Belarus: Proteste gegen Europas letzten Diktator! Demonstrant erlebt schockierende Szenen – „Sie sind wie Tiere!“

Belarus: Verzweifelt schreien zwei Frauen den Spezialpolizisten hinterher.
Belarus: Verzweifelt schreien zwei Frauen den Spezialpolizisten hinterher.
Foto: imago images

Massen-Demos, Streiks, Straßenkämpfe mit Toten und ein Regime, das seinen Untergang mit äußerster Brutalität verhindern will. Belarus ist seit Sonntag im Ausnahmezustand.

Corona könne ihm nichts anhaben, hatte Alexander Lukaschenko, Machthaber in Belarus, kürzlich noch gesagt. Eine Frau schon gar nicht. Doch jetzt hat sich inspiriert durch drei Frauen das Volk gegen Europas letzten Diktator Alexander Lukaschenko erhoben.

Belarus: Ausnahmezustand nach Wahlen in „Europas letzter Diktatur“

Am Sonntag wurde in Belarus, in Deutschland meist als Weißrussland bekannt, gewählt. Seitdem ist in dem Land nichts mehr wie es einmal war. Nikola, seinen richtigen Namen will er aus Angst lieber nicht preisgeben, arbeitet eigentlich als Hausarzt in der Hauptstadt Minsk. Er hat mit seinen 23 Jahren in seinem Leben noch keinen anderen Machtinhaber erlebt als Lukaschenko, der seit 1994 Belarus regiert.

Der junge Arzt hat am Sonntag für Swetlana Tichanowskaja gestimmt. Die Lehrerin und Aktivistin war eigentlich nur für ihren Mann Sergej Tichanowski, einen bekannter Videoblogger, eingesprungen. Der war aus fadenscheinigen Gründen vor den Wahlen verhaftet worden. Unterstützt wurde sie von zwei weiteren Frauen: Veronika Zepkalo, der Ehefrau des ebenfalls nicht zur Wahl zugelassenen Valery Zepkalo, und Maria Kolesnikowa, die den Wahlkampf des festgenommenen Präsidentschaftskandidaten Viktor Babarikos koordiniert hatte.

Gemeinsam haben die drei Frauen Belarus aus der Lethargie erweckt. Mit über 80 Prozent Zustimmung soll Lukaschenko zwar die Wahlen gewonnen haben. Offiziell. Doch daran glaubt in dem Land mit knapp sieben Millionen Einwohnern niemand. Wahllokale, die ihre Ergebnisse öffentlich machten, und Ergebnisse aus dem Ausland, zeigten genau das Gegenteil. Eine große Mehrheit für Tichanowskaja. Sie hat die Wahl daher nicht anerkannt. Inzwischen ist sie nach Litauen zu ihren Kindern geflüchtet und hat in einer Video-Botschaft zum Ende der Proteste aufgerufen.

Die Umstände sind nebulös, Experten gehen davon aus, dass sie vom Regime dazu gezwungen wurde.

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Noch am Sonntagabend gingen Tausende auf die Straßen, schrien: „Hau ab“ und meinten damit Alexander Lukaschenko.

Auch Nikola war die vergangenen beiden Tage auf den Straßen der Hauptstadt Minsk unterwegs. Als Sanitäter versuchte er Verwundeten zu helfen und hat die Brutalität des Regimes hautnah erlebt. „Sie sind wie Tiere“, sagt er über die Polizeieinheiten und Armee.

„Gestern haben sie sich in Rettungswagen versteckt. Demonstranten haben die Rettungswagen durchgelassen, dann sind Polizisten rausgestürmt und haben auf die Menschen eingeschlagen. Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen“, erzählt er im Gespräch mit dieser Redaktion schockiert und schickt zum Beweis Bilder. „Ich hatte noch nie so Angst in meinem Leben. Alle haben Angst. Wenn du keine Angst hast, wenn jemand auf dich schießt, bist du ein Idiot!“

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Warum Belarus statt Weißrussland:

  • In Deutschland hat sich im 19. Jahrhundert der Begriff Weißrussland etabliert.
  • "Bela" heißt weiß, "Rus" steht eben nicht für Russland, sondern für ein historisches Gebiet, das als Herkunft der Ostslawen gilt.
  • Auf diesem Gebiet entstand ab dem 10. Jahrhundert das Reich „Kiewer Rus“.
  • Es erstreckte sich von Litauen über Belarus, Teile Russlands und der Ukraine.
  • Das Auswärtige Amt und führende Nachrichtenagentur sind nun auf die Verwendung des Begriffs Belarus umgestiegen.

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Internet fast komplett down

Um die Verbreitung solcher Bilder zu verhindern und die Organisation der Proteste zu erschweren, hat die Regierung das Internet weitgehend abgeschaltet. Viele Online-Seiten oder sozialen Netzwerke wie Facebook sind nicht mehr erreichbar. Einzig Telegramm funktioniert noch. Videos, die in den Kanälen kursieren, schockieren.

Oppositionsanhänger und Journalisten werden auf offener Straße verhaftet. Maskierte Spezialeinheiten treten auf dem Boden liegende Demonstranten ein, schwingen ihre Knüppel selbst gegen Frauen. „Wir haben Brutalität der Milizen erwartet. Aber das ist schlimmer als alles, mit was wir gerechnet haben“, sagt Nikola. „Ich habe noch nie so viel Hass und Wut bei den Menschen gegenüber der Armee erlebt.“

Auch von Todesopfern bei den Protesten wird inzwischen berichtet.

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„Die EU tut nichts“

Von der EU zeigen sich die Demonstranten enttäuscht: „Die EU tut nichts. Sie sollte Lukaschenkos Regime als illegitim verurteilen“, sagt Nikola und wünscht sich harte Sanktionen gegen das Regime und die Freilassung politischer Gefangener.

Auch von der Tatsache, dass Oppositionspolitikerin Tichanowskaja das Land verlassen hat, lässt er sich nicht ermutigen. „Ich kann sie verstehen. Aber wir brauchen auch keine Führungsfigur.“

Längst begehrt das Volk auf, im ganzen Land gab es auch am Dienstag Streiks.

Nikola muss los. Er will auch den dritten Tag in Folge auf die Straße gehen. Die U-Bahn fährt nicht. Demonstranten haben sie lahmgelegt. Er muss also laufen. Vorbei an den Tausenden hupenden Autos, die gegen Lukaschenko Lärm machen.

Schreibe „Lang lebe Belarus“ am Ende, bittet er noch, bevor er sich auf den Weg macht. „Das ist unser Slogan.“