Corona: Intensivpfleger liefert düstere Einblicke von Station – seine Worte gehen unter die Haut

Nicht nur Corona: das waren die größten Epidemien der Menschheit
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Wie dramatisch ist die Lage auf Deutschlands Intensivstationen? Was denken Krankenpfleger, wenn sie Verschwörungstheorien von Corona-Leugnern hören? Alexander Jorde (24) ist so etwas wie das Gesicht der Pflege. Der 24-jährige Hildesheimer wurde Deutschlandweit bekannt, als er 2017 in der ARD-Wahlarena Kanzlerin Angela Merkel drastisch auf die Lage in seinem Berufsstand aufmerksam machte.

Jorde, SPD-Mitglied, arbeitet in Hannover auf einer Intensivstation, ist täglich mit Corona-Patienten im Kontakt. Wir haben mit ihm über seinen Alltag auf einer Pflegestation zu Zeiten von Corona gesprochen.

Herr Jorde, Sie arbeiten auf einer Intensivpflegestation in einem Krankenhaus in Hannover. Wie ist die Lage dort angesichts von Corona derzeit?

Ich arbeite auf einer internistischen Intensivstation, das heißt bei uns liegen gewöhnlich Patienten mit Erkrankungen der inneren Organe, zum Beispiel schon vor Corona Patienten mit schweren Lungenentzündungen oder in der Saison mit Influenza-Erkrankungen. Als es im April mit Corona angefangen hat, hatten wir fast komplett die ganze Station voll mit Corona-Patienten. Über den Sommer hatte sich das reduziert, in den letzten Wochen zieht es deutlich an.

Unsere Station hat verglichen mit vielen anderen Stationen und Kliniken noch einen relativ angemessenen Personalschlüssel. Wir haben in der Regel zwei Patienten pro Pflegefachperson, das ist auch das Mindeste, was die Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) empfehlen. Die gesetzlichen Personaluntergrenzen sind noch ein bisschen großzügiger. Die sagen, man könnte nachts auch drei oder dreieinhalb Personen betreuen. Das halte ich für viel zu viel auf einer Intensivstation, weil einfach gewisse Gefahren nicht rechtzeitig erkannt werden können. Das Problem: Wir haben weiterhin diesen Schlüssel, haben aber deutlich aufwendigere Patienten. Auch im Vergleich zu den Covid-Patienten, die wir im Frühjahr hatten, sind sie jetzt deutlich aufwendiger. Woran das genau liegt, kann ich nicht sagen. Ob sich die Krankheit verändert hat in ihrer Massivität oder wir einfach nur andere Patienten bekommen, ist schwer zu sagen.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag auf der Intensivstation aus?

Wir haben aktuell sechs Corona-Patienten, alle werden beatmet und bekommen eine sogenannte „ECMO“ (Anm. d. Red.: Extrakorporale Membranoxygenierung. Hier ersetzt eine Maschine ganz oder teilweise die Atemfunktion).

Wir managen den Fortbestand dieser Therapie, nehmen Blut ab von Patienten, überprüfen Elektrolyte, checken wie viel Sauerstoff im Blut ist und welche Einstellungen an der Beatmungsmaschine angepasst werden müssen. Das ist alles sehr, sehr aufwendig. Und dann schaut man aus der Tür raus und sieht niemanden, weil die Kollegen auch alle in ihren Zimmern sind. Da fühlt man sich schon mal allein. Denn man hat eine sehr hohe Verantwortung. Kleine Fehler oder Konzentrationsschwächen können fatale Folgen haben. Die Pflege wird immer so dargestellt, dass sie körperlich sehr anstrengend ist. Das stimmt, aber es ist eben auch eine sehr hohe geistige Leistung. Das sind komplexe Sachverhalte, die gleichzeitig ablaufen und die wir als Pflegefachpersonen im Blick behalten müssen.

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Hinzu kommen in Corona-Zeiten ja besonders erschwerte Bedingungen für Sie und ihre Kollegen...

Richtig. Wir haben die Klimaanlage umgestellt, sodass die Luft ins Zimmer reingesogen wird. Das heißt, wir haben teilweise über 30 Grad in den Zimmern und man arbeitet dort stundenlang in Schutzkleidung. In Prinzip läuft einem schon nach einer Minute der Schweiß über die Stirn, aber man steht trotzdem da und muss alles im Blick behalten.

