„Team Wallraff“ auf RTL: Schreckliche Szenen in Kliniken – Reporter fliegt auf, dann wird es richtig brenzlig

Das „Team Wallraff“ deckte unglaubliche Zustände in Psychiatrien und Jugendeinrichtungen auf.
Das „Team Wallraff“ deckte unglaubliche Zustände in Psychiatrien und Jugendeinrichtungen auf.
Foto: dpa/ RTL Montage: DER WESTEN
  • „Team Wallraff“: RTL-Doku undercover in Psychiatrien
  • Reporter fliegt auf
  • Teils schockierende Zustände und Maßnahmen in Psychiatrien und Jugendanstalten

Team Wallraff“ ist zurück. Und begibt sich dorthin, wo kaum jemand hin mag.

Die RTL-Doku war undercover in Deutschlands Psychiatrien unterwegs und entdeckte Zustände, die den Zuschauer fassungslos zurücklassen.

Team Wallraff auf RTL deckt unhaltbare Zustände in Deutschlands Psychiatrien auf

Mit versteckter Kamera macht sich Journalistin Stefanie Albrecht, Mitglied des „Team Wallraff“, als Praktikantin Petra in das Klinikum für Psychiatrie und Psychotherapie Frankfurt-Höchst, im Netz auch bekannt als „die schrecklichste Psychiatrie Deutschlands“.

Gewohnt reißerisch präsentiert das „Team Wallraff“ dann mit wackliger Kamera die Zustände in der Klinik. Dabei hätte es die gelegentliche Skandalisierung der Undercover-Reporter gar nicht gebraucht. Medikamente statt psychologischer Hilfe, genervte und überforderte Pflegekräfte und wochenlange Fixierungsmaßnahmen – die echten Zustände sind erschreckend genug.

Eine ältere Dame leidet an an Depressionen. Sie muss sich ein Zimmer mit einer schwer wahnhaften Frau teilen. Als Schwester Petra im Schwesternzimmer nachhakt, ob das denn sein müsse, bekommt sie schockierendes zu hören: „Vielleicht ist es mal eine kleine Lehre für sie und sie überlegt sich beim nächsten Mal, ob es wirklich notwendig ist, suizidale Äußerungen zu machen.“

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Fixierung über Wochen

„Sie haben kein Programm, keine Beschäftigung, deswegen sind sie auch so aggressiv“, gibt eine andere Schwester zu. Wenig später verweigert ein Patient seine Medikamente, schlägt sie einer Schwester aus der Hand. Die schlägt Alarm, ein Dutzend Mitarbeiter fixieren den Mann. Er kommt auf die Beobachtungsstation.

„Das ist genau die Psychiatrie, die wir nicht mehr haben dürfen“, sagt ein Experte schockiert. So könnten Patienten kein Vertrauen aufbauen zu den Menschen, die ihnen eigentlich helfen sollen. Manche Patienten, sagt eine Schwester gegenüber „Praktikantin Petra“, seien bis zu acht Wochen am Bett fixiert.

Dabei hat das Bundesverfassungsgericht nach Abschluss der Wallraff-Recherchen im Juli 2018 ein Urteil gesprochen, dass eine Fixierung nur als „letztes Mittel“ eingesetzt werde dürfe. Eine Fixierung, die länger als eine halbe Stunde dauert, muss von einem Richter angeordnet werden. In der Zeit muss eine Eins-zu-Eins-Betreuung erfolgen. Ein Arzt müsse das in kurzen Abständen neu einschätzen. Davon ist in dieser Frankfurter Klinik nichts zu sehen.

Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken sind eindeutig:

Chefarztvisite auf dem Flur

Bei der Chefarztvisite wird erstmal zwei Stunden über die Patienten gesprochen - nicht mit ihnen. 16 Sekunden nimmt sich der Chefarzt für einen neuangekommenen depressiven Patienten. Auf dem Flur heißt es: „Naja, sie sind ja depressiv, ne? Müsse wir jetzt gucken, dass wir ihre Medikation einstellen, dass sie da irgendwann wieder raus kommen. Auf Wiedersehen.“

„Das ist eine Alibiveranstaltung, ne Frechheit“, findet ein Experte. Doch kein Einzelfall, wie die Recherchen des RTL-Undercover-Teams zeigen. Denn auch in Stuttgart im Krankenhaus Furtbach macht Wallraff-Reporter Thorsten alias Pflegepraktikant Daniel schlimme Entdeckungen. Statt psychiatrischen Patienten werden seinen Recherchen nach Senioren hier geparkt, für die ein Pflegeplatz fehlt. „Die 80, 90-Jährigen, die bringen Geld“, mutmaßt eine Pflegerin dort. Auch im Berliner Vivantes Klinikum keine besseren Zustände. „Ein Ort zum Davonlaufen“, sagt der Undercover-Reporter.

Jugendeinrichtung: Jugendliche müssen auf Flur schlafen

Nächster Stopp ist das „Case Project“ in der Eifel. Hier müssen Jugendliche, wie Informant Justin, zur Strafe angeblich auf dem Flur schlafen.

Die Jugendhilfeeinrichtung verneint das. Ebenso schockierend: ein schallgedämpfter Deeskalationsraum, ohne Tageslicht, Toilette und Videoüberwachung – „hier kommt man rein, wenn man was angestellt hat“, erklärt eine Bewohnerin.

Die nächste Szene: eine Bewohnerin in emotionalem Ausnahmezustand wird von einer Betreuerin minutenlang die Treppe hoch und herunter gejagt. „Ich kann nicht mehr“, schreit die Bewohnerin. Die Betreuerin lässt sie weiterrennen und schleift sie auf ihr Zimmer. Die Einrichtung behauptet, „der Impuls wurde mit direkter Bewegung entschärft.“

Wenig später fliegt der Undercover-Reporter auf. Anwälte und Polizei durchsuchen seine Sachen, sogar sein Hotelzimmer wird durchsucht. „Sie haben versucht alles an Material zu bekommen, dass da nichts an die Öffentlichkeit kommt“, so der Undercover-Reporter.

Abmahnungen und Androhungen gegen Redaktion

Das TV-Team hat bei den Recherchen jede Menge Gegenwind bekommen, teilte RTL mit: „Nie zuvor wurde die Redaktion im Vorfeld einer Sendung mit so vielen Abmahnungen und anderen juristischen Androhungen überzogen, um die Ausstrahlung der Reportage zu verhindern.“

RTL-Rechtsanwältin Eva Pipke sagte gegenüber dem Medienmagazin meedia: „Aufgrund der enormen Missstände, die wir aufgedeckt haben, hatten wir uns dafür entschieden, trotz des Gegenwindes zu veröffentlichen”,

Günter Wallraff hatte vorab in einer Videobotschaft gesagt, dass noch nie so massiv versucht wurde, eine Sendung im Voraus zu verhindern: „Wir senden jetzt erst recht!“

Psychiater Jann E. Schlimme fordert angesichts solcher Bilder einen regelmäßigen „Psychiatrie-Report“. Denn was hinter verschlossenen Türen in Psychiatrien passiere, „kann dem Staat doch nicht egal sein“.

Positivbeispiel Herne

Doch die Doku zeigt auch ein positives Beispiel. Im St- Marien Hospital in Wanne-Eickel hat die geschlossene Abteilung keine verschlossenen Türen. Akutkranke Patienten werden mit fast gesunden Patienten zusammen in Doppelzimmer gelegt. Hier sieht man zum Abschluss endlich mal glückliche Bewohner. (ms)

Den Beitrag gibt es zum Nachschauen auf TVNow.

 
 

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