„Corona-Krise geht gerade erst richtig los“ – Wissenschaftlerin sauer, weil niemand DARÜBER spricht

Kontaktverbot: Was bedeutet das genau?

Kontaktverbot: Das darfst du und das nicht.

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Kitas, Schulen, Unis und Betriebe geschlossen, Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote bestimmen in der Corona-Krise unser Leben.

Doch schaltet man in den letzten Tagen in Talk-Shows ein, dreht sich alles nur noch um die Frage: Wann werden die Beschränkungen gelockert? Die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die unter anderem die WDR-Wissenssendung „Quarks“ moderiert, hat dazu deutliche Worte gefunden. „Wir brauchen etwas Ausdauer. Um genauer zu sein: ziemlich viel Ausdauer“, meint sie.

Corona-Krise: Wissenschaftlerin fordert Ausdauer

In einem Youtube-Video erklärt die Chemikerin auch, warum sie das glaubt. Darin erklärt sie, dass nach derzeitigem Stand der Wissenschaft die Pandemie erst dann vorbei ist, wenn sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert und anschließend erholt haben. Sprich: vorerst einmal immun sind.

Die Rede ist dann von einer „Herdenimmunität“, was bedeutet, dass genügend Menschen immun sind, sodass der Virus-Ausbruch zum Erliegen kommt. Doch die angesehene Chemikerin gibt zu bedenken, dass das noch eine ganze Weile dauern kann. Denn in Deutschland müssten 48 bis 56 Millionen Menschen immun sein gegen das Virus. Aktuell sind aber erst knapp 100.000 Menschen infiziert.

Geht man wie die Wissenschaftlerin von einer Dunkelziffer, die zehnmal so hoch ist, aus, hätte man derzeit eine Million Infizierte. Angesichts dessen haben wir gerade einmal einen Bruchteil der „Herdenimmunität“. Nguyen-Kim kommt zu dem Schluss: „Die Corona-Krise geht also gerade erst richtig los.“

Normalität nach Ostern? „Diese Vorstellung ist leider realitätsferne Fantasie“

In ihrem Video, das am 2. April auf ihren Online-Kanal „MaiLab“ online ging und inzwischen mehr als drei Millionen mal aufgerufen wurde, bemängelt sie, dass in all der Berichterstattung zu wenig über die „Länge der Straße“ gesprochen wird. Sprich: wie lange die Corona-Epidemie uns beschäftigen wird.

Weiter führt sie die verschiedenen Phasen der Pandemie-Bekämpfung aus: Zuerst die Eindämmung („Containment“) – also die Krankheit im Keim zu ersticken, Kranke zu isolieren, Kontakte nachzuverfolgen, die Verbreitung verhindern.

Passiert etwas wie in Heinsberg, wo ein infiziertes Paar mit 300 anderen Menschen Karneval feierte, dann geht es um Schadensbegrenzung („Mitigation“). Denn der Verwaltungsapparat kann die Verbreitung nicht mehr genau nachverfolgen. Die Folge sind die derzeitigen Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote, geschlossenen Restaurants, Schulen und Kitas.

Doch die Wissenschaftlerin will mit ihrem Video gegen den Glauben ankämpfen, dass innerhalb kurzer Zeit, vielleicht nach Ostern, alles wieder seinen gewohnten Gang gehen werde. „Diese Vorstellung ist leider realitätsferne Fantasie“, sagt sie. Das unterstreicht sie mit Fakten. Eine wichtige Größe, die von Virologen immer wieder genannt wird, ist die Reproduktionszahl, auch R0 genannt.

Sie gibt an, wie viele Menschen ein Infizierter ansteckt. Ziel ist es, diese Zahl unter 1 zu senken. Je kleiner die Reproduktionszahl, desto flacher die Kurve. R0 ist vor allem wichtig, weil anhand dessen berechnet werden kann, ob die derzeit zur Verfügung stehenden Intensivbetten ausreichen werden.

Reproduktionszahl zwischen 1,25 und 1,1 nötig

Die hessische Wissenschaftlerin hat sich dazu die Modellberechnungen der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie angeschaut. Im Best-Case, also bei 2 Prozent intensivpflichtigen Corona-Patienten und zehn Tagen Liegedauer auf der Intensivstation, würde eine Reproduktionszahl von 1,25 die Kapazitäten des deutschen Gesundheitssystem gerade so an die Grenzen bringen.

Ihr Fazit: Um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, brauchen wir eine Reproduktionszahl zwischen 1,25 und 1,1. Hier gibt es Hoffnung. Wie Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Instituts mitteilte, sei es durch die letzten Maßnahmen gelungen, diese Zahl auf 1 zu drücken. Er zeigte sich sogar optimistisch, dass sie unter 1 gesenkt werden und die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden könne.

Wissenschaftlerin: „Wir müssen die Kurve stoppen“

Doch Nguyen-Kim gibt zu Bedenken, dass die Kurven in den Modellberechnungen erst nach einem Jahr, teilweise später, komplett abflachen. Vorausgesetzt, die aktuell geltenden strengen Maßnahmen werden so lange eingehalten. „Und das geht nicht“, stellt sie klar. „Wenn diese Größenordnung nicht völlig daneben ist, dann ist 'flattenthecurve' bis zur Herdenimmunität nicht durchhaltbar.“ Deshalb sagt sie: „Wir müssen die Kurve stoppen.“

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Sie fordert daher, dass es gelingen müsse, dass die Fallzahlen so klein werden, dass die Gesundheitsämter die Fälle wieder detailliert verfolgen können, um effektiv Kranke zu isolieren, Kontakte zu verfolgen, Kontaktketten zu brechen und letztlich die Krankheit zu eindämmen. So käme man zurück zur Containment-Phase. „Je schneller wir in Phase eins sind, desto besser.“ Hier könnte man aus den Fehlern, die am Beginn der Epidemie gemacht wurden, lernen. Und hätte das nötige Verständnis der Bevölkerung für den Umgang mit dem Virus.

Konzerte, Fußballstadion? „Vergesst es!“

Für die Mehrheit der Bevölkerung wäre dann wieder Normalität in Sicht. Denn dann wären die strengen Maßnahmen gezielt auf die Erkrankten und ihre Kontaktpersonen fokussiert. Doch dazu müssten wir weiter ohne einiges auskommen. „Ganz ohne Verzicht werden wir lange Zeit nicht auskommen.“ Konzerte, Fußballstadion, Konferenzen – „Dieses Jahr? vergesst es!“

Hier das ganze Video:

Mai Thi Nguyen-Kim im Video

Ihr Fazit: „Diese Epidemie wird erst mit einem Impfstoff enden.“ Die bisherigen Maßnahmen der Regierung hält sie für angemessen und richtig. Sie macht Mut: „Es ist ein Marathon. Aber ich kann auch nicht verstehen, wie Menschen 42 Kilometer laufen können. Aber trotzdem schaffen sie es.“ (ms)

 
 

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