Belarus: Lukaschenko lässt Panzer in Minsk auffahren! Junge Frau sagt trotzdem: „Ich bin stolz auf meinen Präsidenten!“

Belarus: In Minsk sind am Sonntag Panzer aufgefahren. Hunderttausende demonstrieren erneut gegen Alexander Lukaschenko.
Belarus: In Minsk sind am Sonntag Panzer aufgefahren. Hunderttausende demonstrieren erneut gegen Alexander Lukaschenko.
Foto: dpa/Screenshot Twitter

Am Sonntag hat Alexander Lukaschenko Geburtstag. Er wird 66 Jahre alt.

Doch Geschenke vom Volk gibt es heute kaum. Stattdessen gehen auch drei Wochen nach der Wahlfälschung Hunderttausende in Belarus gegen den Machthaber auf die Straße.

Sie haben nicht nur rot-weiß-rote Flaggen dabei, sondern auch kreative „Präsente“ für ihren Machthaber, den sie loswerden wollen.

Belarus: Hunderttausende auf der Straße an Lukaschenkos Geburtstag

Der Rückhalt für den Autokraten, der gerne mal als „Europas letzter Diktator“ bezeichnet wird, schwindet. Auch wenn am Sonntag wieder von willkürlichen Verhaftungen berichtet wird, konnte Lukaschenko den Widerstand des Volkes in Belarus nicht brechen. Jetzt lässt Lukaschenko Panzer auf den Straßen von Minsk auffahren!

Doch es gibt nach wie vor Unterstützer. Maria* ist eine davon. Ihr Facebook-Profil ziert nicht die weiß-rote Flagge der Opposition, sondern die rot-grüne Staatsflagge. Daneben eine russische Flagge.

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Im Gespräch mit dieser Redaktion sagt die junge Frau: „Ich bin stolz auf meinen Präsidenten.“ Die Endzwanzigerin stammt ursprünglich aus Babruysk, einem Städtchen rund zwei Autostunden von Minsk entfernt. Sie hat im Ausland studiert und arbeitet mittlerweile in Warschau bei einer Bank. Während es viele ihrer Generation ins Ausland zieht, will sie aber bald zurück in ihr Heimatland ziehen.

Lukaschenko-Unterstützerin wünscht sich engere Beziehungen zu Russland

Sie sagt: „Ich bin überzeugt, Lukaschenko hat mehr als 50 Prozent der Stimmen geholt. Vielleicht 55, 60 Prozent.“ Er habe bloß den Fehler gemacht, die Wahlen zu offensichtlich zu fälschen, glaubt sie. Jetzt würden die „Provokateure“, wie sie die Demonstranten nennt, eine farbige Revolution herbeiführen wollen. Ein Begriff, den auch der Präsident selbst wählte, als er vor den Demonstranten warnte.

Maria fürchtet, dass ein Nachbarland die Situation von Belarus ausnutzen könnte, um sich Territorium einzuverleiben. Aber nicht etwa Russland, das nach der Maidan-Revolution in der Ukraine die Insel Krim völkerrechtswidrig annektierte, sieht sie als Gefahr. Maria fürchtet einen Einmarsch Polens. „Ich beobachte, wie sie Beifall klatschen, wie sie die Revolution unterstützen, um Gebiete zu erobern. Die erste Stadt wäre Grodno“, sagt sie.

Mehr russischen Einfluss würde sie dagegen begrüßen. „Ich denke, Lukaschenko wird nicht zurücktreten. Aber Lukaschenko wird verstehen, dass er nur von Russland Unterstützung erhält und so wird die Integration mit Russland schneller ablaufen.“

Machthaber kann sich bislang auf Sicherheitsapparat verlassen

Dahinter steckt eine Union ähnlich der EU, die Russland gemeinsam mit Kasachstan und Belarus gegründet hat. Doch Lukaschenko hatte sich einer zu engen Annäherung mit Putin in der Vergangenheit mehrfach widersetzt, versucht eine Balance zwischen Westen und Osten zu halten. Damit ist jetzt wohl Schluss.

Die EU-Staaten haben die Wahl nicht anerkannt, Sanktionen gegen die Lukaschenko-Clique sind in der Vorbereitung. Nun kann der Machthaber neben seinem Sicherheitsapparat, der bislang noch zu ihm steht, vor allem auf Putins Hilfe hoffen. Mehrfach haben die beiden seit den Wahlen gemeinsam telefoniert.

