Verkehrsexperten: Aggressivität im Straßenverkehr nimmt zu

Dietmar Seher
Von oben sieht es schön geordnet aus. Auf der Straße und bei der Parkplatzsuche empfinden viele Menschen das reinste Chaos.
Von oben sieht es schön geordnet aus. Auf der Straße und bei der Parkplatzsuche empfinden viele Menschen das reinste Chaos.
  • Die wachsende Enge auf den Straßen empfinden viele Verkehrsteilnehmer als stressig
  • Hitliste der Sünden: Rücksichtslose Parksünder, Rambo-Radler, illegale Rennen und Smartphones am Steuer
  • Gewerkschaft der Polizei fordert härtere Strafen, um die Disziplin im Verkehr zu erhöhen

Essen. Wutausbrüche, Beschimpfungen, Blockaden ganzer Straßen durch Falschparker, aber auch eine massive Welle privater Anzeigen gegen mutmaßliche Verkehrssünder wie gerade jetzt in Dortmund: Das Klima im Umgang der Verkehrsteilnehmern untereinander wird rauer. Wird die zunehmende Verkehrsdichte zur Belastung für die Gesellschaft?

Unfallforscher und Verkehrspsychologen sind sich einig: Auf den Straßen gibt es das Gefühl einer steigenden Aggressivität - obwohl die Zahl der Unfälle und Unfalltoten auf einem Tiefstand liegt. Nach Umfragen sehen das auch 53 Prozent der Bevölkerung so.

„Konflikt zwischen Radfahrern, Autofahrern und Fußgängern“

„Eine Mehrheit empfindet den Straßenverkehr als stressig, aufreibend und chaotisch“, sagt der Chef der Unfallforschung der Deutschen Versicherer, Siegfried Brockmann, der an einen „Konflikt zwischen Radfahrern, Autofahrern und Fußgängern“ glaubt. Der Aachener Verkehrspsychologe Prof. Bernhard Schlag: „Den Straßenraum müssen sich mehr Menschen teilen“, es sei „enger geworden, der Ressourcen-Konflikt hat sich verschärft“. Diese Enge könne aggressiv machen.

Schlag glaubt aber auch, dass eine der Ursachen zu milde Strafen für Verkehrssünder in Deutschland sind. Viele mache diese Milde auch wütend. „Wenn Sie in den Niederlanden falsch parken, sind Sie zwischen 50 und 100 Euro los. Bei uns kostet das gegebenenfalls nur 15 Euro“.

Erhöhte Konfliktbereitschaft bei Parksündern

Allein zwischen Juni diesen Jahres und dem 23. September haben Anwohner bei der Stadt Dortmund 1082 Privatanzeigen gegen Falschparker über das Internet erstattet. Das ist ein Trend, der vorher so nicht festgestellt wurde. „In dieser Massivität ist das eine neue Entwicklung“, sagte die Dortmunder Rechtsdezernentin Diane Jägers unserer Redaktion. Die werde auch durch Aufrufe in den sozialen Netzwerken und im Internet gefördert. „Wir haben zwar schon immer Hinweise gehabt, dass falsch geparkt wird, Radwege zugestellt sind und Kinderwagen nicht mehr durchkommen. Aber das ganze steigt jetzt an“.

Die Dortmunder Dezernentin Jägers sieht eine erhöhte Konfliktbereitschaft bei den Parksündern. Selbst Hydranten würden zugeparkt, viele würden sich um Parkverbote nicht kümmern, weil das billiger sei als die Nutzung des Parkhauses. „Eine betriebswirtschaftliche Rechnung“. Mit besonderer Sorge sieht sie aber auch den Ton in private Anzeigen. Dieser sei teils „ruppig, unverschämt und sogar beleidigend“. Jägers: „Wir radikalisieren uns als staatliche Gemeinschaft. Das macht mir Angst“.

"Ich habe doch Recht“

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei in NRW, Arnold Plickert, glaubt, dass die Verkehrsdichte insgesamt „zu gefährlichen Situationen auf den Straßen“ führe. Der Bochumer ist einer der führenden Verkehrsexperten auf Seiten der Polizei. Er spricht für diesen Fachbereich im Vorstand der Gewerkschaft GdP – und ist als Autofahrer viel unterwegs: „Ich bin jeden Tag drei Stunden auf der Straße“, sagt er, „schnelles Fahren, Drängeln und riskantes Überholen, der Einsatz der Lichthupe. Das alles wird mit besonderer Aggressivität ausgetragen. Das ist eine Verkehrsmoral, die bedenklich ist“.

Und diese fünf Entwicklungen stören Plickert in letzter Zeit besonders: Die „permanente Handy-Nutzung“, wobei „kaum ein Unrechts-Gefühl vorhanden ist“. Illegale Autorennen „mit katastrophalen Folgen“. In der stress-auslösenden erhöhten Verkehrsdichte, „tun sich vor allem ältere Menschen schwer“. Die immer größeren und stärkeren SUV-Pkw's . Und Situationen wie in Münster, wo mancher Radler „ganz bewusst auf Fußgänger zu fährt im Glauben: Ich habe doch Recht“. Als eine Lösung sieht der Verkehrsexperte der Bundes-GdP zum Beispiel mehr „separate Bereiche für Fahrräder“.