Das ist nach dem vierten Nachtdienst in Folge morgens um 4 Uhr, wenn man vielleicht schon 3-4 Stunden in diesem Zimmer steht, die maximale Belastung für den Körper. Das Problem dabei ist, dass kein Ende in Sicht ist. Wir haben seit April Covid-Patienten und wir haben nicht das Gefühl, dass in drei Wochen der Spuk vorbei ist. Es geht immer weiter. Das ist das Frustrierende dabei.

Apropos: Wie frustrierend ist es für Sie und ihre Kollegen, wenn Sie hören, dass Menschen die Freiheit im Land in Gefahr sehen, weil sie im Supermarkt oder Zug für eine halbe Stunde einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen?

Wir sind das Tragen von Masken im Krankenhausalltag ein Stück weit gewohnt. Ich habe aber schon Verständnis wenn eine Supermarktverkäuferin das nicht toll findet, wenn sie plötzlich acht Stunden einen Mundschutz tragen muss. Das ist vollkommen okay, wenn das den Leuten nicht gefällt oder sie es umständlich finden. Aber trotzdem finde ich es wichtig, dass es getan wird und ich bin auch definitiv für die Maskenpflicht, weil es dazu beiträgt, dass wir Infektionen vermeiden. Wo mir jedes Verständnis fehlt, ist, wenn Leute daraus ein Politikum machen, wenn sie für 20 Minuten beim Einkaufen oder im Zug die Maske tragen müssen. Das finde ich ignorant, weil ich den Mund-Nasen-Schutz trage, um andere nicht mit meinen Viren zu infizieren. Deswegen kommt es drauf an, dass es jeder tut und wir solidarisch miteinander sind. Es kann nämlich jeden erwischen, nicht nur die Risikopatienten.

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Bei uns liegen ganz viele, die 40 oder 50 Jahre alt sind und mitten im Leben standen. Bei uns sind auch Patienten gestorben, die kaum älter waren als ich. Die hatten vielleicht eine Vorerkrankung, Asthma beispielsweise. Also keine ganz schwere Krankheit, die sie super eingeschränkt hätte in ihrem Leben. Es reichen ein, zwei Faktoren, dass sie die Erkrankung so sehr mitnimmt. Deshalb sage ich: Maske tragen ist ein Zeichen der Solidarität und schränkt mich in meiner Freiheit überhaupt nicht ein.

Und auch wenn Querdenken groß in der Öffentlichkeit sind, zeigen Umfragen, dass die große Mehrheit der Bevölkerung die Maßnahmen mitträgt. Deswegen sollten wir den Querdenkern nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Man sieht an der AfD oder Pegida, was passiert, wenn man aktuell nicht über sie spricht. Die AfD steht bei Umfragen bei unter 10 Prozent. Man sollte nicht den Fehler machen und sie auf ein Podest erhöhen, wo sie nicht hingehören.

Was macht das mit Ihnen, wenn Sie Verschwörungstheorien wie von Michael Wendler, Attila Hildmann oder Xavier Naidoo hören. Und was würden Sie den Corona-Leugnern sagen, wenn Sie wen wie Kanzlerin Merkel vor ein einigen Jahren persönlich treffen würden?

Was mir bei der ganzen Sache wichtig ist. Ich habe großes Verständnis für Künstler, Gastronomen oder Kreativarbeitende, wo es um die Existenz geht. Wenn ich mir vorstelle, ich bin ein Gastronom, habe in meiner Familie niemanden, der an Covid erkrankt ist. Ich kann verstehen, wenn für solche Leute Covid ganz weit weg ist und sie den Eindruck haben, dass sie es gar nicht betrifft. Wir behandeln die Leute ja nicht auf der Straße oder lagern die Toten dort. Zum Glück, aber dadurch geht natürlich auch Transparenz verloren, weil die Leute das Ausmaß nicht mitbekommen. Auf diese Leute muss man auch zugehen, damit sie nicht von Querdenkern aufgefangen werden.

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Bei den Verschwörungstheoretikern glaube ich tatsächlich, dass da Worte nicht ganz so viel bringen. Da sind viele in einer Blase gefangen. Man sollte diese Leute nicht abschreiben und sie nur in eine Ecke stellen, sondern sie dort wieder rausholen, was nicht einfach ist. Ich glaube, die Konfrontation mit der Wirklichkeit wäre das Einzige, was helfen würde. Das ist natürlich schwer umzusetzen. Das Eindrücklichste wäre natürlich alle, die sagen: „Corona gibt es nicht“ oder: „Die Krankheit ist nicht so schlimm“, einfach mal mit auf eine Intensivstation zu nehmen, sie mal in ein Zimmer reinschauen lassen, damit sie sehen, wie das aussieht, wenn dort ein Patient aufgrund dieser Erkrankung um sein Leben kämpft.

