Trinken, bis der Arzt kommt

Julia Emmrich

Berlin. Aufgebrezelt und abgefüllt: Eine neue Generation von Mädchen bricht endgültig mit dem alten Klischee von der heimlichen Trinkerin.

Der „kontrollierte Kontrollverlust“, den sich viele Mädchen auf Partys, in Clubs oder bei privaten Sausen erhoffen, endet jedoch immer öfter im Krankenhaus. Bei den unter 15-Jährigen werden mittlerweile mehr Mädchen als Jungen mit Alkoholvergiftung eingeliefert.

Seit über 30 Jahren geht der Alkoholkonsum von Jugendlichen insgesamt zurück, während gleichzeitig der Anteil illegaler Drogen steigt. Der Trend kennt eine Ausnahme: In den letzten zehn Jahren ist die Zahl lebensgefährlich betrunkener Kinder und Jugendlicher stetig gewachsen – doch auf komatrinkende Mädchen hatte lange kaum jemand geachtet, geschlechtsspezifische Untersuchungen zum Trinkverhalten von Schülerinnen gibt es kaum.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP), beklagte gestern in Berlin, dass es auch über erwachsene Trinkerinnen zu wenige Studien gebe.

Eine Umfrage des Robert-Koch-Instituts (RKI) hatte im letzten Jahr gezeigt, dass gerade gebildete Frauen deutlich sorgloser mit Alkohol umgehen: 27 Prozent der Frauen mit höheren Bildungsabschlüssen, aber nur 18 Prozent der unteren Bildungsgruppe griffen regelmäßig zur Flasche. In dieser letzteren Gruppe finden sich auch die meisten Frauen, die komplett auf Alkohol verzichten. Mädchen mit Migrationshintergrund trinken ohnehin weniger als ihre deutschen Altersgenossinnen.

Eine wichtige Rolle spielt das Trinkverhalten der Mütter: Nur zwei von zehn Frauen gelingt es, in der Schwangerschaft gänzlich auf Alkohol zu verzichten.

Neue Kampagnen

Mindestens so schwerwiegend wie die vorgeburtlichen Schäden, sind allerdings die Alltagsbelastungen von Kindern mit trinkenden Eltern. Besonders dramatisch sind die Zahlen bei Mädchen, deren Mutter bereits alkoholkrank ist. Während Jungen hier offenbar widerstandsfähiger sind, steigt das Suchtrisiko für Mädchen in solchen Familien um das 16-fache.

Michael Klein, Psychologe an der Katholischen Hochschule NRW hat vierzehnjährige Jugendliche in Köln und Düsseldorf befragt: 80 Prozent der Mädchen mit alkoholkranken Müttern gaben an, selbst bereits heftig betrunken gewesen zu sein, bei den Jungen waren es nur 40 Prozent. Die Mädchen berichteten von großem Druck: Praktisch jede zweite hatte Angst - und Sorge um die Mutter.

Mechthild Dyckmans will Anti-Alkohol-Kampagnen besser zuschneiden – auf Mädchen, auf Akademikerinnen, auf werdende Mütter. Heidi Reinl, Pädagogin an der Hochschule Esslingen, ist skeptisch: „Die Mädchen sind nicht beeindruckt von solchen Kampagnen.“ Für die meisten sei Alkohol „kulturelle Chemie“ - und die haben sie im Griff. Glauben sie.