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Das große Rätsel um Football-Profi Ray Lewis

Ray Lewis spielt am Sonntag mit seinen Baltimore Ravens in New Orleans im Super Bowl gegen die San Francisco 49ers. Der eisenharte Football-Profi ist der Liebling seiner Heimatstadt Baltimore, doch es gibt einen schlimmen Verdacht in seinem Leben: Lewis spielt bei einem Doppelmord eine undurchsichtige Rolle.

Baltimore. 

Im Umkleide-Raum der Baltimore Ravens draußen auf dem edlen Trainings-Gelände in Owning Mills vor den Toren der Stadt teilt sich die Hackordnung auf schlichte Weise mit. Je weiter es nach hinten geht, weg vom Eingang, wo die Journalisten den Körpergebirgen auf den Badeschlappen stehen, desto klangvoller sind die Namen. Ganz hinten rechts in der Ecke hat der Mann seinen holzvertäfelten Spind, auf den bei den „Raben“ seit 17 Jahren alle hören, auch wenn er mal gar nichts sagt. Ray Lewis. Der furchteinflößendste Spieler im Team von Trainer John Harbaugh kann am Sonntag in New Orleans mit einem Sieg im Super Bowl gegen die 49ers aus San Francisco vor aller Augen eine der beeindruckendsten Karrieren im amerikanischen Profi-Football krönen. Vor einer Tragödie weglaufen, bei der zwei Menschen starben, kann er nicht.

31. Januar 2000 morgens gegen vier Uhr nach dem Super Bowl-Sieg der St. Louis Rams gegen Tennessee in Atlanta. Vor dem Nachtklub Kobalt Lounge gibt es Streit unter Männern. Alkohol ist im Spiel, Ray Lewis auch. Worte und Fäuste fliegen. Am Ende liegen Jacinth Baker (21) und Richard Lollar (24) in ihrem Blut. Getroffen von Messerstichen ins Herz und andere wichtige Organe. Was danach kommt, erschüttert das footballvernarrte Land.

In roter Gefängniskleidung erscheint der damals 24-jährige Linebacker der Baltimore Ravens in Handschellen vor dem Haftrichter. Anklagevorwurf: zweifacher Mord. Lewis beteuert: „Ich bin unschuldig.“ Im Falle einer Verurteilung droht ihm die Todesstrafe. Ray Lewis kommt mit dem Leben davon. Wie, darüber wundert sich Amerika gerade aufs neue.

Seine Freunde betonen, dass die Mordanklage fallen gelassen wurde, nachdem Lewis mit Reginald Oakley und Joseph Sweeting zwei seiner Begleiter schwer belastete. Stattdessen gab es ein Jahr auf Bewährung, weil Lewis die Polizei in die Irre führte. Die NFL-Bosse legten ein Bußgeld von 250 000 Dollar drauf. Aber das war‘s dann auch. Ein Jahr später avancierte der 1,85 Meter große und 110 Kilogramm schwere Athlet im 34:7-Endspiel-Sieg gegen die New York Giants zum MVP, zum wertvollsten Spieler. Der Grundstein für eine Laufbahn der Extraklasse war gelegt.

Der Muskelriss im Herbst

Niemand hat häufiger den gegnerischen Quarterback von den Beinen geholt (über 40 mal), niemand öfter das ovale Ei abgefangen, bevor es das Nest der gegnerischen Passempfänger-Hände erreichen konnte (30 mal). Niemand hat seinen Körper so immun trainiert gegen die Folgen des systematischen Ineinanderkrachens. Ein Trizeps-Riss im vergangenen Herbst war die Ausnahme. Mike Preston von der Heimatzeitung „Baltimore Sun“ steht nicht allein, wenn er Ray Lewis für „larger than life“ hält. Größer als das Leben.

Seine Feinde halten Ray Lewis moralisch für einen Zwerg. Sie erinnern sich, dass in der Stretch-Limo, in der Lewis mit Kumpels und einigen Frauen hastig den Schauplatz der Messerstecherei verließ, Blutreste eines der Opfer gefunden wurden. Sie haben nicht vergessen, dass Lewis‘ weißer Anzug, den er an jenem Abend trug, spurlos verschwunden ist und Oakley und Sweeting später ungeschoren auf freien Fuß kamen. Sie finden es seltsam, dass Ray Lewis eine siebenstellige Summe an die schwangere Verlobte Lollars und die Großmutter Bakers zahlte. Schweigegeld? Wiedergutmachung? Wer weiß das schon. Am Ende gilt: zwei junge Männer sind tot. Und niemand geht dafür bis heute ins Gefängnis.

Ob das in Ordnung ist, ob ihn das belastet, möchte man Lewis im Umkleideraum fragen, bevor er und sein Team zum Super Bowl nach New Orleans aufbrechen. Aussichtslos. Der Mann verschanzt sich unter seinen Kopfhörern. Nachfragen beantwortet ein Vereinsmeier. Mit Türsteher-Körpersprache.

Für Priscilla Lollar, Mutter eines der Opfer, sind die Tage vor dem Super Bowl unerträglich. Wie „taub“ sei sie, sagte sie der „Washington Post“. Kein TV-Sender, der die Karriere des in armen Verhältnissen in Florida von Mutter Buffy gemeinsam mit drei Geschwistern durchgebrachten Stars der Uni-Mannschaft von Miami nicht nachträglich wohlwollend betrachtet. Nur wenige, wie Mike Bianchi vom „Orlando Sentinel“, gießen Wasser in den Wein. Sie wollen die Toten von Atlanta nicht vergessen. Sie wollen wissen, was Ray Lewis wirklich weiß.

Nicht so in Baltimore. In der raubeinigen Hafenstadt ein Stunde Autofahrt nördlich von Washington ist Ray Lewis Kult. Eine Straße ist nach ihm benannt. Vor Thanksgiving verschenkt er dort Truthähne. Viele Eltern taufen ihre Söhne Ray. Sein Trikot mit der Nr. 52 ist der begehrteste Fan-Artikel. Und fast jeder kann den Lewis-Tanz nachmachen. Ein Schritt nach links – und gleiten. Ein Schritt nach rechts – und gleiten. Knie hochreißen. Brust rausdrücken und zur Musik von Nellys „Hot In Here“ martialisch gen Himmel brüllen. Wer keinen Bammel vor Ray Lewis hat, der ist selber schuld.

Der Friedhof in Ohio

Unter der Gladiatoren-Hülle steckt aber ein Mann im Büßerhemd. Seinen sechs Kindern von mehreren Müttern sei er ein vorbildlicher Vater, sagen Nachbarn. Für benachteiligte Jugendliche hat er eine Stiftung gegründet. Spenden für wohltätige Zwecke gehören zur praktizierten Dauer-Läuterung ebenso wie die von Oma Elease anerzogene Gottesfürchtigkeit.

Wenn Lewis mit tiefer Baritonstimme eine seiner Motivations-Guru-Ansprachen hält, kommt der Prediger in ihm durch. Jahrhundert-Schwimmer Michael Phelps führt sein Comeback bei den Olympischen Spielen in London ernsthaft auf „sehr tiefe Gespräche“ mit eben jenem Ray Lewis zurück. Ob sie auch über die Nacht von Atlanta gesprochen haben?

Die Opfer von damals sind in Akron in Ohio beerdigt. 20 Meilen entfernt, in Canton, steht die Walhalla des American Football, die „Hall of Fame“. In fünf Jahren wird Ray Lewis in die Ruhmeshalle einziehen. Egal, was in New Orleans kommt. Er sollte vorher auf den Friedhof gehen.