Transsexuelle streiten in der Türkei für ihre Rechte

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Ankara. Das Publikum ist begeistert, nach der Vorführung gibt es stehende Ovationen. So viel Zustimmung wie beim Theaterstück «Rosa und grau» erhalten Homosexuelle und Transsexuelle in der Türkei selten.

Im Alltag in diesem mehrheitlich muslimischen Land werden sie geächtet und diskriminiert. Doch das soll sich ändern. «Rosa und grau» ist die jüngste Initiative einer Bewegung von türkischen Homosexuellen und Transsexuellen. Sie steckt zwar noch in ihren Anfängen, verschafft sich aber zunehmend Gehör.

Der Applaus treibt den Schauspielern Tränen in die Augen. Gerade noch haben sie auf der Bühne darzustellen versucht, wie schwer und elend das Leben in der Türkei für Menschen sein kann, die mit ihrer sexuellen Orientierung von der Norm abweichen. Derya Tunc und Sera Can sind als Männer geboren, fühlen sich aber als Frauen. Hinter der Bühne werden sie mit Glückwünschen für ihre Auftritte überhäuft ­ eine willkommene Abwechslung zu ihrer Arbeit als Prostituierte. «Trotz all der Diskriminierung, die wir erleben, bedauere ich nicht, dass ich bin, wie ich bin», sagt Can. «Nur dass ich in der Prostitution gelandet bin, das bedauere ich.»

Fast alle Transsexuellen und Transvestiten in der Türkei verdienen ihren Lebensunterhalt als Prostituierte. In einer derart homophoben Gesellschaft bleibe ihnen keine andere Wahl, argumentieren sie. Sie fühlten sich von Homosexuellen «gestört», gaben drei Viertel der befragten Türken in einer kürzlich veröffentlichten Umfrage an. Dennoch: Einige der beliebtesten Sänger und Designer des Landes sind schwul.

Die türkische Polizei ist berüchtigt für ihr brutales Vorgehen gegen transsexuelle Prostituierte. Ihr werden Misshandlungen, Folter und gewaltsame «Aufräumaktionen» in den Istanbuler Vierteln vorgeworfen, in denen die Prostitution stattfindet. Seit Menschenrechte im Zuge der Bemühungen Ankaras um die Aufnahme in die EU thematisiert werden, hätten die Übergriffe der Polizei jedoch abgenommen, berichten Aktivisten. «Früher ging die Polizei mit Gewalt vor, jetzt verpassen sie uns nur Strafen» sagt Buse Kilickaya, die Vorsitzende des Vereins Pembe Hayat, «Rosa Leben», der sich für die Rechte von Transsexuellen einsetzt.

Transsexuelle und Transvestiten würden immer noch willkürlich festgenommen, manchmal wegen ihrer bloßen Anwesenheit auf der Straße, sagt die Anwältin Senem Doganoglu. «Ich hatte einen Fall, da wurde eine festgenommen, als sie abends Brot kaufen ging.» Weil Prostitution in der Türkei kein Verbrechen ist, verfolge die Polizei Transsexuelle beispielsweise wegen angeblicher Störung der öffentlichen Ordnung, erläutert die Juristin. Durch die regierende islamisch-konservative Partei AKP werde «das Klima der Intoleranz» noch verstärkt.

Im Gegensatz zu anderen islamisch geprägten Ländern sind in der Türkei Geschlechtsumwandlungen und gleichgeschlechtliche Beziehungen erlaubt, selbst in den Palästen der osmanischen Sultane liebten Männer Männer. Homosexualität und das Bekenntnis zum Islam schließen sich keineswegs aus. Mit seinem Bekenntnis, er sei ein «konservativer Schwuler», machte der Modeschöpfer Cemil Ipekci vor kurzem Schlagzeilen. Wäre er eine Frau, würde er ein Kopftuch tragen, sagte Ipekci.

Der Transgender-Verband in Ankara fordert sogar eine eigene Moschee, in der seine Mitglieder beten können, ohne Anstoß zu erregen. «Sie können uns doch wohl nicht verweigern, für unsere Erlösung zu beten, oder?», fragt der Vorsitzende des Verbandes, Oksan Oztok. (AFP)

 
 

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