haben mittlerweile Kontakt zu anderen Transmädchen“, berichtet Marie.

Die Trans-Kinder gingen ganz verschieden mit der Thematik um. Manche schwiegen darüber, andere wie Sophie seien sehr offen im Umgang damit. „Es war sehr lustig zu sehen, als die Mädchen nach einigen Treffen herausgefunden haben, dass die jeweilig andere auch ein Transmädchen ist. Sie waren völlig baff.“

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Das ist der Verein Trakine:

  • Sie unterstützen Menschen, die mit dem Thema Trans bei Kindern und Jugendlichen zu tun haben
  • Sie wollen durch Aufklärung Unsicherheit, Angst und Unwissen aktiv entgegenwirken
  • Sie bieten Transkindern- und Jugendlichen sowie Eltern Unterstützung und vermitteln Experten

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Besuche beim Psychologen und richterliche Entscheidung

Längst ist Transidentität keine Seltenheit mehr. Genaue Zahlen werden nicht erhoben. Doch Marie hat festgestellt: „Ich war überrascht, jeder in meinem Umfeld kannte wen oder hat von Transkindern gehört.“ Die Sensibilität wächst, stellt sie fest.

Das ist auch gut so: denn bei Transjugendlichen ist aufgrund des Leidensdrucks das Vorkommen von Übergewicht, Drogen und Suizidgedanken laut einer US-Studie besonders hoch.

Regelmäßig müssen Marie und Sophie zur Psychologin, auch um später eine hormonelle Behandlung machen zu können. Um ihren Vornamen und Personenstand in ihrem Pass zu ändern, bedarf es zwei Gutachten und eine positive Entscheidung eines Richters.

Es warten also noch viele Herausforderungen auf Mutter und Tochter. Dabei will sie doch einfach nur ein Mädchen sein, so wie alle anderen.

*Die Namen wurden geändert. Sie sind der Redaktion bekannt.

 
 

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