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Aus der Bevölkerung kommt nur vereinzelt öffentliche Unterstützung. Bei der größten Pro-Lukaschenko-Demonstration vergangene Woche kamen die meisten Unterstützer aus dem ländlichen Teilen von Belarus mit Bussen nach Minsk. Dennoch blieben es deutlich weniger als die Gegenseite. Auch am Dienstag gab es eine kleine Kundgebung für den Präsidenten.

„Wir können davon ausgehen, dass vielen von ihnen gedroht wurde, dass sie ihre Arbeit verlieren, wenn sie nicht kommen. Diese Menschen arbeiten größtenteils in staatlichen Strukturen und haben befristete Verträge. Entsprechend spielt hier eine finanzielle Sorge eine Rolle“, erklärt die Politologin Olga Dryndova von der Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen im Gespräch mit dieser Redaktion.

Maria widerspricht: „Wenn ich in Belarus wäre, würde ich freiwillig zu den Pro-Lukaschenko-Demonstrationen gehen. Und würde dort sprechen.“ Sie würde vor allem an die Vergangenheit erinnern, in der Lukaschenko das System der „Sowjetunion“ in Belarus konservierte.

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Lukaschenko wird von seinen Anhängern liebevoll „Väterchen“ gerufen

„Ich weiß wie hart die Zeiten in den 90er Jahren waren und weiß, was er für das Volk getan hat“, begründet sie ihre Unterstützung. In Belarus wird Lukaschenko daher von seinen Anhängern liebevoll „Batka“, Väterchen, gerufen.

Doch inzwischen hört man öfter „Hau ab“ und „Sascha geh!“ auf den Straßen von Minsk. Seit vier Wochen protestieren die Anhänger von Swetlana Tichanowskaja, die inzwischen in Litauen Exil gesucht hat.

Auch Nikola* war seit den Wahlen vor zwei Wochen regelmäßig bei den Demonstrationen. Er arbeitet als Arzt in Minsk, versuchte mit seiner Frau und Kollegen Verwundeten zu helfen, als die Lage in den ersten beiden Nächten zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften eskalierte.

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Warum Belarus statt Weißrussland:

  • In Deutschland hat sich im 19. Jahrhundert der Begriff Weißrussland etabliert
  • „Bela“ heißt weiß, „Rus“ steht eben nicht für Russland, sondern für ein historisches Gebiet, das als Herkunft der Ostslawen gilt
  • Auf diesem Gebiet entstand ab dem 10. Jahrhundert das Reich „Kiewer Rus“
  • Es erstreckte sich von Litauen über Belarus, Teile Russlands und der Ukraine
  • Das Auswärtige Amt und führende Nachrichtenagentur sind nun auf die Verwendung des Begriffs Belarus umgestiegen

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„Ich hatte noch nie so Angst in meinem Leben“

„Ich hatte noch nie so Angst in meinem Leben“, erzählt er. Befreundete Mediziner seien später von der Spezialpolizei OMON abgepasst worden und in Gefängnisse gesteckt worden. So wie mehr als 7.000 andere Demonstranten, Journalisten und Passanten. „Sie sind wie Tiere“, sagte der 23-Jährige über das brutale Vorgehen von Polizeieinheiten in den ersten beiden Tagen nach der Wahl. Nikola hat für Swetlana Tichanowskaja gestimmt. Er hofft auf faire Wahlen und Wandel in seinem Land. Seine Sorge: ein brutale Niederschlagung wie im Prager Frühling 1968. Kein Wunder angesichts von Panzer-Bildern in Minsk.

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Doch wie es in Belarus weitergeht, ist unklar. Präsident Lukaschenko hat bislang keine Dialogbereitschaft signalisiert, Streiks und Proteste haben nicht den erhofften Erfolg gebracht.

Politologin: „Der Anfang vom Ende“

Dennoch gehen sie auch vier Wochen nach der Wahl weiter zu Tausenden auf die Straßen. Politologin Olga Dryndova erklärt: „Die Zuneigung für Lukaschenko vom Volk kommt nie wieder zurück. Er war ein Volkspräsident. Das ist vorbei.“

Doch zugleich gibt sie zu bedenken: „Autokraten können auch mit Minderheiten regieren. Dafür sind die Ressourcen im Sicherheitsapparat da. Ich glaube, es ist der Anfang vom Ende, aber die Frage ist, wie lange das Ende dauern wird. Ich denke nicht, dass Lukaschenko noch weitere fünf Jahre übersteht. Denn was die belarussische Opposition in 26 Jahren nicht geschafft hat, hat er nun selbst erreicht: Er hat die die Belarussen geeint.“

* Die Namen wurden auf Wunsch geändert. Sie sind der Redaktion bekannt.

 
 

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