Troy Davis trotz weltweiter Proteste hingerichtet

Troy Davis, 1991 als Polizistenmörder zum Tode verurteilt, ist gegen 5 Uhr deutscher Zeit mit der Giftspritze hingerichtet worden. (Archivfoto: dapd)
Troy Davis, 1991 als Polizistenmörder zum Tode verurteilt, ist gegen 5 Uhr deutscher Zeit mit der Giftspritze hingerichtet worden. (Archivfoto: dapd)
Foto: AP
Fast wäre auch der vierte Hinrichtungstermin für den Amerikaner Troy Davis aufgehoben worden. Dann räumte der Oberste Gerichtshof Amerikas das letzte Hindernis aus dem Weg. Gegen 5 Uhr deutscher Zeit wurde dem 42-Jährigen in Jackson/US-Bundesstaat Georgia die Giftspritze gesetzt.

Washington/Jackson. Dreimal war seine Hinrichtung angesetzt. Dreimal bekam Troy Davis Aufschub. Auch der vierte Exekutionstermin für den 1991 wegen Polizistenmordes zum Tode verurteilten Amerikaner wurde in letzter Minute verschoben. Für ein paar Stunden.

Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hatte die am Mittwochabend in Jackson im Bundesstaat Georgia für 19 Uhr Ortszeit (Donnerstag 1 Uhr mitteleuropäische Zeit) angesetzte Exekution des 42-Jährigen kurzfristig untersagt und auf Drängen des Todeskandidaten am späten Abend erneut über einen etwaigen Aufschub beraten.

Dem gleichen Wunsch hatte der Oberste Gerichtshof Georgias zuvor nicht entsprochen. Auch das Angebot Davis’, sich einem Lügendetektortest zu unterziehen, wurde von den örtlichen Justizstellen zuvor abgewiesen.

„Ein Wunder“ von kurzer Dauer

Dass sich der „Supreme Court“ mit seinen neun Richtern der Sache wie schon 2010 annahm, löste bei jenen, die Davis bis zuletzt für unschuldig hielten, geradezu Euphorie aus. „Ein Wunder“, sagte ein Vertreter eines großen Verbandes, der die Interessen der Schwarzen in Amerika vertritt. Das Wunder sollte nur von kurzer Dauer sein.

Vor dem Staatsgefängnis in Jackson hatten den ganzen Tag über Hunderte von Demonstranten ausgehaart. In Sprechchören („Todesstrafe? Zur Hölle Nein!“) forderten sie das endgültige Aussetzen des Todesurteils.

Davis bestritt die Tat bis zuletzt

Davis war, wie mehrfach berichtet, 1991 mit der Höchststrafe belegt worden. Er soll im August 1989 auf dem Parkplatz einer „Burger King“-Filiale in Savannah/Georgia den Polizisten Mark MacPhail erschossen haben. Davis bestritt die Tat bis zuletzt. Sieben von neun Zeugen aus dem damaligen Prozess haben in den vergangenen Jahren ihre belastenden Aussagen komplett zurückgezogen. Oder nachhaltig korrigiert. Eine Tatwaffe, DNA-Spuren oder anderweitig belastenden Indizien, die eindeutig gegen Davis sprachen, gab es nicht.

In den letzten Stunden hatte der umstrittene Fall, der aus Sicht von Kritikern exemplarisch die Schwachstellen des amerikanischen Strafrechts offenlegt, weltweites Aufsehen erregt. Hunderttausende Menschen unterschrieben Petitionen, die auf eine Begnadigung und Neuauflage des Verfahren drängten.

Ausschuss stimmte mit 3:2 Stimmen gegen eine Begnadigung

Zu den prominentesten Gegners des Todesurteils gehörte William S. Session, unter Präsident Ronald Reagan Direktor der Bundespolizei FBI. „Ernsthafte Fragen über die Schuld von Troy Davis, die sich aus Korrekturen mehrerer Zeugen, Vorwürfen gegen Einflussnahme der Polizei und einen Mangel an Beweisen ergeben, plagen nach wie vor die Legitimität dieses Urteils“, schrieb Session in der Zeitung „Atlanta Journal-Constitution“.

Einlassungen, die nicht ganz ohne Wirkung geblieben sein können. Nach Informationen der Menschenrechtsorganisation „amnesty international“ hatte der Begnadigungsausschuss des Bundesstaates Georgia am Dienstag lediglich mit 3:2- Stimmen Davis’ Antrag auf Aussetzen der Todesstrafe abgelehnt...

„Sprachlosigkeit“ im Weißen Haus

Noch bevor die höchsten Richter des Landes ihre Entscheidung bekanntgaben, wurde Kritik an der „Sprachlosigkeit“ des Weißen Hauses laut. Joy Freeman-Colbary, ein Anwalt für Menschenrechte, erregte sich in der „Washington Post“, dass Präsident Barack Obama öffentlich bis dato kein Wort dazu verloren habe. „Hat Obama Angst davor, Sympathie für einen Schwarzen zu zeigen. Oder ist er immun gegen die Bedenken von Schwarzen?“

Die großen amerikanischen Fernsehstationen wie CNN übertrugen stundenlang live, was sich vor dem Justizgebäude in Jackson abspielte. Hunderte Polizisten in Kampfmontur waren aufmarschiert. Offenbar in der Annahme, es könnte Ausschreitungen geben. Es blieb ruhig und friedlich. Viele, die im Regen warteten, darunter die Familie von Troy Davis, zitierten Bibelsprüche oder sangen Lieder wie „Lean On Me“.

Um 4.18 Uhr begann das Prozedere für die Exekution

Anneliese MacPhail, die Mutter des getöteten Polizisten, rang im Live-Interview mit CNN-Moderatoren-Star Anderson Cooper um Fassung. „Er ist schuldig. Er verdient seine gerechte Strafe“, sagte sie mit deutschem Akzent. Damit konfrontiert, dass sieben von neun Zeugen ihre belastenden Aussagen zu Ungunsten Davis’ zwischenzeitlich zurückgenommen haben, gab sich Frau MacPhail wortkarg: „Fällt denen nach 17 Jahren spät ein. Ich glaube das nicht.“

Um 22.18 Uhr Ortszeit (4.18 Uhr deutscher Zeit am frühen Donnerstagmorgen) durchkreuzte der Oberste Gerichtshof dann alle Gedankenspiele, die Troy Davis die Giftspritze hätten ersparen können. Ohne inhaltliche Begründung wurde das Ansinnen Davis’ auf Aufschub zurückgewiesen. Im Gefängnis von Jackson begann unmittelbar das Prozedere für die Exekution.

„Heute sind wir alle Troy Davis“

Um 23.20 Uhr Ortszeit berichteten Journalisten, die der Hinrichtung zusehen durften, dass Davis in den letzten Minuten vor seinem Tod ruhig und besonnen gewirkt habe. „Er bat um den Segen Gottes für jene, die ihm das Leben nahmen“, berichtete ein Reporter, „und an die Adresse der MacPhail-Familie sagte er, dass er nicht der Mörder ist“.

John Lewis, schwarzer Kongress-Abgeordneter der Demokraten und Gallionsfigur der Bürgerrechtsbewegung, erklärte in einer ersten Stellungnahme: „Heute sind wir alle Troy Davis.“

 
 

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