Um sie dann nochmal zu fragen, ob er oder sie immer noch glaubt, dass es so eine große Belastung ist, mal zehn Minuten beim Einkaufen den Mund-Nasenschutz zu tragen oder es das Ende der Freiheit ist, wenn man jetzt nicht mit 30 Leuten im Club feiern kann. Das ist natürlich derzeit schwer möglich, wir haben wenig Schutzmaterial und man will solche Leute teilweise auch nicht auf der Station haben. Aber das wäre glaube ich das Einzige, was funktionieren würde.

Geben Sie uns doch mal ein Einblick, wie eine schwere Corona-Infektion, die bei Ihnen auf der Intensivstation behandelt wird, aussehen kann.

Ich finde das eine ziemlich schaurige Vorstellung, wenn ich mich in so manchen Patienten reinversetze. Man kommt in die Notaufnahme, weil man schwer Luft bekommt. Dann geht es bei manchen ganz schnell. Sie werden intubiert und bekommen ein Medikament injiziert, damit sie schlafen. Viele werden dann über Wochen hinweg beatmet und sind auch nicht wach währenddessen. Wenn sie dann vielleicht nach 3-4 Wochen irgendwann aufwachen, sind sie in einem Bett, alleine im Raum, vielleicht sind auch ihre Hände festgemacht, damit sie sich keine Kanülen rausreißen. Das Erste was ich wissen will, wo bin ich? Wo sind die Menschen, die ich kenne? Doch genau das ist aktuell natürlich alles sehr eingeschränkt möglich.

Statt ihrer Angehörigen stehen dann Ärzte, Pflegefachpersonen oder Physiotherapeuten in voller Schutzmontur vor ihnen. Sie sehen oft nur die Augen von uns. Das muss sich anfühlen wie in einem dystopischen Film.

Gesundheitsminister Jens Spahn hat kürzlich sogar in Erwägung gezogen, dass gewisse Berufsgruppen, wie etwa Intensivpfleger, im Notfall auch Corona-positiv arbeiten sollen. Hat die Politik angesichts solcher Worte im Sommer eine bessere Vorbereitung verschlafen?

Definitiv. Ich hatte mich dazu mit Herrn Spahn auf Instagram persönlich auseinandergesetzt. Er sagt, dieser Fall tritt ein, wenn nichts anderes mehr geht. Die Regierung tut aber nichts, um eine solche Situation zu vermeiden. Die durchschnittliche Verweildauer im Pflegeberuf liegt bei 7,5 Jahren, die wohl kürzeste aller Berufe mit Ausbildung. Die Personen haben die Pflege verlassen aufgrund des zu niedrigen Gehalts, aufgrund der Überlastung. Aber sie sind noch da, in anderen Berufen oder arbeiten in Teilzeit. Dass man nichts tut, diese Leute zurückzuholen, das kritisiere ich. Denn es gibt Erhebungen, dass sich eine große Zahl an Menschen vorstellen könnte unter anderen Bedingungen zurück in diesen Job zu kehren. Aber die werden nicht zurückkommen, wenn man ihnen nichts dafür anbietet, denn sie wissen um die Situation und hatten einen Grund, warum sie den Job verlassen haben.

Und der ist: zu geringes Gehalt bei zu hoher Belastung. Und wenn man die Faktoren nicht aufhebt, oder zumindest einen davon, dann werden die auch nicht in der Pandemie zurückkommen. Deshalb wäre jetzt der Zeitpunkt zu sagen, wir nehmen mal Geld in die Hand und schaffen beispielsweise eine Stunden-bezogene Coronazulage, die zu einem merklichen Gehaltsplus führt. Dann kommt vielleicht der ein oder andere zurück, wodurch sich die personelle Situation entlasten würde. Stattdessen soll unser Leben leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden, weil wir neben dem Kollegen arbeiten, der gesichert Corona hat.

Wenn ich dann höre, dass es jetzt einen Pflegebonus gedeckelt auf 100 Millionen Euro gibt, bei dem selbst Kliniken die Covid-Patienten behandelt haben nichts erhalten, während die Lufthansa acht Milliarden Euro erhält, dann frag ich mich wirklich, wo die Prioritäten der Bundesregierung liegen. Wann wenn nicht jetzt, sollte eine gute Gesundheitsversorgung es uns wert sein?

 
 

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