Todesschütze von Ferguson würde nicht anders handeln

Hände hoch: Die Geste ist zum Symbol des Protestes in Ferguson geworden. Der 18-jährige Michael Brown soll so signalisiert haben, dass er unbewaffnet ist, bevor ein Polizist ihn erschoss.
Hände hoch: Die Geste ist zum Symbol des Protestes in Ferguson geworden. Der 18-jährige Michael Brown soll so signalisiert haben, dass er unbewaffnet ist, bevor ein Polizist ihn erschoss.
Foto: dpa
Schüsse und Feuer in den Straßen: In der US-Kleinstadt Ferguson herrscht Ausnahmezustand, seitdem ein weißer Polizisten einen schwarzen Jungen erschoss. Wieder einmal stellt sich die Frage: Werden die USA die Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen jemals überwinden? Unterdessen erklärte der Polizist, er würde wieder so handeln.

Ferguson.. Am Morgen danach ist John Belmar über sich selbst erschrocken. „Damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Das war schlimmer als die schlimmste Nacht im Sommer“, sagt der oberste Polizist von St. Louis und zieht erste Bilanz der Krawalle, die in der Nacht zu Dienstag Ferguson wieder zur landesweiten Top-Nachricht machten: Ein Dutzend ausgebrannte Häuser. Fast zehn Geschäfte zerstört oder geplündert. Mindestens drei Autos in Brand gesetzt. Ein Polizist angeschossen. 80 Demonstranten vorübergehend festgenommen. Schäden, die in die Millionen gehen.

Die 21.000 Einwohner zählende Kleinstadt im Bundesstaat Missouri steht nach der von Los Angeles bis New York mit Argwohn und Missfallen registrierten Entscheidung einer vorgerichtlichen Geschworenen-Jury, den weißen Polizei-Todesschützen des 18-jährigen Schwarzen Michael Brown nicht vor Gericht zu stellen, unter Schock.

Polizist äußert sich erstmals in TV-Interview

Unterdessen hat sich der Todesschütze Darren Wilson erstmals zu Wort gemeldet. Er bedauere den Tod des schwarzen Teenagers Michael Brown, würde aber nicht anders handeln, sagte er dem TV-Sender ABC. Er habe im August um sein Leben gefürchtet und nur seinen Job getan, sagte der Polizist nach Angaben des Senders weiter. Er habe ein reines Gewissen, sagte er am Dienstag.

Polizeichef: "Ich müsste 10.000 Beamte haben"

Trotz des vorher verhängten Ausnahmezustandes haben alle Aufrufe, auch die von Präsident Obama, zur Friedfertigkeit nicht verfangen. John Belmar zeigt sich ratlos: Um wirklich Ruhe herzustellen, sagt der Beamte mit bangem Blick auf die nächsten Wochen, „müsste ich 10.000 Beamte haben“.

Rückblick: Montagabend, 20.23 Uhr Ortszeit. Im wenige Kilometer entfernten Justizgebäude von St. Louis lässt Bezirksstaatsanwalt Robert McCulloch nach ermüdend langer Vorrede endlich die Katze aus dem Sack: Dreieinhalb Monate nach der tödlichen Konfrontation zwischen Michael Brown und Officer Darren Wilson am Canfield Drive steht fest, dass der Beamte sich nicht vor einem ordentlichen Gericht verantworten muss.

Die Geschworenen der „Grand Jury“ – neun Weiße und drei Afroamerikaner – haben nach 25 Sitzungen, 60 Zeugen-Vernehmungen, 70 Stunden Protokollstudium, Dutzenden Fach-Experten und Hunderten Fotos befunden, dass Wilson kein strafbares Fehlverhalten anzulasten ist.

"Mörder! Alles Mörder!"

Sie hielten es mit den mindestens erforderlichen neun Stimmen für hinreichend plausibel, dass der Polizist aus Notwehr handelte, als Brown ihn nach einem anfänglich lapidaren Disput zweimal tätlich angegriffen haben soll. Wilson feuerte zwölf Kugeln ab. Zeugenaussagen, die den Afro-Amerikaner im Moment der tödlichen Schüsse in Brust und Kopf in defensiver Hände-hoch-Pose beschrieben, standen laut McCulloch mehrere gegensätzliche Tatschilderungen gegenüber.

An der South Florissant Avenue, wo die Polizei von Ferguson ihr Hauptquartier hat, knallen in diesem Moment den ersten Demonstranten die Sicherungen durch. „Mörder! Alles Mörder!“-Rufe schallen durch die kalte Abendluft. Ein junger Schwarzer sackt auf dem Bürgersteig zusammen und heult wie ein Schlosshund: „Wir sind doch kein Freiwild. Das schreit nach Vergeltung.“ Kurz darauf sucht sich über Monate aufgestaute Wut blind ihr Ventil.

Tränengas und Pfefferspray

Aus dem Pulk der geschätzt 600 mehrheitlich friedfertigen Demonstranten, die „Keine Gerechtigkeit, kein Frieden“ rufen, lösen sich einzelne Vermummte. Sie werfen Steine und Molotow-Cocktails auf die hinter Absperrungen verschanzten Polizisten. Andere schlagen wahllos Fensterscheiben ein, plündern die Auslagen und setzen Autos und Geschäfte in Brand.

Die Ordnungsmacht reagiert mit kompromisslos harter Hand, fegt die Straße mit Tränengas-Granaten und Pfefferspray leer, was auch gewaltlosen Demonstranten und den Hunderten Medienvertretern bald Brechreiz und Augenbrennen verursacht. Mehr als einmal sind Pistolenschüsse zu hören. Über der Szenerie kreisen Polizeihubschrauber. Panisch rennen die Menschen auseinander. „Dass es keine Toten gab“, sagte am Dienstag ein aus Washington abkommandierter Beobachter der Bundespolizei FBI, „grenzt fast an ein Wunder“. (mit dpa)

 
 

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