Tierschützer werfen Bio-Betrieb Tierquälerei vor

Dieses Foto von leidenden Hühnern wurde auf einem Biohof gemacht.
Dieses Foto von leidenden Hühnern wurde auf einem Biohof gemacht.
Foto: Peta
Die Tierrechtsorganisation Peta kritisiert Missstände auf einem Biohof: gerupfte Hühner auf Eisenstangen, zwischen ihnen tote Artgenossen. Die Auslauffläche ist zwar vorhanden, für die Tiere aber nicht erreichbar. Der Betreiber des Hofes ist kein Unbekannter.

Düsseldorf. Gerupfte Hühner hocken auf Eisenstangen, auf dem nackten Beton dämmern federlose Tiere mit toten Augen vor sich hin. Zwischen den vor sich hin vegetierenden Vögeln liegen tote Artgenossen. Bei einem solchen Anblick vergeht der Appetit auf das frische Frühstücksei.

Das Erschreckende – neben dem ganz offensichtlichen Leid der Tiere: die Bilder stammen von einem Biohof. Und wurden im August und September aufgenommen. Von Stefan Bröckling, einem Aktivisten der Tierrechtsorganisation Peta.

Auf einem Hof der Tiemann-GmbH im niedersächsischen Twistringen. „Der gesamte Betrieb ist von Vogelmilben befallen“, sagt Bröckling. Und listet weitere Missstände auf. Der gesetzlich vorgeschriebene Auslauf existiere zwar, sei aber für die meisten Hennen nicht erreichbar. „Die Hühner müssen über bis zu fünf Kot-Förderbänder springen, um den Auslauf zu erreichen“, ergänzt er.

Eier zum Dumpingpreis

Die Vermutung liege da nahe, dass viele der Tiere den Weg nicht finden. Heinrich Tiemann ist kein Unbekannter in der Szene. Neben seiner GmbH arbeitet er auch als Geschäftsführer der Wiesengold Landei GmbH. „Wiesengold Landei-Hühnern geht es gut“, wirbt das Unternehmen im Internet. Wiesengold-Eier landen bei Edeka und Kaiser’s Tengelmann. 150 Millionen Stück, so schätzt Peta, verkauft das Unternehmen jährlich. Inzwischen aber keine Bio-Eier aus dem Stall in Twistringen mehr.

„Die gezeigten Bilder mit toten und kranken Tieren sind völlig unakzeptabel und zeigen, dass Naturland-Richtlinien wissentlich missachtet wurden“, sagt Naturland-Sprecher Steffen Reese. Die gezeigten Fälle brächten den Öko-Landbau und all die vielen Betriebe in Verruf, die erfolgreich und gewissenhaft eine artgerechte ökologische Tierhaltung betreiben. Sie verhöhnten zudem Bio-Kunden, die dies mit ihrer Kaufentscheidung fördern wollen.

Naturland hat inzwischen dem Geflügelbetrieb in Twistringen das Bio-Siegel aberkannt und für die Zukunft intensivere Kontrollen in den anderen zertifizierten Betrieben angekündigt.

„Nicht jeder Betrieb mit dem Bio-Siegel behandelt seine Tiere schlecht“, sagt Michael Lendle, Geschäftsführer des Bonner Instituts für nachhaltiges Management (ifnm). „Die Lebensmittel- und Agrarwirtschaft hat es vor zwei Generationen versäumt, Realitäten darzustellen“, sprich akzeptable Preise für gute Produkte zu fordern. Die Geiz-ist-geil-Mentalität sei mitverantwortlich für die miserable Behandlung der Tiere. Diese Menge Bio-Eier zu Dumpingpreisen – das könne nicht funktionieren. „Systemimmanent“, nennt Edmund Haferbeck, wissenschaftlicher Berater bei Peta, hingegen die Vorkommnisse auf den Geflügelhöfen.

Weniger als ein Viertel der vorgeschriebenen Fläche steht zur Verfügung

Um sein Argument zu unterfüttern, zeigt er Bilder von der Velberter Hühnerfarm von Richard Hennenberg. 2010 war das Unternehmen bereits ins Visier der Behörden geraten. „Statt der vorgeschriebenen 80 000 Quadratmeter Auslauf, stellte der Landwirt seinen Tieren nur knapp 15 000 zur Verfügung“, erklärt Haferbeck. Als Konsequenz wurde ihm das Bio-Siegel damals entzogen. Eberhard Jacobs vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen bestätigt den Vorfall, die Staatsanwaltschaft Wuppertal ermittelt seither gegen den Unternehmer.

Heute betreibt Henneberg in Velbert einen Betrieb mit Freilandhaltung. Die Fotos, die Bröckling im Oktober in den Ställen macht, zeigen ebenfalls gerupfte, rotleibige Hennen. Von wegen „Ich wollt, ich wär ein Huhn...“ Glückliche, gesunde Hühner auf sattgrünen Wiesen, die gibt’s wahrscheinlich nur beim Bauern um die Ecke. Und die legen keine Eier in Massen.

 
 

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