Tote Seehunde im Wattenmeer geben Experten ein Rätsel auf

Robben auf einer Sandbank vor Schleswig-Holstein. Ihr enges soziales Gefüge begünstigt die Übertragung tödlicher Krankheiten.
Robben auf einer Sandbank vor Schleswig-Holstein. Ihr enges soziales Gefüge begünstigt die Übertragung tödlicher Krankheiten.
Foto: dpa
An der schleswig-holsteinischen Nordseeküste starben in zwei Wochen rund 150 Robben. Niemand weiß warum. Experten fürchten Zehntausende tote Tiere – wie 2002: Damals wäre der Seehund-Bestand im Wattenmeer beinahe ausgelöscht worden.

Husum.. In Schleswig-Holstein gibt es so maritime Berufe wie den des Seehundjägers. Eigentlich eine schöne Aufgabe; Robben werden im Norden schon seit 40 Jahren nicht mehr geschossen. Normalerweise kümmern sich die Seehundjäger im staatlichen Auftrag um verlassene Jungtiere, doch normal ist an der Nordsee längst nichts mehr. Seit Wochen finden sie Tag für Tag qualvoll verendete Tiere. Die Jäger müssen die Kadaver aufsammeln und sie zu Tierkörperbeseitigungsanlagen schaffen. Eine rätselhafte Krankheit hat bereits Hunderte Seehunde umgebracht. Die Ursache für das Massensterben kennt aktuell niemand.

Seit Anfang Oktober wurden an den deutschen Nordsee-Stränden bereits rund 150 tote Robben gefunden, sagt Hendrik Brunckhorst vom Nationalparkamt in Husum. „Seit vergangener Woche wurden allein auf Sylt 16 verendete Tiere entdeckt. Auf Helgoland und Amrum waren es täglich fünf bis zehn Tiere.“ Experten der Tierärztlichen Hochschule Hannover sind fieberhaft auf der Suche nach der Todesursache.

Es sind vor allem zwei Krankheiten, die infrage kommen: Die Tiere könnten mit einem Influenza-Virus infiziert sein, also an einer Art Robbengrippe leiden. Für diese Theorie sprechen die tragischen Ereignisse auf der kleinen dänischen Ostseeinsel Anholt: Seit August starben 200 bis 300 der 1500 dort lebenden Robben – bei einigen wurde ein Grippevirus nachgewiesen. Infizierte Tiere könnten der Krankheit den Weg von der Ost- in die Nordsee bereitet und ihre Artgenossen auf Sandbänken angesteckt haben.

Zwei Drittel aller Robben starben

Eine zweite Theorie schockiert manche Tierschützer noch mehr. Die Seehunde könnten an der Staupe erkrankt sein, einem Virus, das das Immunsystem der Tiere schwächt und binnen zwei Wochen zum Tod führen kann. Zweimal ist die Staupe in Nord- und Ostsee bereits ausgebrochen: 1988 starben 18 000 Tiere, 2002 sogar 21 700 – damals wäre die Seehund-Population fast ausgestorben, zwei Drittel des Bestandes verendeten. „Wir halten die Staupe für nicht so wahrscheinlich“, sagt Britta Diederichs, Seehund-Expertin des Nationalparkamts. „Aber wir sind in erhöhter Alarmbereitschaft.“

Umweltaktivisten sind sich sicher, dass das große Sterben auch mit der Meeresverschmutzung zu tun hat. Die gebürtige Lüdenscheiderin Janine Bahr gründete 2010 ein Robbenzentrum auf Föhr. Die 47-Jährige sagt: „Seit vier, fünf Jahren haben wir festgestellt, dass viele Tiere unter Lungenwürmern leiden. Das ist ein Indiz dafür, dass ihr Immunsystem geschwächt ist.“

Nach Angaben der Umweltschutz-Organisation Greenpeace beeinträchtigen Schadstoffe im Wasser den Organismus der Robben. Mit fatalen Folgen, denn die Körper der Meeressäuger seien vielfach zu schwach, um sich gegen Krankheitserreger zu wehren. Auf Föhr wurden allein in der letzten Woche 14 Kadaver angeschwemmt. Bahr: „Es sind aber noch viel mehr Tiere betroffen. Ich habe vom Schiff aus gesehen, wie tote Exemplare im Wasser treiben. Und manche werden nicht angeschwemmt, sondern sinken auf den Meeresgrund.“

Die Experten der Tierärztlichen Hochschule Hannover hoffen, im Lauf dieser Woche Ergebnisse präsentieren zu können.

 
 

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