TV-Film "Die Insassen" – Der ganz normale Wahnsinn

Ulrich Schilling-Strack
Löhring (Wolfgang Stumph, oben), Winter (Maximilian Brückner) und Karin Schlick (Jule Ronstedt) kämpfen mit ihren eigenen Mitteln gegen ihre Erkrankungen: Sie wollen die Nervenklinik St.-Emilius heimlich an die Börse bringen.
Löhring (Wolfgang Stumph, oben), Winter (Maximilian Brückner) und Karin Schlick (Jule Ronstedt) kämpfen mit ihren eigenen Mitteln gegen ihre Erkrankungen: Sie wollen die Nervenklinik St.-Emilius heimlich an die Börse bringen.
Foto: ZDF und Boris Laewen
Wolfgang Stumph glänzt in "Die Insassen" als Manager mit Burn-out. Der ZDF-Film zeigt, dass Macht und Wahnsinn manchmal gefährlich nah zusammenliegen.

Essen. Die Grenzen zwischen Chefetage und Klapsmühle verlaufen zuweilen fließend, das weiß man spätestens seit der letzten großen Finanzkrise. Es bot sich also an, die benachbarten Sektoren einmal dramatisch auszuloten. Heraus kam eine Buchverfilmung, die nicht nur spannend und elegant, sondern auch noch lehrreich und amüsant ist – gar nicht einfach!

TV-SatireAnführer der „Insassen“ ist ein gewisser Wilhelm Löhring, Doktor Wilhelm Löhring, soviel Zeit muss sein! Löhring hat „mehr als 40 Unternehmen in ganz Europa saniert“, wie er nicht müde wird zu betonen, aber offenbar fordert solch ein Leben seinen Tribut. Eines Tages verliert Dr. Löhring den Kontakt zur Realität. Nach der Versetzung in den Ruhestand stürmt er weiterhin in sein Büro und kanzelt die Sekretärin ab, was ja allein noch nicht zur Diagnose „übergeschnappt“ reichen mag, buchstabiert den barsch befohlenen Kaffee mit „K“ wie „Kacke“ und „A“ wie „Arschloch“, droht dem neuen Vorstand beim Kantinenbesuch die Kündigung an und wird erwartungsgemäß wenig später von den Männern in den weißen Kitteln abgeholt.

"Die Insassen" - Famose Grundidee, gut umgesetzt

Ziel ist St. Emilius, eine psychiatrische Klinik für betuchte Burn-out-Patienten. Auf dem Weg zur neuen Heimat kommuniziert Dr. Löhring schon einmal mit dem Diktaphon, seinem engsten Gefährten, einen Sanierungsplan, und auch in der gut gepolsterten Zelle will die Rückkehr ins wirkliche Leben einfach nicht gelingen. Löhring sieht sich nicht als Patient, sondern als Sanierer. Medikamente lehnt er folgerichtig ab, und alle gut gemeinten Therapieversuche laufen ins Leere. „Ein Dr. Löhring wird hier nicht für Sie die Körbe flechten“, schleudert er beispielsweise dem Betreuer zu, der seine Schützlinge gern mit Handarbeit beruhigt. Löhring sucht stattdessen unter den anderen Insassen Verbündete, um die Klinik feindlich zu übernehmen und an die Börse zu bringen, eine viel Geld versprechende Marktlücke angesichts der steil steigenden Zahl überstresster Top-Manager.

Das ist schon mal eine famose Grundidee, und sie wird höchst ansprechend ins Bild gesetzt. Wolfgang Stumph spielt ihn glänzend, den übergeschnappten Dr. Löhring. Nie erliegt Stumph der Versuchung, nur das Klischee des reichen Irren grell auszupinseln, aber immer strahlt er die gefährliche Botschaft aus, dass Macht und Wahnsinn sich mancherorts unheilvoll verbrüdern – und auch bei genauem Hingucken kaum zu unterscheiden sind.

"Die Insassen" kommt ohne billige Gags aus

Zur Seite stehen ihm glänzende Partner wie Maximilian Brückner, der das autistische Finanzgenie Keith Winter verkörpert, oder Jule Ronstedt, die in eine schwere Depression verfiel, weil ihr Chef sie nach vielen Jahren Arbeit rund um die Uhr immer noch mit dem falschen Namen ansprach.

Regisseurin Franziska Meyer-Price inszenierte den Film als Tragikkomödie, verzichtete aber völlig auf billige Gags. Das ist gut, denn die Geschichte ist absurd genug. Es reicht schon völlig, eine Riege eingebildeter Ex-Chefs vorzuführen, die sich in der Nervenklinik mit Hüten vom Kindergeburtstag zur Vorstandssitzung versammeln. Katharina Münk lieferte die Buchvorlage, und sie weiß, wovon sie schreibt: Zwei Jahrzehnte saß sie selber im Vorzimmer eines Topmanagers.

Fazit: Ein Film mit Anspruch, und dennoch höchst unterhaltsam.

Donnerstag, 17. September, ZDF, 20.15 Uhr