Halle: Stephan Balliet soll zwei Menschen getötet haben – das wissen wir über den Neonazi

In Halle gab es am Mittwoch einen rechtsextremen und antisemitischen Anschlag. Inzwischen sind einige Informationen zum Täter Stephan Ballier bekannt.
In Halle gab es am Mittwoch einen rechtsextremen und antisemitischen Anschlag. Inzwischen sind einige Informationen zum Täter Stephan Ballier bekannt.
Foto: imago images / Felix Abraham

Der mutmaßlich rassistische und antisemitische Anschlag von Halle am Mittwoch erzeugte ein Beben in Deutschland, dessen Nachwirkungen uns noch lange beschäftigen werden.

Ein Mann hatte auf eine Synagoge und einen Dönerimbiss geschossen, zwei Menschen starben dabei, weitere wurden verletzt. Die Polizei hat den 27 Jahre alten Stephan Balliet festgenommen. Er gilt als rechtsextrem.

Was bislang über den mutmaßlichen Täter bekannt ist:

Der Täter von Halle: Familiärer Hintergrund

Der 27-Jährige soll in Eisleben in Sachsen-Anhalt geboren worden sein und bei seiner Mutter in Benndorf gelebt haben. Der Ort befindet sich rund 40 Kilometer von Halle entfernt.

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Als einziges Kind der Familie soll er bei seiner Mutter aufgewachsen sein. Sie und der Vater sollen sich geschieden haben, als Balliet gerade 14 gewesen ist.

Wenige Jahre später soll er sein Abitur gemacht haben und mit einem Chemie-Studium begonnen haben. Dieses habe er nach Informationen der „Bild“ aufgrund einer Magen-Operation abbrechen müssen.

Eine Nachbarin habe gesagt, der Attentäter habe als Rundfunktechniker gearbeitet. Balliet habe viel Zeit vor dem Computer verbracht. Offiziell besaß der Mann nie Waffen und war den Behörden bislang nicht als Rechtsextremist bekannt.

Bezug zu anderen Taten

Das Video der Tat, welches der Schütze live auf der Video-Plattform Twitch streamte, kann einige Aufschlüsse über die Hintergründe des Täters liefern. So erinnert schon der Umstand, das ein Video mit einer Helmkamera aufgenommen wurde, an den Terroranschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch. Dort starben im März dieses Jahres 51 Menschen durch die Hand des Rechtsterroristen Brentan Tarrant.

Das Video aus Halle umreißt ein krudes Weltbild des Täters. Es beginnt mit den Worten „Hey, my name is Anon, and I think the Holocaust never happened.“ („Hi, mein Name ist Anon und ich glaube den Holocaust hat es nie gegeben“).

„Nobody expects the internet SS“

Die Nutzung des Pseudonyms „Anon“ ist unter rechten und rechtsextremen Verschwörungstheoretikern in Foren und auf Online-Plattformen beliebt. Außerdem sagt er „Nobody expects the internet SS“.

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Im Video läuft in seinem Auto Hintergrund ein Live-Stück von Alek Minassian. Minassian verübte am 23. April 2018 einen Anschlag in Toronto in Kanada mit einem Van verübt und dabei zehn Menschen getötet.

Täter möglicherweise auch ein „Incel“?

Minassian gab als Ursache für seinen Angriff an, damit eine Rebellion der „Incels“ starten zu wollen. Incel steht dabei für „involuntary celibate“ - unfreiwilliges Zölibat. Dazu zählen sich häufig junge weiße Männer, die unfreiwillig keinen Geschlechtsverkehr haben, woraus sie stark antifeministische und sexistische Positionen ableiten. Unterforen der Online-Plattform 4chan gelten als Sammelbecken der Bewegung.

Ob Balliet sich selbst auch als „Incel“ definierte, ist nicht bekannt. Im Video spricht er jedoch davon, dass der Feminismus der Grund für sinkende Geburtenraten im Westen sei und äußert sich frauenfeindlich.

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Ob der Täter eng mit der rechtsradikalen Szene vernetzt war oder nicht, ist noch unbekannt. Nach bisherigen Erkenntnissen war er den Behörden zumindest nicht als rechtsextrem bekannt.

Wirklich nur ein Einzeltäter?

Rechtsextremismusforscher Dr Axel Salheiser, Soziologe und wissenschaftlicher Referent am Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, warnt gegenüber DER WESTEN dennoch davor, bei der Tat vorschnell von einem Einzeltäter zu sprechen, da sich die Tat klar in eine Reihe von Attentaten wie das von Anders Breivik in Norwegen und Brenton Tarrant in Christchurch einreihe. Gerade zu letzterem Fall gebe es eine Vielzahl von Parallelen.

Salhauser sieht in dem Vorgehen des Täters auch eine „neuen Typen an rechtsradikalen Terroristen“, die sich in einer digitalen Sphäre wie ein Schwarm emotionalisieren und radikalisieren. Dort würde eine unkontrollierter Diskrimierungsraum aufgespannt werden.

„Hate-Speech öffnet einen Pfad zur Gewalt“

„Rassismus, Antisemitismus und Ungleichheitsdenken sind nicht nur beunruhigend in der Mitte der Gesellschaft verbreitet", sondern zeigten durch solche Taten erschreckende Relevanz. „Hate-Speech öffnet einen Pfad zur Gewalt“, so der Soziologe.

Der Anschlag könnte nach Ansicht anderer Experten in der Tradition der neonazistischen Idee des „lone wolf terrorism“, also des Terrorismus des einsamen Wolfes, stehen. In den 1990er Jahren entwarf ein Mitglied des amerikanischen Ku-Klux-Klan die Idee eines „Führerlosen Widerstands“. Täter sollten nicht einzeln agieren und sich nicht zentral organisieren. Strafbehörden würde die Prävention von Anschlägen zunehmen erschwert, da keine Kommunikation zwischen Mitgliedern eine Zelle stattfinden müsse. (dav)

 
 

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